Gesprächsreihe "Wir sind das Volk!"

Edgar Dusdal zu Gast in der "Runden Ecke" in Leipzig

In der Reihe „Wir sind das Volk“ – Montagsgespräche in der „Runden Ecke" diskutieren an jedem ersten Montag des Monats Tobias Hollitzer und Reinhard Bohse mit Zeitzeugen von ´89 über ihr Leben und Engagement vor, während und nach der Friedlichen Revolution. Diesmal war der ehemalige Bürgerrechtler Edgar Dusdal geladen.

Gesprächsreihe "Wir sind das Volk!"


„Es ist gut so wie es jetzt ist.“ Der ehemalige Bürgerrechtler Edgar Dusdal, der am 6. April beim Montagsgespräch zu Gast war und heute als Pfarrer in Berlin-Karlhorst tätig ist, scheint mit seinem Schicksal augenscheinlich sehr zufrieden. Er lebe in der Gegenwart und trauere alten Zeiten nicht hinterher. Auch der vierte Gast der Veranstaltungsreihe „Wir sind das Volk!“ – Montagsgespräche in der „Runden Ecke“ stand den Moderatoren Reinhard Bohse und Tobias Hollitzer vor fast 70 Besuchern zwei Stunden lang Rede und Antwort zu seinem Leben und seinem Engagement vor, während und nach der Friedlichen Revolution.

Den Sprechchor „Wir sind das Volk!“ habe er wie viele andere auch zum ersten Mal am 9. Oktober 1989 gehört und konnte sich noch gut daran erinnern, dass die Demonstranten damit der Unterstellung, sie seien Rowdys, widersprechen wollten. 1989 ging es mit dem ersten „Arbeiter- und Bauernstaat auf deutschem Boden“, der SED-Diktatur unaufhaltsam zu Ende. Für den 1960 in der Niederlausitz (südlich von Cottbus) geborenen Dusdal endete damit ein System, dass er seit jeher als ungerecht empfunden hatte. Sein Vater war Russland-Deutscher, sein Großvater und ein Großonkel kamen 1937 während der von Stalin angeordneten Zwangskollektivierung zu Tode. Dadurch sei er von Anfang an mit einer Anti-Haltung gegenüber dem kommunistischen System aufgewachsen. Aufgrund dieser systemkritischen Einstellung wurde ihm wegen „mangelnder sozialistischer Überzeugung“ der Zugang zur EOS und damit zum Abitur verwehrt. Trotzdem war Dusdal Mitglied bei den Pionieren und später bei der FDJ.

Mit der einsetzenden Selbstreflexion in der 7./8. Klasse habe er auch zunehmend eine begründete, kritische Haltung gegenüber dem System und seinen Organisationen eingenommen. Durch die kirchliche Prägung und die religiöse Bindung des Elternhauses bekam er neben der offiziellen Parteilinie auch andere Hintergründe und Sichtweisen mit. Dusdal musste erleben, dass Christen in der DDR des Öfteren Schikanen ausgesetzt waren. Er erzählte als Beispiel, wie er als achtjähriger Schüler einmal vortreten musste, um daraufhin auf Geheiß des Direktors von der ganzen Klasse ausgelacht zu werden, weil er zuvor öffentlich bekannt hatte, an Gott zu glauben. Was jedoch die innerkirchliche Arbeit betraf, beispielsweise in den Jungen Gemeinden, so habe er viel Glück gehabt und mit sehr engagierten Pfarrern gearbeitet.

Nach dem Abschluss der 10. Klasse machte Dusdal eine Ausbildung zum Elektriker und arbeitete einige Zeit im Tagebau. Er setzte sich mit der Ideologie des Marxismus-Leninismus auseinander, nahm diese beim Wort und oft auch mit Humor. Als er sich als Elektriker seiner Brigade weigerte, der Gewerkschaft beizutreten, begründete er seine Entscheidung damit, dass in einem Arbeiter- und Bauernstaat doch eigentlich keine Interessenvertretung der Arbeiter nötig sein sollte.

Den Militärdienst verweigerte er aus Überzeugung, woraufhin man ihm drohte, nie über den Status eines einfachen Elektrikers hinauskommen, wenn er bei dieser Haltung bliebe. Doch Dusdal suchte andere Wege und wurde am Theologischen Seminar in Leipzig fündig. Mit der Verlängerung des Studiums durch Freisemester und einer vorgetäuschten Depression bei der Musterung gelang es ihm, den Wehrdienst komplett zu umgehen.

