Gesprächsreihe "Wir sind das Volk!"

Christoph Wonneberger zu Gast in der "Runden Ecke" in Leipzig

In der Reihe „Wir sind das Volk“ – Montagsgespräche in der „Runden Ecke" diskutieren an jedem ersten Montag des Monats Tobias Hollitzer und Reinhard Bohse mit Zeitzeugen von ´89 über ihr Leben und Engagement vor, während und nach der Friedlichen Revolution. Diesmal sprachen sie mit Christoph Wonneberger, ehemaliger Pfarrer der Leipziger Lukas-Gemeinde.

Gesprächsreihe "Wir sind das Volk!"


„Ja, ich kann mich erinnern.“ Manche Dinge brennen sich ins Gedächtnis ein und sind auch nach 20 Jahren immer noch präsent. So geht es Christoph Wonneberger mit den Erfahrungen, die er vor und während der Friedlichen Revolution gemacht hat. Am Pfingstmontag, dem 1. Juni, war der ehemalige Pfarrer der Leipziger Lukas-Gemeinde beim Montagsgespräch zu Gast, um über das Leben in der DDR im Allgemeinen und seine Erlebnisse 1989 im Besonderen zu berichten. Trotz angeschlagener Gesundheit stand der mittlerweile sechste Gast der Veranstaltungsreihe mit Witz und Charme den Moderatoren Reinhard Bohse und Tobias Hollitzer vor 177 Besuchern zwei Stunden lang Rede und Antwort.

Wonneberger nahm den Sprechchor „Wir sind das Volk!“ zum ersten Mal am 16. Oktober 1989 bewusst war, glaubte sich aber zu erinnern, dass sie diese Formulierung bereits am 9. Oktober in einem Flugblatt verwendet hatten. Vielleicht findet man in seinen Flugblättern Spuren seiner Leidenschaft für Sprache, die in jungen Jahren sogar stärker war, als das Interesse an der Theologie. Als Sohn eines Pfarrers wurde Christoph Wonneberger 1944 in der Nähe von Anaberg geboren und wollte zunächst auf keinen Fall in die Fußstapfen des Vaters treten, der zu sehr „mit seinem Beruf verheiratet war und keine Zeit für die Familie hatte.“ Doch engagierte er sich schon früh in der Kirche, statt zur FDJ ging er lieber zur Jungen Gemeinde.

Durch den Beruf seines Vaters wurde ihm der Zugang zur EOS und somit auch zum Abitur verwehrt, so dass er nach dem Abschluss der 10. Klasse eine Lehre zum Maschinenschlosser bei der Firma Diamant begann. Diese handwerkliche Tätigkeit machte ihm zwar Spaß, doch hatte er Zweifel, ob sie ihn für den Rest seines Lebens ausfüllen würde. Zur intellektuellen Selbstverwirklichung in Form eines Studiums blieb ihm ohne Abitur nur die Möglichkeit des Theologischen Seminars in Leipzig. Nach zwei Jahren wechselte er von dort an die Universität nach Rostock, wo es für ihn einfacher war, seine Interessen auch über die Theologie hinaus zu verfolgen. Rasch fühlte er sich heimischer als in Leipzig und versuchte etwa mit Kommilitonen eine eigene FDJ-Gruppe zu gründen und diese mit anderen Theologischen Fakultäten DDR-weit zu vernetzen. Diese Bestrebungen nach Veränderungen waren aber nur wenig erfolgreich und brachten einigen Kommilitonen sogar Haftstrafen ein. 1969 nahm Wonneberger an einer Sommerakademie mit Professoren aus Westdeutschland und Skandinavien zum Thema alternativer Gottesdienstgestaltung teil, wo ihn die dort gesammelten Eindrücke inspirierten mit einigen Kommilitonen zusammen eine „Bier-Messe“ zu erarbeiten, die im Rahmen des Theologenballes präsentiert wurde. Mit dem Erfolg, dass sie zur Strafe ihr Examen ein halbes Jahr eher ablegen mussten, weil der „Spaß“ politisch interpretiert wurde.

Seinen ursprünglichen Vorbehalten zum Trotz wurde Wonneberger doch Pfarrer und arbeitete bereits während seiner ersten Anstellung in Taucha mit Jugendlichen zusammen, die sich auch unabhängig von der Jungen Gemeinde organisieren wollten. 1977 wechselte er zur Weinbergsgemeinde nach Dresden, die einen Gemeindepfarrer mit Schwerpunkt Jugendarbeit suchten. Dort organisierte Wonneberger beispielsweise Auftritte von Musikern, für die sich die Jugendlichen interessierten:„Jeder, der verboten war, ist bei uns aufgetreten, außer Biermann, der war da schon weg“. Dieses Engagement hatte auch unangenehme Folgen: regelmäßige Gespräche mit Vorgesetzten oder der Stasi, meist mehrmals in der Woche.

