Gesprächsreihe "Wir sind das Volk!"

Jochen Läßig zu Gast in der "Runden Ecke" in Leipzig

In der Reihe „Wir sind das Volk“ – Montagsgespräche in der „Runden Ecke" diskutieren an jedem ersten Montag des Monats Tobias Hollitzer und Reinhard Bohse mit Zeitzeugen von ´89 über ihr Leben und Engagement vor, während und nach der Friedlichen Revolution. Diesmal war Jochen Läßig zu Gast, der unter anderem von seinem Engagement in der Bürgerrechtsbewegung, so etwa als Organisator des Straßenmusikfestivals im Juni 1989, erzählte.

Gesprächsreihe "Wir sind das Volk!"


„Ich bin kein Philosoph und werde hier heute nicht die Probleme der Welt lösen.“ Diese selbstkritische Einschätzung von Jochen Läßig sollte dazu dienen, die Erwartungen an den ehemaligen Bürgerrechtler herunter zu schrauben. Der zweite Gast in der Gesprächsreihe gab sich souverän, sprach vor einem Publikum von 75 Interessierten gut zwei Stunden über seine Sicht auf die Friedliche Revolution, wie er vor 20 Jahren dachte, warum er sich Anfang der 1990er in der Politik engagierte und warum er heute lieber leidenschaftlich seinem Beruf als Anwalt nachgeht.

Bereitwillig ließ sich Läßig, der die Einladung zum Gespräch als Ehre empfand, von den beiden Moderatoren Reinhard Bohse und Tobias Hollitzer zu seinem Leben befragen und erzählte so manche Anekdote.

„Wann haben Sie den Ruf „Wir sind das Volk!“ zum ersten Mal gehört?“ so die Eingangsfrage von Reinhard Bohse. Den habe er zum ersten Mal im Oktober 1989 gehört, als eine Art Gegenlosung zur öffentlichen Verunglimpfung der Demonstranten als Randgruppe.

Nach dieser Einstiegsfrage ging es erstmal zurück in die Jugend von Jochen Läßig. Er erzählte, wie er im christlich geprägten Erzgebirge aufwuchs. In diesem kirchlichen Umfeld konnte er seine Interessen ausleben. So hatte er beispielsweise mit seinen Brüdern eine Art kleine „Kirchenband“ die durch die Region tingelte und in Gotteshäusern Jazz spielten. Man habe versucht sich irgendwie mit dem System zu arrangieren, schließlich wollte man sich nicht schon von vornherein jede Zukunft verbauen. Trotz der Laufbahn Pioniere, FDJ und Jugendweihe machte er gegenüber seinen Lehrern keinen Hehl daraus, den Wehrdienst eventuell total zu verweigern, letztlich wurde er dann aber doch Marinesoldat. Diese Zeit beschrieb Läßig als große psychische Belastung, da die DDR damals offenbar ernsthaft überlegte in Polen einzumarschieren.

Nach dem Ende des Wehrdienstes begann Läßig ein Studium der Theologie, zunächst in Halle, später, nach seiner Exmatrikulation, in Leipzig, diesmal auch an einer christlichen Hochschule. Hier fand er schnell Kontakt zu anderen oppositionell eingestellten Studenten, wie Rainer Müller, Katrin Hattenhauer oder Thomas Rudolf, der ebenfalls von der Hallenser Universität kam. Zunächst habe er auch noch ernsthaft studiert, meinte Läßig, doch dann sei er zunehmend in Konflikt mit den kirchlichen Dogmen gekommen und das ganze sei irgendwie „versandet“. Bis zu seiner endgültigen Exmatrikulation habe er den Status als Student der Theologie dann noch als eine Art Deckmantel genutzt. Offiziell wurde er damals aus theologischen Gründen exmatrikuliert, allerdings kann nicht mehr nachvollzogen werden, inwiefern nicht vielleicht doch politische Einstellungen dahinter standen.

Den Ausschluss der Basisgruppen von der Gestaltung des Friedensgebetes 1988 bewertet Läßig heute in gewisser Weise durchaus positiv. Die Bewegung sei auf die Straße gekommen, weil die Gruppen nun auf dem Nikolaikirchhof aussprachen, was sie in der Kirche nicht durften. Das führte damals zu Konflikten mit der Kirchenführung, die sich vor der Staatssicherheit für diese Aktionen rechtfertigen musste.

Später schwenkt die Kirchenleitung dann jedoch plötzlich um, Läßig vermutete dahinter den allgemeinen Stimmungsumschwung, und die Basisgruppen durften unter Leitung eines Pfarrers ab April 1989 die Friedensgebete wieder mitgestalten.

Im Januar 1989 verteilte Läßig zusammen mit anderen 10.000 Aufrufe zu einer Demonstration anlässlich des Todestages von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht am 15. Januar. Wie die anderen Mitstreiter auch, wurde er inhaftiert, was für Läßig, der vorher war immer „nur“ zugeführt worden war, das erste Mal „Knast“ bedeutete. Er erzählte, dass alle damals mit Haftstrafen von eineinhalb bis drei Jahren gerechnet hatten und selbst sehr überrascht waren, als sie bereits nach einer Woche wieder frei kamen. Der Grund dafür war das zu dieser Zeit stattfindenden KSZE Folgetreffen in Wien und die Aufmerksamkeit, die den Verhaftungen in den westdeutschen Medien geschenkt wurde.

