Gesprächsreihe "Wir sind das Volk!"

Gunter Weißgerber zu Gast in der "Runden Ecke" in Leipzig

In der Reihe „Wir sind das Volk“ – Montagsgespräche in der „Runden Ecke" diskutieren an jedem ersten Montag des Monats Tobias Hollitzer und Reinhard Bohse mit Zeitzeugen von ´89 über ihr Leben und Engagement vor, während und nach der Friedlichen Revolution. Gunter Weißgerber, Gründungsmitglied der Sozialdemokratischen Partei in der DDR (SDP) war eingeladen und stand Rede und Antwort.

Gesprächsreihe "Wir sind das Volk!"


„Mir ging es nicht um die Banane, mir ging es um die Sicherheit.“ Am 7. September 2009 begrüßte das Bürgerkomitee Gunter Weißgerber, Gründungsmitglied der Sozialdemokratischen Partei in der DDR (SDP) in Leipzig, Sprecher des Neuen Forums und Mitglied der ersten und einzigen frei gewählten Volkskammer beim Montagsgespräch in der „Runden Ecke“. Nach einem einleitenden Vorwort der beiden Moderatoren Reinhard Bohse und Tobias Hollitzer stand Gunter Weißgerber dem knapp 50-köpfigen Publikum zwei Stunden zur Verfügung, „um über sein Leben zu reden“.

Auf die Einleitungsfrage wann er den Ausruf „Wir sind das Volk“ erstmals gehört habe, konnte Weißgerber keine konkrete Antwort geben, nur, dass er es „phantastisch“ fand und sehr gerne mit einstimmte. Auch die Ereignisse um den gängig gewordenen Sprechchor waren für ihn bemerkenswert, die seiner Meinung nach unmittelbar dem Engagement des – auch diesen Montag anwesenden – Pfarrer Wonneberger zuzuschreiben waren.

Nach den einleitenden Fragen erzählte Weißgeber von seiner Kindheit und Jugend: Er wurde 1955 in Mildenau im Erzgebirge geboren. Sein Vater erlebte die Nachkriegszeit in russischer Kriegsgefangenschaft und wurde 1962 bei der Post entlassen. Seine Kindheit war somit schon früh von politischen Ängsten geprägt, wodurch er sich die Maxime setzte, „den richtigen Weg zu gehen“. Ebenso wurde ihm und seinem Bruder, die beide in Bölen zur Schule gingen, der Rat erteilt „ja sauber zu bleiben“. Deswegen war er bis zum Abitur bei den Jungpionieren und bei der FDJ, auch wenn er „kein gutes Mitglied“ war. Die regelmäßigen Befragungen von SED-Funktionären gingen Weißgerber „gegen den Strich“. Um für sein favorisiertes Bauwesenstudium nicht zu NVA zu müssen nahm er zunächst eine Stelle im Bergbau an und leistete seinen Wehrdienst bei einer Baueinheit ab, damit er mit seiner „scheiß Waffe nicht auf Deutsche zielen“ musste, wie er es drastisch formulierte.

Gunter Weißgerber ist getauft und besuchte mehrere Jahre die Christenlehre. Gläubig sei er nicht, respektiere aber den Glauben anderer und habe ein sehr „positives Verhältnis“ zur evangelischen Kirche. 1978 begann er nach einem Mathematik- und Physikstudium in Freiberg das Studium der Tiefbohrtechnologie. Dort hatte er einen großen Freundeskreis mit unterschiedlichen politischen Ansichten, darunter auch sozialdemokratische Tendenzen, wie er sie vertrat. Für ihn ergab sich dabei allerdings ein Dilemma: „Beruflich wollte ich was erreichen aber politisch war ich ganz anders drauf. Wie kriegt man das hin?“ Über politische Ereignisse waren Weißgerber und seine Freunde stets gut informiert. So lieferten Themen, wie beispielsweise die Ausbürgerung Biermanns, ständig Stoff für Diskussionen.

Nun konzentrierten sich die Moderatoren stärker auf die politischen Geschehnisse im damaligen Ostblock. Von den Ereignissen um den Prager Frühling 1968 in der CSSR hatte Weißgerber zwar gehört, jedoch war er mit seinen 14 Jahren noch zu jung um sich ernstere Gedanken zu machen. Kritisch sah er es aber schon damals. Ob denn die Solidarnosc-Bewegung in Polen ein Thema war? So die Frage von Tobias Hollitzer. Die habe er natürlich mitbekommen, fand sie faszinierend aber auch bedrückend. Zu diesem Zeitpunkt hätte er sich vorstellen können, politisch tätig zu werden. Nur war das ausschließlich unter dem Dach der evangelischen Kirche möglich, die er dafür nicht „missbrauchen“ wollte. Die polnische Bewegung war aber seiner Meinung nach sehr „wichtig, um das sowjetische Kolonialsystem mürbe zu machen.“ Zwei weitere wichtige Ereignisse zum Umdenken waren für Weißgerber natürlich auch der Amtsantritt Gorbatschows und die Wahl Karol Wojtylas zum Papst.

Hinsichtlich der Friedensbewegung in der DDR orientierte sich Weißgerber an seinen sozialdemokratischen Vorbildern Willi Brandt und Helmut Schmidt. Er befürwortete den Nato-Doppelbeschluss und auch wenn er von der SPD im Bezug auf Schmidts Absetzung enttäuscht war, stand für ihn nach wie vor fest: „Wenn ich die Chance habe, dann werde ich Sozialdemokrat.“, Wie habe er denn als „Sozialdemokrat im Wartestand“ die SED empfunden? so die Frage von Reinhard Bohse. Für ihn war es unverständlich, dass die SPD als Regierungspartei mit der SED, die verantwortlich war für Unfreiheit und Stasi, auf einer Ebene debattierte. Die SPD bestand in seinen Augen aus Politikern, die SED kam Gefängniswärtern gleich. „Sie gehörten einfach nicht zusammen“.