Schon während seiner Lehrzeit habe er „fleißig agitiert“, als Student der Theologie hatte er nun einige Privilegien und musste nicht mehr alle Kompromisse eingehen. Trotzdem studierte er, im Vergleich zu anderen Bürgerrechtlern, recht ernsthaft und fand später im Pfarramt seine Bestimmung. Dusdal engagierte sich in Leipzig in der „AG Friedensdienste“ und in Berlin in der Arbeitsgruppe „Solidarische Kirche“, deren Ziel eine Demokratisierung von Kirche und Gesellschaft war. Dort beschäftigten sie sich in Sommer- und Winterakademien mit politischen Theorien und erarbeiteten Demokratiemodelle.

1989 war dann „die Zeit reif“. Der Konflikt der Basisgruppen, der zunächst stellvertretend für die nicht angreifbare Regierung mit der Kirchenspitze ausgetragen wurde, verlagerte sich 1988 dahin, wo er nach Dusdals Meinung hingehörte: in die Öffentlichkeit. Der Aktionismus, der den Leipziger Gruppen daraufhin vorgeworfen wurde, störte Dusdal keineswegs, im Gegenteil: Es müsse die geben, die provozieren und die, die reflektieren, so seine Meinung bis heute.

Aus Dusdals Sicht sei eine der tragenden Figuren der Revolution der Pfarrer der Leipziger Lukas-Gemeinde Christoph Wonneberger gewesen, der am 1. Juni zu Gast beim Montagsgespräch sein wird, er habe die Montagsgebete entscheidend mitgeprägt. Eine Zäsur in den Ereignissen von 1989 sieht Dusdal in den Kommunalwahlen von 7. Mai, bei denen erstmals in der Geschichte der DDR eine Wahlfälschung nachgewiesen wurde. Trotz der Versuche der SED diesen Skandal zu vertuschen, erreichten die Bürgerrechtler eine nie gekannte Aufmerksamkeit. Während des Sommers 1989 erfolgte durch die Öffnung der Grenzen in Ungarn und die Lähmung der SED durch die Krankheit Honeckers eine weitere Radikalisierung der Situation. Auf einmal war es eine bewusste, fast schon freie Entscheidung in der DDR zu bleiben und etwas verändern zu wollen.

Den 9. Oktober 1989 empfand Dusdal als einen weiteren wichtigen Einschnitt, auch wenn man damals noch nicht wusste, was für eine bedeutende Entscheidung an diesem Tag gefallen war. Die ältere Generation hatte Angst vor einem neuen 17. Juni, aber ab dem 9. Oktober war es „Not-wendig“ weiter zu machen, so Dusdal und erklärte das Wortspiel folgendermaßen: Man konnte jetzt die Not wenden und außerdem war es notwendig, weil sonst alles Vorangegangene sinnlos gewesen und es einer Kapitulation gleich gekommen wäre.

Das Neue Forum, als einer dessen Sprecher Dusdal in Leipzig tätig war, eröffnete für ihn Möglichkeiten Demokratie zu leben. Es galt die Leute mit einzubinden und ein Organisationsmodell zu entwickeln, um den Impuls nicht ins Leere laufen zu lassen. Hier kamen ihm seine Erfahrungen aus der „Solidarischen Kirche“ zugute. Die Stasi versuchte in einem Gespräch mit den Sprechern des Neuen Forums die Kontrolle über die Situation zurück zu gewinnen, indem sie ihnen eine Kooperation anbot, was das Neue Forum einhellig ablehnte. Die Maueröffnung in Berlin fiel dann genau auf den Tag nach der offiziellen Zulassung des Neuen Forums und wurde dort mit gemischten Gefühlen wahrgenommen. Durch die Öffnung der innerdeutschen Grenze verlor die Bewegung an Schubkraft, so dass eine Demokratisierung innerhalb der DDR nicht mehr im Vordergrund gestanden habe. Die Masse der Demonstranten und am 18. Mai 1990 die Wähler wollte eine schnelle Wiedervereinigung, die das Neue Forum politisch nicht mittrug. Ursprünglich habe man der Bundesrepublik auf Augenhöhe begegnen wollen, so wurde jedoch das bundesdeutsche System mehr oder minder auf die DDR übertragen.

Abschließend machte Dusdal aber noch einmal deutlich, dass er heute uneingeschränkt dankbar für die Entwicklungen 1989/90 sei. Das Neue Forum wäre bei der Umsetzung seiner eigenen Demokratievisionen zwar von den „Polit-Profis“ überrollt worden und ihre Alternative hätte keinen Rückhalt gefunden, aber das sei nun einmal Demokratie. Diese müsse jeden Tag neu hart erarbeitet werden, weshalb es umso wichtiger sei, daran zu erinnern, was eine Diktatur bedeute.

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