After the Fall: Europa nach 1989.

Ein Projekt des Goethe-Instituts

Das Jahr 1989 war ein Jahr der politischen und historischen Umwälzungen, das schließlich mit dem Mauerfall in Berlin am 9. November 1989 seinen Höhepunkt erreichte. Dieses historische Ereignis wurde zum einprägsamen Bild für die tiefgreifenden Veränderungen, die Europa und die Welt in dieser Zeit ergriffen hatten. Grenzen öffneten sich, neue Grenzen entstanden, es begann eine Zeit der großen Hoffnungen, aber auch der Unsicherheit und blutiger Kämpfe.

After the Fall: Europa nach 1989.

Uraufführung des Theaterstücks „Antidot“, Foto: Florin Tabirta


  1 | 2 | 3  weiter


20 Jahre nach dem Mauerfall hat das grenzüberschreitende Theaterprojekt „After the Fall“ die Auswirkungen dieses Umbruchs auf Deutschland und Europa beleuchtet: Goethe-Institute in 15 europäischen Ländern hatten 16 Dramatiker damit beauftragt, Theaterstücke zu schreiben, die den gesellschaftspolitischen Wandel in ihrer Heimat seit dem Mauerfall reflektieren. Neben bekannten Autoren wie dem Polen Andrzej Stasiuk beteiligte sich auch viel gelobter Nachwuchs – wie etwa die moldauische Dramatikerin Nicoleta Esinencu oder der deutsche Dramatiker Dirk Laucke. Kooperationspartner waren jeweils Theater vor Ort, die die Stücke von 2008 bis 2010 produzierten.

So entwickelte z. B. der belgische Autor Pieter de Buysser die lecture performance „Mauervariationen für Anfänger“ als ein soziologisches Fitnessprogramm, um dem Eskapismus zu entfliehen. A wall a day keeps the doctor away, wie der Engländer sagen würde. Es gibt kaum etwas Wirkungsvolleres als eine Mauer, um eine Gemeinschaft zu bilden. Gleichzeitig aber weisen die Wände aus Stein und Beton abweisende und totalitäre Tendenzen auf und symbolisieren das Scheitern von Utopien. Denn so wie die Berliner Mauer wie ein dicker Strich unter das Scheitern einer gewissen kommunistischen Utopie gezogen wurde, bezeugen die Mauern an der Südküste Spaniens und Italiens das Scheitern des liberalen Kapitalismus. Daher schlägt Pieter de Buysser vor, gemeinsam mit Zuschauern, einigen Gespenstern und historischen Gestalten aus Vergangenheit und Zukunft eine utopische Enklave zu erschaffen, einen Raum, in dem man seine politische Machtlosigkeit aber auch seine Fähigkeit bekunden kann, neue Vorstellungen des Sozialen zu entwickeln und zu erfinden.


Das Stück „Antidot“ (Gegenmittel) von Nicoleta Esinencu kam im Rahmen des europaweiten Theaterprojektes „After the Fall“ als eine freie Produktion einer Theatergruppe aus der Republik Moldau auf die Bühne und zeigte auf eindringliche Weise die Abstumpfung gegenüber Gewalt, Waffen und Krieg. Dunkel ist die Welt vor und nach dem Mauerfall in diesem Theaterstück. Die Republik Moldau wurde nach dem Zerfall der Sowjetunion unabhängig, doch Esinencu beschreibt ein Land am Rande Europas, in dem die alte Mentalität und der Zynismus der Mächtigen unverändert weiterleben.