Als 1978 der Wehrkundeunterricht ab der 8. Klasse als Pflichtfach eingeführt wurde, entwickelte Wonneberger aus seiner Gemeindearbeit mit Jugendlichen und seiner Tätigkeit in einem vernachlässigten Altersheim heraus die Idee des „Sozialen Friedensdienstes“ (SoFD). Er trug sich zunächst einige Zeit mit dem Plan, „als ob man schwanger wäre“, als sie dann „geboren“ wurde, sorgte sie DDR-weit für Furore. Über das Prinzip des Kettenbriefes verbreitete sich die Idee wie ein Lauffeuer. Außerdem gelang es Christoph Wonneberger durch regelmäßige Friedensgebete, die sonst nur während der Friedensdekaden im Novemebr stattfanden, das Konzept „Sozialer Friedensdienst“ zu institutionalisieren.

1985 wechselte Wonneberger, der sich „beim König nicht so wohl gefühlt“ hatte, von Dresden nach Leipzig in die Lukas-Gemeinde Volkmarsdorf. Schon nach kurzer Zeit wurde er hier zum Mentor der Leipziger Opposition, setzte sein Engagement in der Friedensbewegung fort, suchte neue Leute. Er wurde zuständig für die Friedensgebete unter anderem auch in der Nikolaikirche, und trug hier gemeinsam mit den Gruppen zu deren Politisierung bei. 1986 war er Mitbegründer der AG Menschenrechte, die derartige Verletzungen in der DDR öffentlich machen wollte.

Die Entwicklungen in der UdSSR mit dem Machtantritt Gorbatschows waren für Wonneberger nur eine „angenehme Begleiterscheinung“, bestärkten ihn aber in seinem Tun. Indem er durch seine Aktionen immer öfter politisierte, um wirklich etwas in der Gesellschaft zu verändern, kam es unweigerlich zu Zusammenstößen mit der Kirchenleitung, die ihm dann 1988 die Koordination der Friedensgebete entzog. Doch Wonnerbeger, für den dieser Schritt etwas unerwartet kam, ließ sich davon nicht beirren: Auf dem Statt-Kirchentag 1989, den er als Antwort auf den offiziellen Kirchentag in Leipzig organisierte, angesprochen, erzählte er, dass sie damals gar keine andere Möglichkeit hatten, als selbst etwas zu initiieren, da die Gruppen mit ihren Themen im offiziellen Programm nicht vorgesehen waren. Die Lukaskirche war ohnehin nicht Teil des Kirchentages, da die Umgebung wenig vorzeigbar war, und bot sich daher als Veranstaltungsort an. Das Programm wurde dort von allen Beteiligten gemeinsam erarbeitet, der offizielle Kirchentag distanzierte sich davon ausdrücklich.

Im Laufe des Jahres 1989 waren immer mehr Teilnehmer am Friedensgebet und der anschließenden Montagsdemonstration Ausreisewillige. Diese „Ausreiser“ haben damals die „Hierbleiber“ quasi dazu „genötigt, radikaler zu werden“, so Wonneberger. Er selbst hatte die Frage nach einer Ausreise für sich bereits sehr früh geklärt. Als am 13. August 1961 die Mauer gebaut wurde, befand sich der damals fast 18-jährige mit seiner Familie im Urlaub im Allgäu. Sein Vater stellte es ihm damals frei, ob er mit in die DDR zurückkehrte oder lieber im Westen bleiben wollte. Da die DDR trotz allem seine Heimat war, kehrte er bewusst dorthin zurück, auch wenn diese Entscheidung vielleicht nicht so überlegt war, wie zu einem späteren Zeitpunkt.

Gefragt, ob er die Entwicklung 1989 erahnt habe, erwiderte Wonneberger, er sei der festen Überzeugung gewesen, „wenn einmal der Bann gebrochen ist, dann bricht sich schnell alles Bahn.“ Am 25. September war er für das Friedensgebet verantwortlich und sah es als seine Pflicht an, die Gemeinde innerlich zu stärken und ihr zu helfen die schlechten Erinnerungen an die Polizeigewalt der Vormontage zu überwinden. Für den 9. Oktober wurden dann 30.000 Flugblätter mit einem Aufruf zur Gewaltlosigkeit verteilt, da der Eindruck vorherrschte, die Situation würde eskalieren. Wonneberger selbst war an diesem Tag Informationsstelle für die Gruppen, er war jedoch auch noch einmal in die Stadt gefahren, um sich selbst ein Bild von der Lage zu machen.

Kurze Zeit nach diesem entscheidenden Durchbruch erkrankte Wonneberger schwer und musste sich vollständig von allen Tätigkeiten zurückziehen. Noch heute kann man ihm die Folgen der Krankheit anmerken. Er war jedoch schon davor zu der Überzeugung gekommen, dass er seine Rolle gespielt habe und eigentlich nicht mehr notwendig sei, weil die „Leute laufen gelernt haben“.

Ein Besucher fragte ihn, wie es ihm damit gehe, dass seine Person in der Öffentlichkeit und bei den Medien, im Zusammenhang mit der Friedlichen Revolution, meist ins Hintertreffen gerate. Darauf meinte Wonneberger, er habe damit prinzipiell kein Problem, er werde nur „giftig“, wenn sich Leute mit fremden Federn schmücken, „bei den eigenen ist es okay“. Als nach einem Auslöser für sein aktiv werden in der Opposition gefragt wurde, sagte Wonneberger, er habe sich nie als Opposition gefühlt, wenn man in einer Gesellschaft leben wolle, müsse man sie mit verändern. Und diese Einstellung vom „mit verändern“ gilt für ihn heute noch genauso wie vor 20 Jahren.

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