Gesprächsreihe "Wir sind das Volk!"

Petra Lux zu Gast in der "Runden Ecke" in Leipzig

In der Reihe „Wir sind das Volk“ – Montagsgespräche in der „Runden Ecke" diskutieren an jedem ersten Montag des Monats Tobias Hollitzer und Reinhard Bohse mit Zeitzeugen von ´89 über ihr Leben und Engagement vor, während und nach der Friedlichen Revolution. Diesmal war Petra Lux zu Gast, ehemalige Leipziger Bürgerrechtlerin.

Gesprächsreihe "Wir sind das Volk!"


„Den Mauerfall fand ich ganz furchtbar.“ Als Petra Lux, ehemalige Bürgerrechtlerin und Leipzigerin aus Überzeugung, sich im Laufe des Gesprächs so drastisch zu den Ereignissen vom 9. November äußerte, regte sich Erstaunen bei Moderatoren und Publikum. Doch gleich darauf verstand sie es, diese Aussage zu differenzieren. Dass ein Staat, gegen den sie jahrelang geklagt hatte, seine Bürger auf so perfide Weise entlasse, den Menschen nicht die Chance gegeben habe, sich selbst zu befreien, das kritisiere sie an dieser Maueröffnung.

Auch dem dritten Gast der Montagsgespräche stellte Tobias Hollitzer, der zusammen mit Reinhard Bohse die Veranstaltung moderierte, dieselbe Eingangsfrage: „Wann haben Sie den Ruf ,Wir sind das Volk’ zum ersten Mal gehört?“ Das sei wohl zum ersten Mal auf einer Montagsdemonstration gewesen, so Lux, doch an das genaue Datum könne sie sich nicht mehr erinnern. Am 9. Oktober 1989, dem Tag der entscheidenden Montagsdemo jedenfalls, war es nicht gewesen. Zu dem Zeitpunkt saß sie als Kontaktperson des Neuen Forums zuhause und übernahm den Telefondienst. Generell war für sie dieser Ruf etwas, „was ich habe wachsen sehen“. Gleichzeitig fühlte sie sich auch an die Vision von 1968 erinnert, einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz zu schaffen.

Als Kind von Arbeitern und Vertriebenen wird Petra Lux 1956 in Hermsdorf geboren und geht dort zur Schule. Die EOS beendet sie mit dem Schwerpunkt Mathe-Physik. „Warum dann ein Journalistik-Studium?“ möchte Reinhard Bohse wissen. „Ich war naiv, ich dachte Die Eltern seien einfache Leute gewesen, zuhause gab es praktisch fast keine Bücher. So habe sie sich zu einer Leseratte entwickelt und wollte damit „gegen die Eltern rebellieren“ so Petra Lux. Als Kind und Jugendliche habe sie, trotz der katholischen Prägung durch ihre Großeltern, die Pionierorganisation und FDJ nie als negativ empfunden. Nach dem Tod der Großeltern verboten ihr die Eltern weiter zur Kirche zu gehen, damit sie keine Probleme mit dem System bekam. In der Klasse habe man Udo Lindenberg und den RIAS gehört, es sei eine „wilde Zeit“ gewesen. Mit den bedrohlichen Seiten des Systems sei sie damals noch nicht in Berührung gekommen.

Ihr erstes politisches Wachwerden erlebte Petra Lux im August 1968, als sowjetische Panzer in Prag einmarschierten und sie sich mit ihrer Familie auf dem Rückweg aus dem Urlaub in der Tschechoslowakei war. Dort begegneten ihnen NVA-Soldaten, die angeblich zum Manöver führen. „Was daraufhin in den Zeitungen stand, deckte sich nicht mit meinen Erfahrungen.“

Nach dem Abitur folgte ein Volontariat bei Radio DDR in Ost-Berlin das Petra Lux rückblickend als große Lehrzeit beschreibt. Als Mitarbeiterin in der Wirtschaftsredaktion gewann sie einen genaueren Einblick in die Verhältnisse der DDR. Außerdem hatte sie Kontakt zu Künstlern im Umfeld von Wolf Biermann, was sie ebenfalls sehr geprägt hat. Beinahe wäre sie auch in die SED eingetreten, doch da man sie als damalige FDJ-Sekretärin ohne ihr Wissen auf die Beitrittsliste gesetzt hatte, weigerte sie sich und hatte danach nie wieder das Bedürfnis nach einem Parteibuch.