Ein weiteres, spannendes, merkwürdiges und unter die Haut gehendes Stück Theater bot die junge holländische Autorin Marjolijn van Heemstra für „After the Fall“ an. Schon der Titel bleibt geheimnisvoll: 2012. Ist das eine Jahreszahl in der Zukunft, ist es eine serielle Nummer, die etwas schon sehr lange Laufendes bezeichnet? Z.B. eine Fernseh- Reality- Spiele- Show? Sind die drei Protagonisten sibirischer Herkunft (zumindest behauptet die Autorin, dass die Namen auch eins, zwei, drei auf Sibirisch heißen), also möglicherweise Einwanderer aus der Zeit nach 89, die um soziale Anerkennung, Aufmerksamkeit und ein wenig Glück buhlen? Ist der dunkle türlose Raum, in dem sie sich befinden, ein Fernsehstudio, kurz bevor auf Sendung geschaltet wird - wie es die vermeintlichen Kandidaten Tri, Dva und Vodin (zwei Frauen, ein Mann) glauben - oder ist es ein Niemandsland, jenseits von Leben und Tod? Es gibt „Preiskoffer“, aber kein „Rad“ und keine blonde Assistentin wie beim „Der Preis ist heiß!“ Eine gewisse erste Enttäuschung der Kandidaten, die sich gegenseitig Mut machen. Alles ist leer, dunkel und still. Nur auf einem Stuhl war eine Art Restwärme auszumachen, vielleicht von einem, der da bis vor kurzem saß?

Ausführlich dokumentiert wird das Projekt durch die multimediale Homepage www.after-the-fall.eu. Dort finden Sie nähere Informationen zu allen Stücken, ebenso wie Interviews, Video-Reportagen, Bilder und Diashows. Eine weitere Besonderheit sind Kurzfilme zu den einzelnen Premieren im Ausland. Die meisten der im Rahmen des Projektes entstandenen Theaterstücke können auch in ihrer Originalsprache und in deutscher Übersetzung in der digitalen Theaterbibliothek des Goethe-Instituts online bestellt werden.

Als Höhepunkt des Projektes hatten das Goethe-Institut, das Theaterbüro Mülheim an der Ruhr und das Staatsschauspiel Dresden 7 der 16 Inszenierungen zu einem europäischen Theaterfestival vom 31. Oktober bis 8. November 2009 eingeladen. Die ausgewählten Produktionen spiegelten die verschiedenen Wahrnehmungen und Folgen des historischen Ereignisses des Mauerfalls in den europäischen Gesellschaften wider und gaben einen Einblick in die Vielfalt der europäischen Theaterlandschaft. Begleitet wurden die Gastspiele von Diskussionen und einer Vortragsreihe mit namhaften Referenten, veranstaltet von der Bundeszentrale für politische Bildung.

„After the Fall“ ist ein europaweites Theaterprojekt des Goethe-Instituts in Zusammenarbeit mit dem Staatsschauspiel Dresden, dem Theaterbüro Mülheim an der Ruhr und der Bundeszentrale für politische Bildung. Medienpartner: ZDFtheaterkanal. Partner: RUHR2010. Mit freundlicher Unterstützung des Auswärtigen Amts.

Nach der erfolgreichen ersten Edition des europäischen Theaterfestivals laden das Goethe-Institut und das Staatsschauspiel Dresden drei weitere Stücke aus dem Theaterprojekt „After the Fall“ zu einer zweiten Folge des Festivals ein. Vom 6. Dezember bis 8. Dezember 2010 werden die ausgewählten Stücke aus Polen, Belgien und den Niederlanden im Kleinen Haus am Staatsschauspiel Dresden zu sehen sein. Weitere Informationen unter http://www.staatsschauspiel-dresden.de/spielplan/filter/after_the_fall_folge_2

„After the Fall 2“ ist ein europaweites Theaterprojekt des Goethe-Instituts, präsentiert vom Staatsschauspiel Dresden. Mit freundlicher Unterstützung der Landeshauptstadt Dresden, Büro der Oberbürgermeisterin, Projektförderung „20 Jahre Friedliche Revolution und Deutsche Einheit in Europa“, und des Goethe-Instituts Dresden.

Zurück Zurück

Partner:
 

Bundesstiftung AufarbeitungDie Bundesbeauftragte für die Unterlagen deStaatssicherheitsdienstes der ehemaligen DeutschenDemokratischen RepublikFreistaat Sachsen

 

Weitere Kooperationen:
 

Zentrum für zeithistorische Forschung PotsdamHumanities, Sozial- und Kulturgeschichte