Gesprächsreihe "Wir sind das Volk!"

Cornelia Matzke zu Gast in der "Runden Ecke" in Leipzig

In der Reihe „Wir sind das Volk“ – Montagsgespräche in der „Runden Ecke" diskutieren an jedem ersten Montag des Monats Tobias Hollitzer und Reinhard Bohse mit Zeitzeugen von ´89 über ihr Leben und Engagement vor, während und nach der Friedlichen Revolution. Diesmal war die Ärztin und ehemalige Bürgerrechtlerin Cornelia Matzke zu Gast.

Gesprächsreihe "Wir sind das Volk!"


„Und wenn sie schießen, es ist mir egal, so kann es schließlich nicht weitergehen,“ diesen Satz betont Cornelia Matzke mehrmals hintereinander und eindringlich, als sie von ihren Empfindungen am 9. Oktober 1989 spricht, an dem sie nach ihrem Dienst als Ärztin in der Poliklinik Paunsdorf an der entscheidenden Montagsdemonstration teilnahm. Obwohl sie vorher auf ihrer Arbeitsstelle gewarnt worden war, dass an dem Abend geschossen würde, siegte der Mut über die Angst, die sie natürlich auch hatte.

Über zwei Stunden erzählte Cornelia Matzke vor rund 70 Besuchern unter der Moderation von Tobias Hollitzer und Reinhard Bohse von ihrem Leben. Die Leipziger Ärztin erlebte die Ambivalenz der DDR schon sehr früh. Als ältestes von drei Kindern in Leuna, wo der Vater arbeitete, aufgewachsen, neben der Saale „ein einziger stinkender Fluss“, habe sie eine Erziehung in beide Richtungen erlebt: Der Vater, der aus kleinbäuerlichen Verhältnissen stammte, empfand die DDR als Befreiung, als ein System, in dem jemand wie er studieren konnte. Die Mutter dagegen kam aus einer besser gestellten und christlich geprägten Bauernfamilie und erlebte die DDR als Einschränkung. Unter diesem Einfluss wuchs Cornelia Matzke auf und besuchte sowohl den Religionsunterricht als auch die Pionierorganisation. Das sei nicht immer einfach gewesen, so verschiedene Ansätze unter einen Hut zu bringen, doch habe sie sich das als offenes und begeisterungsfähiges Kind eben so zurecht gelegt. Doch „wie die DDR vorgeben konnte sozialistisch, also sozial zu sein und es gleichzeitig nicht war“, konnte sie als Jugendliche nicht mehr verstehen. Das Soziale als Voraussetzung für ein demokratisches Miteinander sollte im Verlauf des Gespräches immer wieder eine Rolle spielen.

Andere Ideen bekam sie durch das, was sie neben der Schule gemacht hat, sie spielte in einem Akkordeon-Orchester, sang und nahm an Mathe-Olympiaden teil. Die EOS konnte sie aufgrund ihrer guten Noten besuchen und wählte 1981 das Medizinstudium als Kompromisslösung zum Gesangs- oder Physikstudium, zu denen es ihr an Ermutigung von außen fehlte.

Das Studium empfand sie als Befreiung von den Gängeleien in der Schule und kam nach einem Jahr der Pendelei in einer halblegalen WG in Leipzig unter. In dem besetzten Haus sei sie mit einer bunten Truppe an Menschen zusammengekommen, die auch „den direkten Konflikt mit der Staatsmacht gesucht“ hätten. Das habe sie immer unterstützt, doch zögerte sie zum Beispiel Aufrufe zu unterschreiben, aus Angst, ihren Studienplatz zu verlieren. Statt dessen schrieb sie Eingaben, engagierte sich in einer an den Kulturbund angegliederten Fahrradgruppe für neue Fahrradwege und verfasste zusammen mit anderen unter einem Pseudonym ein Theaterstück über die Frage des Faschismus, das sie in der Leipziger Spielgemeinde aufführte. Auf die der Spielgemeinde wohlbekannten Stasi-Leute, die sich diese Stücke ansehen sollten, habe man mit Humor reagiert, indem man ihnen vor der Aufführung Zettel und Stift zum besseren Mitschreiben und Merken in die Hand drückte. Es sei ohnehin unglaublich gewesen, wie man die humorlose Absurdität des Systems immer wieder habe vorführen können.

Cornelia Matzke erzählt, wie sie als junge Ärztin 1987 aus der Gewerkschaft ausgetreten sei, was eigentlich gar nicht möglich war. „Ich bin eine glühende Gewerkschafterin und wenn es einmal eine Gewerkschaft gibt, die diesen Namen verdient, werde ich sofort eintreten“, so ihre Worte. Sie blieb dabei, der Austritt hatte keine weiteren Konsequenzen, da sie als Fachkraft in dem Moment auf Ihrer Arbeitsstelle gebraucht wurde. Beängstigen fand sie damals in ihrem Beruf den Bereitschaftsdienst bei besonderer Wetterlage, was nichts anderes hieß als Smog. Sich um Asthma- und Bronchialkranke zu kümmern, „wenn man selbst kaum atmen konnte“, in den Momenten wurde Cornelia Matzke klar, dass in diesem System etwas nicht stimmen konnte. Zu einer Ausreise habe sie sich allerdings nie wirklich entschlossen. Zum einen sei sie zu verwachsen mit ihrer Scholle gewesen, habe einen sehr engen Kontakt zu ihrer Familie und außerdem keine Verwandten im Westen.