Weiter fragte Tobias Hollitzer, wie er denn die Bewegung ab 1988 bis hin zu den Friedensgebeten erlebte. Wie seine, schon in der Jugend getroffene Devise lautete, wollte er für eine Verbesserung der DDR keine Risiken eingehen. Insgeheim hielt auch von Verbesserungen nicht viel; er wollte die DDR abschaffen. Über die Demonstrationen habe er sich gefreut, schlichtweg nur weil sie „die Brüder da oben geärgert haben“. Weißgerber unterschrieb für das Neue Forum (auch wenn er sich eigentlich als Sozialdemokrat sah) aus der Ansicht heraus: „Die Geschichte muss aufgearbeitet werden. Nie wieder darf so etwas passieren.“ Den 9. Oktober 1989, den Tag der entscheidenden Montagsdemonstration, verbrachte Weißgerber im Betrieb, war sich aber über den friedlichen Ausgang gewiss. Im Zuge dieser Tage hatte er auch von der Gründung einer sozialdemokratischen Partei in Berlin gehört, der er sofort beitreten wollte. Erste Versuche sich einzuschreiben, schlugen jedoch fehl. Am 7. November 1989 konnte er sich aber über Matthias Bertram als einer von 150 der Leipziger Initiativgruppe zur Gründung der Sozialdemokratischen Partei in der DDR (SDP) anschließen. Jedoch stellte sich recht bald heraus, dass sich diese Gruppe eher durch hohe Ideale, als durch politische Professionalität auszeichnete, was wie Weißgerber selber meint „verheerend“ war. Trotzdem sieht er mit stolz auf die Gründung seiner Partei zurück: „Wir waren an diesem historischen Tag dabei – in Zukunft machen wir es besser.“

Ab dem 7. November sprach die SDP auch öffentlich. Trotzdem wurde sie in der Zeit des Umbruchs kaum angehört. So übernahm Gunter Weißgerber das Ruder und meldete sich ab dem 14. November als ständiger Redner der SDP. Wichtig war ihm, dass sich Belastete nicht mittels Persilscheine der Verantwortung entziehen konnten.

Der Mauerfall war dann auch für ihn ein bedeutendes Erlebnis, auf das er hingearbeitet hatte. Zu enthusiastisch war er allerdings nicht, da er die Gefahr erkannte, dass das Alte recht schnell wiederkehren konnte. Als es Ende 1989 um die „deutsche Frage“ ging, war seine Meinung klar: „Es gibt kein Volk der DDR – es gibt ein deutsches Volk in zwei deutschen Staaten.“ Außerdem nannte Weißgerber die Schlagwörter „Einheit, Demokratie, Freiheit!“ So konnte für ihn die Wiedervereinigung gar nicht schnell genug gehen, schon um einer „Wiederkehr des Alten“ vorzubeugen.

Die bemerkenswerte Entwicklung vom Montagsdemonstrationsredner zum Wahlkandidaten und schließlich zum Bundestagsabgeordneten der SPD beruhte auf seiner Entscheidung, „den Weg zu gehen und mitzugestalten“. Das Ergebnis: er wurde als siebter von sieben Sozialdemokraten (42 waren angetreten) in die Volkskammer gewählt und landete im Wirtschaftsausschuss, was, wie er sagt, damals niemanden interessierte. Überhaupt, so meint Weißgerber in der Rückschau, habe sich die erste demokratisch gewählte Volkskammer „tot gearbeitet“ und dass dieses Pensum auch für so ein „fleißiges Parlament“ „kein Jahr durchzuhalten“ ist.

Als er am 3. Oktober 1990 Mitglied des Bundestages wurde, sei er da am Ziel seiner Wünsche gewesen, wollten die beiden Moderatoren wissen. „Die Ziele waren noch lange nicht erreicht“, so Weißberger. Dazu gehörte unter anderem, den Sitz eines hohen deutschen Gerichtes nach Leipzig zu verlegen (BVG) und die Bildung einer Enquetekommission zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Letzteres wurde vom Bundestag sehr schnell initiiert. „Mir ging es nicht um die Banane, mir ging es um die Sicherheit. Es wird sich für alle viel verändern, vor Allem für die 16 Millionen Ostdeutsche.“, für die er es sich besonders einsetzte. So sagt er selbst, er habe viel für Ostdeutschland und die Stadt Leipzig erreicht, doch sagt er auch: „In der Politik erreicht man gar nichts, wenn andere nicht mitziehen.“

Zum Abschluss des Gesprächs stellten die Moderatoren noch Fragen zur aktuellen politischen Thematik, hinsichtlich der Landtagswahl in Sachsen und der immer weiter sinkenden Wahlbeteiligung, die Weißgerber recht zuversichtlich beantwortete. Wahlkampf machen wollte er am Ende des neunten Montagsgesprächs jedoch nicht mehr, hatte er sich doch entschieden, nicht mehr für den Bundestag zu kandidieren.

Zurück Zurück

Partner:
 

Bundesstiftung AufarbeitungDie Bundesbeauftragte für die Unterlagen deStaatssicherheitsdienstes der ehemaligen DeutschenDemokratischen RepublikFreistaat Sachsen

 

Weitere Kooperationen:
 

Zentrum für zeithistorische Forschung PotsdamHumanities, Sozial- und Kulturgeschichte