Gesprächsreihe "Wir sind das Volk!"

Neues Diskussionsformat im Museum "Runde Ecke" in Leipzig

In der Reihe „Wir sind das Volk“ – Montagsgespräche in der „Runden Ecke" diskutieren an jedem ersten Montag des Monats Tobias Hollitzer und Reinhard Bohse mit Zeitzeugen von ´89 über ihr Leben und Engagement vor, während und nach der Friedlichen Revolution. Zum Auftakt war Michael Arnold zu Gast sein, Bürgerrechtler, Mitbegründer und Sprecher des Neuen Forums.

Gesprächsreihe "Wir sind das Volk!"


Er wolle keine Märchen erzählen über die Friedliche Revolution, sagte Michael Arnold. Was er vor 20 Jahren wollte, war, Menschen wachzurütteln über die unmöglichen Zustände in der DDR, aktiv gegen die SED-Diktatur angehen, Flugblätter schreiben, vervielfältigen und verteilen, zu öffentlichem Protest aufrufen, was Ende der 1980er in Leipzig keine einfache Sache war.

Bei der Auftaktveranstaltung der neuen Reihe „Wir sind das Volk!“ – Montagsgespräche in der „Runden Ecke“ ließ sich der erste Gast von den beiden Moderatoren Reinhard Bohse und Tobias Hollitzer fast zwei Stunden lang zu seinem Leben befragen, erzählte so manche Anekdote, machte aber auch immer wieder klar, warum er sich damals als Student der Zahnmedizin in Leipzig in Bürgerrechtsgruppen engagierte.

„Wann haben Sie den Ruf „Wir sind das Volk“ zum ersten Mal gehört?“ so die Eingangsfrage von Reinhard Bohse. Michael Arnold stellte sich daraufhin erst einmal vor und bedankte sich bei den etwa 40 Anwesenden für ihr Erscheinen und ihr Interesse, bevor er auf die eigentliche Frage zu sprechen kam. Den Ruf habe er zum ersten Mal im Oktober 1989 gehört und es als eine sehr gemeinschaftliche, starke Manifestation empfunden. Da sei nichts vorher diktiert worden, das haben die Menschen von sich aus gespürt, dass sich etwas verändert.

Nach dieser ersten Frage als Aufhänger, gingen die Moderatoren chronologisch vor. Michael Arnold erzählte von seiner Kindheit in Meißen, seinen Eltern, die in der SED waren, von seiner Mutter, mit der er dann allein lebte. Mit ihr war es trotz ihrer Parteizugehörigkeit möglich über bestimmte Dinge zu sprechen, über die man sonst in der DDR nicht reden konnte. Arnold war in seiner Schulzeit nie direkt mit Repressalien konfrontiert, wohl aber merkte er, dass es aus politischen Gründen nicht allen Jugendlichen möglich war, auf die erweiterte Oberschule (EOS) zu gehen. Arnold hatte das Glück und beschreibt diese Zeit als relativ unpolitisch. Der Widerstand eines 16-jährigen bestand damals im Jeans tragen.

Nach seinem Abitur verbrachte er drei Jahre beim Wachregiment in Ost-Berlin. Hier hatte er vor allem medizinische Aufgaben, welche politische Bedeutung dieses Wachregiment hatte, war ihm damals, wie er sagt, „schnurz“. Ob es dort vermehrt Anwerbungen durch die Stasi gekommen sei, wollten Bohse und Hollitzer wissen. Arnold vermutet, dass die Anzahl der Anwerbungen auch nicht höher war als in anderen politischen Einrichtungen. Zudem sei die Zeit beim Wachregiment auch nur die lästige, aber nötige Pflicht, die man absitzen musste, so man denn studieren wollte. Arnold legte sich jedoch auch schon vor seinem Studium eine kritische Haltung zum System zu und lehnte etwa die Innendienstvorschriften des Wachregiments ab. Als er diese kopierte und kirchlichen Kreisen zukommen ließ, was streng verboten war, brachte ihm das auch eine Disziplinarstrafe ein. Studieren konnte er trotzdem.