Während des anschließenden Journalistik-Studiums in Leipzig bekam sie zwei Kinder und erlebte das Studium eher als Marginale. Ihr Eindruck vom „Roten Kloster“, wie das Institut für Journalistik der Karl-Marx-Universität im Nachhinein genannt wurde, war aber nicht der der linientreuen Studenten, sie erlebte vielmehr ihre Kommilitonen als Menschen, die etwas bewegen wollten.

Nach dem Studium wollte Petra Lux in Leipzig bleiben und fand die Idee, in einem Jugendklubhaus zu arbeiten toll. In dieser „Nahkampfdiele“, wo außer Bands, Disko und Schlägereien nichts stattfand, stellte sie ein Kulturprogramm auf die Beine, organisierte Filmabende mit russischen oder polnischen Filmen, lud Schriftsteller zu Lesungen ein und veranstaltete Liederabende, zu denen auch die unliebsamen Jugendlichen kamen. Als Petra Lux den Schriftsteller Franz Fühmann einlud, brachte ihr das ein erstes Disziplinarverfahren ein, das im Nachhinein aber eingestellt werden musste.

Als sie versuchte mit der Gründung eines alternativen Frauenzentrums ein Forum für die wirklichen Belange von Frauen zu schaffen, erhielt Petra Lux nach der ersten Veranstaltung Hausverbot und wurde fristlos entlassen. Solch fristlose Entlassungen waren in der DDR gar nicht üblich, also klagte sie dagegen, letztlich nach einem für sie zermürbenden Jahr ohne Erfolg.

Nach einem Jahr der Arbeitslosigkeit bot ihr die Stadt Leipzig schließlich eine Stelle im Bereich Kultur an. Ihre Aufgabe sollte es sein, sich um die Kulturhäuser Leipzigs zu kümmern, eine Arbeit, an die sie zunächst begeistert in Angriff nahem, bis sie feststellte, dass ihr ganzes Engagement für den Papierkorb war. Um davon wegzukommen, beschwerte sie sich sogar einmal bei der Bezirksverwaltung der Stasi. Dort gab man ihr allerdings nur zu verstehen, sie habe eine Arbeit, die ihrer Qualifikation entspreche, sie brauche keine andere. Petra Lux kündigte trotzdem und machte Features für den Rundfunk in Berlin, wovon sie leben konnte.

Für Petra Lux war es immer wichtig vor Ort etwas zu ändern, im öffentlichen Raum zu bleiben und nicht unbedingt den Schutz der Kirche zu suchen. Weg aus der DDR wollte sie nie, weshalb sie das Fortgehen so vieler Freunde im Jahr 1989 sehr betrübte. Um sich konkret in Leipzig zu engagieren, schrieb sie sich bei Michael Arnold im Neuen Forum ein und wurde zu einer der Sprecher in Leipzig. Das sei eine bewegte politische Zeit gewesen, so Lux heute, voller Wechsel, Wünsche und Strömungen.

Ob sie glaube, dass die DDR reformierbar gewesen sei? Petra Lux Antwort spiegelt die von einigen Bürgerrechtlern wider: „Damals schon, heute nicht mehr.“ Das müsse, so Lux weiter, auch in der Psyche des Einzelnen anfangen. Wenn ein Mensch es schafft, friedliebend zu werden, in seiner Mitte zu ruhen und gelassen zu sein, dann könne es besser werden. Doch gerade der Einblick in ihre Stasi-Akte, die neun Bände umfasst, brachte für sie den Schock darüber, wie ein enger Freund sie bespitzelte.

In Leipzig ist Petra Lux auch heute noch gerne. Als Lehrerin für Tai-Chi leitet sie das YING-YANG-Zentrum in Leipzig. Für die Zukunft wünscht sie sich vor allem eines: mehr Gelassenheit.

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