Zu dieser Zeit verdiente sich Läßig seinen Lebensunterhalt bereits als Straßenmusiker und auch die Planung für ein Straßenmusikfestival im Juni hatte schon begonnen. Während seiner Inhaftierung hatte dann die Stasi die Wohnung durchsucht und alle relevanten Unterlagen gefunden, trotzdem führte man die Vorbereitungen weiter fort und „spielte mit der Stasi Katz und Maus“. Läßig bezeichnete es als eine insgesamt „aufregende und tolle Zeit“, Existenzängste habe er kaum gehabt, er hatte nichts zu verlieren, weil es für ihn in dem damaligen Staat sowieso keine Perspektive gegeben hätte.

Am 10. Juni startete um 10 Uhr das Straßenmusikfestival, Läßig mit dabei, nachdem er seine Bewacher von der Stasi abgeschüttelt hatte. Es sei eine schöne Atmosphäre und gutes Wetter gewesen, insgesamt jedoch politischer als erwartet, so Läßig, beispielsweise trat auch ein politisches Kabarett auf. Gegen halb zwei fuhr dann die Stasi vor und begann die Leute auf LKWs zu verladen, laut Läßig wurden über 90 Leute inhaftiert, einige wurden im Thomaskirchhof eingekesselt und dann mitgenommen. Er selbst blieb auf freiem Fuß, da die Stasi Interesse daran hatte die bereits bestehende Legende, er wäre ein Spitzel, zu untermauern.

Angesprochen auf das Verhältnis der Basisgruppen zu den Ausreisewilligen meinte Läßig, diese wären sehr willkommen gewesen, da sie einen Großteil der demonstrierenden Menge ausmachten. Sie verliehen den Reformwilligen also überhaupt erst eine Stimme durch die Aufmerksamkeit, die sie erregten.

Die Entwicklungen die 1989 in Ungarn und anderswo in Gang kamen machten ihm deutlich, dass es jetzt mit der DDR zu Ende gehe, allerdings sei auch er von der Geschwindigkeit der Ereignisse überrascht gewesen.

Als die Sprache noch einmal auf den 9. Oktober 1989 kam, sagte auch Läßig, er hätte damals große Angst vor einer Eskalation gehabt und deswegen mitgeholfen einen Aufruf zur Gewaltlosigkeit zu verteilen. Nachdem dann jedoch alles so unerwartet gut und friedlich abgelaufen war, machte sich ein Gefühl von Erleichterung und Triumph breit. Tobias Hollitzer warf ein, vor dem 9. Oktober hätte es gereicht einfach nur dagegen zu sein, jetzt brauchte man jedoch Konzepte. Läßig stimmte ihm da zu. Er war damals einer der Sprecher des Neuen Forums und erinnerte sich noch deutlich daran, wie schwierig eine Konzeptfindung bei so vielen unterschiedlichen Meinungen war. Er wollte damals, wie viele andere, nicht sofort das System des Westens einfach auf die DDR übertragen. Diese Stimmen wurden allerdings schon bald von den Rufen nach einer Wiedervereinigung übertönt.

Schnell übernahmen die Westparteien das politische Ruder. Diese „Enteignung“ der Revolution versetzte ihn damals sehr in Rage, gab Läßig zu. Heute wisse er, dass man Gut und Böse nicht so einfach voneinander trennen kann, wie er es sich vor 20 Jahren vorgestellt habe. Rückblickend betrachtet halte er das 10-Punkte-Programm von Altkanzler Helmut Kohl für die beste mögliche Lösung. Grundsätzlich sei die schnelle Wiedervereinigung richtig gewesen. Der Teufel läge wie immer im Detail, und da seien leider Fehler gemacht worden.

Man habe versucht die DDR mit rechtsstaatlichen Mitteln aufzulösen, so Läßig, und verglich das Machtvakuum mit der Situation nach dem 2. Weltkrieg. Man konnte nicht alle Privilegien der alten Machthaber beseitigen, jedenfalls nicht auf einem friedlichen Weg. Auf eine Frage aus dem Publikum hin meinte er, „die Wende“ hätte zwar eine neue Zeit eingeläutet, für eine wirkliche Revolution wäre es aber eigentlich zu wenig gewesen. Der Basisdemokratie stehe er heute skeptischer gegenüber meinte Läßig und hob die Vorteile eines Zwei-Parteien-Systems wie in den USA oder Großbritannien hervor. Mit zu vielen Parteien seien politische Programme nicht mehr umsetzbar.

Auf seine Stasi-Akte angesprochen, antwortete Läßig, die werde er sich erst ansehen, wenn er in Rente sei und Zeit habe. Er hoffe nur, dann noch die Möglichkeit zur Akteneinsicht zu haben.

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