In Leipzig selbst, wohin er 1985 zum Studium der Zahnmedizin zog, habe er sich in einem relativ systemloyalen Umfeld wieder gefunden. Studenten seien in der DDR ein „gesiebtes Volk“ so Arnold. Kontakt zu Oppositionellen bekam er damals über die Kirche, so etwa in der Initiativgruppe Leben, die Arnold als eine recht inhomogene Gruppe beschreibt, deren Konzept es war offenkundige Probleme, offenkundig zu machen. In den Jahren 1988/89 war Arnold in Oppositionskreisen sehr aktiv. Als er zusammen mit anderen Bürgerrechtlern zu einer Protestkundgebung für Freiheit und Menschenrechte am 15. Januar 1989, dem offiziellen Luxemburg-Liebknecht-Gedenktag, aufrief und daraufhin noch vor dem Tag der Demonstration verhaftet wurde, empfand das Arnold als normal. Man sei ohnehin ständig zugeführt worden, gerade vor solchen Feiertage. Dass der Haftaufenthalt, der im Januar 1989 länger dauerte als gewöhnlich, mit seiner Freilassung und Rücknahme der Exmatrikulation endete, war für Arnold das Aha-Erlebnis. Dass die Stasi ihn, trotz eindeutiger Beweise laufen lassen musste, habe ihn nicht mutiger gemacht, doch habe er gemerkt, dass er an dieser Stelle nicht aufhören konnte.

Arnold erzählt von den verschiedenen Aktionen des Jahres 1989, von seinem Versuch „aus der Vereinzelung heraus zu kommen und sich mit anderen Bürgerrechtsgruppen zu vernetzen, nach dem Vorbild der Charta 77. Aus diesem Grund traf er sich mit Bürgerrechtlerinnen wie Bärbel Bohley und Katja Havemann. Aus diesem scheinbar zufälligen Treffen sollte das Neue Forum hervorgehen.

„Wie haben Sie ´89 in die Zukunft geschaut?“ war eine der Fragen. Arnold spricht von dem Gefühl der Unsicherheit, dass niemand wusste, wie es gesellschaftlich weitergehen solle. Die Konzepte des Neuen Forums wurden von der Geschichte überrollt. Über sein Mandat als Abgeordneter der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Sächsischen Landtag von 1990 bis 1994 meint Arnold, dass das so gar nicht vorgesehen sei, dass es ihm aber wichtig war, die Akteneinsicht zu sichern, um die Vergangenheit aufzuarbeiten. Er wollte damals gegen das Vergessen und Verharmlosen der DDR angehen. Die Tatsache, dass sich bei seiner eigenen Akteneinsicht heraus stellte, dass sich ein IM in den eigenen Reihen befunden hatte, nimmt Arnold heute relativ gelassen. Es sei wohl für manche Menschen in der DDR attraktiv gewesen beim Geheimdienst zu sein und ein wenig James Bond zu spielen.

„Hat sich der Aufwand gelohnt?“ so eine der letzten Fragen der Moderatoren. Arnold beschreibt vor allem das Gefühl der gewonnenen Freiheit: „Dass ich heute aus Sachsen heraus fahre und dann in Thüringen über die ehemalige Staatsgrenze fahren kann, ist unglaublich.“

Was beim Neuanfang versäumt worden sei, so eine der Fragen aus dem Publikum. Man habe eben feststellen müssen, dass man nicht alles von Grund auf verändern konnte, dass man von den Ereignissen damals eben überrollt worden sei. Das Bestreben als Bürgerrechtler eine neue Verfassung zu schreiben, sei eben nicht von der Masse der Bevölkerung aufgenommen worden.

Nach diesen beeindruckenden zwei Stunden bleib wenig Zeit für weitere Diskussionen, doch Michael Arnold nahm sich nach dem offiziellen Gespräch die Zeit um persönlich mit Leuten aus dem Publikum ins Gespräch zu kommen.

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