Bis 1989 habe sie sich weniger an politischen Aktionen beteiligt, jedoch Gesprächskreise organisiert, in die glücklicherweise „niemand eingedrungen“ sei. Dort habe man über unterschiedliche Probleme der DDR diskutiert, russische Zeitungen gelesen und sei sich trotz der unterschiedlichen Meinungen darüber einig gewesen, dass es mit der DDR so nicht weiter gehen konnte.

Von dem von Bürgerrechtlern organisierten Straßenmusikfestival im Juni 1989, erfuhr Cornelia Matzke über Bekannte und nahm daran teil. Bei der anschließenden „Zuführung“, bei der sie freiwillig auf den Lastwagen der Volkspolizisten stieg, der die Teilnehmer abtransportierte, musste man endlich „Position beziehen“. Sie wollte damit zeigen, dass es eben keine Randalierer waren, sondern ganz normale Menschen, die in der Leipziger Innenstadt Musik machten. Auch hier zeigte sich wieder die Humorlosigkeit des Systems: Nach der Festnahme empfanden es die Wärter zu „provokant“, dass die Festgenommenen Bach spielen wollten.

Gerade nach der Erfahrung durch das Straßenmusikfestival ging Cornelia Matzkes Engagement immer stärker in eine politische Richtung. Unter dem Eindruck der Ereignisse in auf dem Platz des himmlischen Friedens in Peking, wollte sie sich keine Angst vom SED-Regime einjagen lassen und nahm sowohl am Statt-Kirchentag als auch an der anschließenden Demonstration teil. Im September folgte ein Treffen von Bürgerrechtlern in Templin bei dem Pfarrerehepaar Kasner, den Eltern Angela Merkels teil, bei dem diskutiert wurde, wie es mit der Zukunft der DDR. weitergehen solle. An den Montagsdemonstrationen habe sie zunächst nicht teilgenommen, da sie zu dem Zeitpunkt immer Spätsprechstunde hatte, deren Entwicklung habe sie allerdings froh gestimmt. Am 2. und 9. Oktober demonstrierte sie jedoch mit.

Seit 1987 war sie mit feministischer Literatur in Berührung gekommen und interessierte sich mehr und mehr für die politischen und sozialen Belange von Frauen. Als sie von der Gründung des Neuen Forums im September hörte, suchte sie begeistert Kontakt zu den Sprechern und schrieb sich beim Bürgerrechtler Jochen Läßig ein. Dieser ermutigte sie dazu, sich der Belange der Frauen anzunehmen, denn so jemand war im Neuen Forum noch nicht vertreten. Dies war von nun an ihr Thema: Zusammen mit einer befreundeten Ärztin schrieb sie eine Resolution und gründete im November eine Fraueninitiative. Dieses Thema sollte sie auch von 1990 bis1994 als Abgeordnete im Sächsischen Landtag begleiten.

Im Rückblick auf Ihr Engagement 1989 räumt Cornelia Matzke jedoch auch Fehler ein: Sie sei damals gegen die Auflösung der SED gewesen, da sie der Meinung war, diese würde sich schon von allein auflösen. Das sollte sich für sie mit der Gründung der PDS, die immer noch „ein wenig zu sehr SED“ gewesen sei und später der LINKEN als Trugschluss erweisen. Auch die unterschiedlichen Meinungen innerhalb der Bürgerbewegung und das mangelnde Interesse für organisatorische oder soziale Fragen führten zu deren Misserfolg. Die Bürgerbewegung wollte eben die Teilung nicht sofort überwinden wie die Mehrheit der Bevölkerung. Der CDU-Kanzler Helmut Kohl habe dies erkannt und sich eben so als Einheitskanzler generieren können, was er nach Matzkes Meinung nicht war. Auch hätte man sich schon viel früher die internationale Dimension dieses Umbruchs wahrnehmen müssen.

Wie sie nach 89 in die Politik gekommen sei? „Das war eine 15-Minuten-Entscheidung“, antwortete Matzke. Sie habe sich damals noch für das Neue Forum aufstellen lassen, da alle anderen weiblichen Kandidatinnen ehemalige SED-Mitglieder waren. Als das Neue Forum den Bündnis/Grünen angegliedert worden war, saß sie als Abgeordnete vier Jahre lang im Landtag und betreute den Bereich Frauen, Familie und Soziales. Themen wie gute Kinderbetreuung oder die Abschaffung des Paragraphen 218 seien damals wichtig gewesen. Der Austritt aus der Politik resultierte unter anderem aus ihrer Unzufriedenheit mit dem Neuen Forum, das sich ihrer Meinung nach von Bündnis 90/Die Grünen „schlucken“ ließ.

Als „unvollendete Revolution“ bezeichnet Cornelia Matzke die Ereignisse von 1989. Die politische Frage sei damals geklärt worden, die soziale stehe noch aus. Ob sie Ideen zur Vollendung habe? Es würde darum gehen, die Menschen vor Ort entscheiden zu lassen, was aus ihren Betrieben, ihrer Infrastruktur oder ihrer Umwelt wird. Eine Art Räterepublik vielleicht, doch eben kontrolliert, dynamisch und demokratisch. Für wie realistisch sie diese Ideen hält, das verriet Cornelia Matzke nicht, doch sei für sie klar: die Befreiung und Gleichberechtigung der Frau hänge enorm von der sozialen Frage ab. Über diese Frage diskutiert sie weiterhin mit Gewerkschaften und Vereinen. Auch wenn sie sich mittlerweile aus der Politik zurückgezogen habe, abgeschlossen habe sie damit noch lange nicht.

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