"Wie viel Einheit brauchen wir?"

Vortrag Prof. Dr. Hans-Joachim Veen, Stiftung Ettersberg

Über "Wie viel Einheit brauchen wir? Die "innere Einheit" zwischen Gemeinschaftsmythos und pluralistischer Demokratie" sprach Prof. Dr. Hans-Joachim Veen von der Stiftung Ettersberg im Rahmen der Tagung "Politische Kultur in Deutschland - 20 Jahre nach der staatlichen Vereinigung" des Arbeitskreises Politik und Kultur der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft.

"Wie viel Einheit brauchen wir?"


Vortrag Prof. Dr. Hans-Joachim Veen: "Wie viel Einheit brauchen wir? Die "innere Einheit" zwischen Gemeinschaftsmythos und pluralistischer Demokratie"
 
"Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört“, so begrüßte Willy Brandt den Fall der  Mauer  und  seine  Folgen  vor  21  Jahren.  Was  bei  Brandt  vielleicht  nur  eine glückliche  Feststellung  sein  sollte, wurde  tatsächlich  zum  Beginn  eines  Prozesses des Zusammenwachsens der Deutschen  in Ost und West, der nach Meinung vieler bis heute nicht abgeschlossen  ist und der zu einer unendlichen Geschichte werden könnte.  Als  Zielpunkt  des  Zusammenwachsens  wurde  alsbald  das  Idiom  von  der „inneren  Einheit“  gefunden.  Damit  war  ein  ebenso  schillernder  wie  eingängiger Begriff  geboren,  der  bis  heute  Konjunktur  hat  und  vielfach  beschworen  wird,  vor allem  dann,  wenn  Zweifel  angemeldet  werden  sollen,  wenn  es  um  Defizite  geht, wenn  also  ein Mangel  an  „innerer Einheit“  beklagt wird. So wird  beispielsweise  im Sozialreport  2008,  herausgegeben  vom  Sozialwissenschaftlichen Forschungszentrum  Berlin-Brandenburg  nach  empirischen  Erhebungen  unter Ostdeutschen  festgestellt, dass diese,  ich zitiere: „Mit aller Deutlichkeit auf die nach wie  vor  nicht  vollendete  Einheit  (verweisen).  Die  Integration  der  Mehrheit  der Ostdeutschen  ist  insgesamt  –  bei  allen  anerkannten  Fortschritten  –  noch  nicht erreicht  worden.“  Und  im  Jahresbericht  der  Bundesregierung  zum  Stand  der deutschen  Einheit  2008  wird  denn  auch  gefordert:  „Die  ’innere  Einheit’  unseres Landes  zu  stärken,  zählt  nach  wie  vor  zu  den  wichtigsten  politischen  Zielen  und bestimmt die Leitlinien der Politik der Bundesregierung.“ Im Unterschied zu früheren Jahren wird  inzwischen aber kein Datum mehr genannt, an dem dieses Ziel erreicht sein soll. Dies geschah  letztmals  im Jahresbericht der Bundesregierung zum Stand der deutschen Einheit 2001, als die Regierung sich optimistisch zeigte, „dass  in der zeitlichen  Perspektive  bis  2020  der  Aufbau  Ost  abgeschlossen  und  die  ’innere Einheit’  Deutschlands  hergestellt  sein  wird“.  Die  Einschätzung,  dass  die  „innere Einheit“  noch  nicht  vollendet  ist,  wird  von  vielen  sozialwissenschaftlichen Erhebungen  gestützt,  die  immer wieder  auf  vielfältige Unterschiede  zwischen Ost- und Westdeutschen  in  Fragen  der  politischen Kultur,  der Werteorientierungen,  des Demokratieverständnisses,  der  politischen  Einstellungen,  usw.  verweisen und demgemäß einen Mangel an  „innerer Einheit“  konstatieren, ohne  jemals explizit  zu definieren, was sie unter „innerer Einheit“ eigentlich verstehen.
 
Was  ist  die  „innere  Einheit“? Worauf  zielt  sie  ab?  Vor  allem  ist  sie  offenbar  ein Fernziel,  von  dem  wir  20  Jahre  nach  der  Wiedervereinigung  noch  ziemlich  weit entfernt sind, dessen Vollendung uns aufgegeben bleibt, wir sind zwar vereint, aber noch nicht wirklich eins, so scheint es. Sichtet man die Einlassungen der Politik, der Publizistik und der Wissenschaften zur „inneren Einheit“, dann wird rasch klar, dass jeder  damit  etwas  anderes  assoziiert  und  sich  in  der  Metapher  die unterschiedlichsten  Erwartungen  bündeln.  Für  die  einen  geht  es  darum,  ein  einig Volk  von  Brüdern  zu  sein,  als  Schicksalsgemeinschaft  zusammenzustehen, gemeinschaftlich zu handeln; für andere ist die Gleichheit aller in allem gemeint, das Ende aller Konflikte, das Teilen aller Sorgen und Nöte; wiederum andere heben auf einheitliche Lebensbedingungen, Arbeitsbedingungen und Einkommensbedingungen ab. Psychologen,  wie  der  Hallenser  Hans-Joachim  Maaz,  machten  gar sozialpsychologische  und  individualpsychologische  Entwicklungen  zum  Ziel  einer „inneren Demokratisierung“ und der Selbstbefreiung der Deutschen in Ost und West in  einem  „inneren  Reinigungsprozess“  von  allem,  was  uns  an  innerem Widerstreit bedrückt.  Spätestens  hier  bekommt  man  eine  bange  Ahnung  davon,  was  alles gemeint  sein  kann,  wenn  die  „innere  Einheit“  umfassend  in  den  Blick  genommen wird. Allerdings sucht man sowohl in der Politik als auch in den Wissenschaften eine präzisere Bestimmung dessen, was „innere Einheit“ bedeutet, vergeblich. Bis heute ist völlig unklar, worauf die  „innere Einheit“ eigentlich abzielt, gleichwohl  ist sie eine wohlfeile Metapher vor allem der Kritik an der Gegenwart und des Leidens an  ihrer Unvollkommenheit geblieben. [...]"

Den gesamten Vortrag von Prof. Dr. Veen können Sie hier als pdf nachlesen.

 

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