2. Tag der Gesellschaftswissenschaften

Gesellschaft im Wandel - 20 Jahre deutsche Einheit in Europa

Im Mittelpunkt des 2. Tags der Gesellschaftswissenschaften stand das historische Datum der deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 und die damit verbundenen gesellschaftlichen und politischen Transformationsprozesse in Deutschland und Europa. Aus unterschiedlichen fachlichen Perspektiven wurden Fragen nach der inneren Einheit der Deutschen, nach Veränderungen der christlichen Wertegemeinschaft innerhalb der Europäischen Union, nach der Rolle des Staates in der gegenwärtigen Finanz- und Wirtschaftskrise oder der Medien in der Politik diskutiert.

2. Tag der Gesellschaftswissenschaften


Das Programm des 2. Tags der Gesellschaftswissenschaften beinhaltete folgende Programmpunkte: 

Neben einer musikalischen Einführung durch Schülerinnen und Schüler des Musikgymnasiums Belvedere Weimar und einer Einführung durch Frank Biewendt, Referent für Geschichte des Thüringer Instituts für Lehrerfortbildung, Lehrerplanentwicklung und Medien, Bad Berka, gab es einen Plenarvortrag von Dr. Joachim Gauck zum Thema "Gesellschaft im Wandel-Wie steht es um die innere Einheit der Deutschen?".
Joachim Gauck verlebte seine Kindheit in einem Dorf an der Ostseeküste. Nach dem Studium der Theologie in Rostock fand er seinen Weg in die Kirche in Mecklenburg. Distanz zum DDR-System prägte seine Tätigkeit von Anfang an. Wie selbstverständlich wurde er Teil einer kritischen Bewegung und zur Symbolfigur im Umbruch von 1989. Nach dem Mauerfall übernahm Gauck politische Verantwortung, er wurde Abgeordneter im ersten freien Parlament der DDR und erster Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen. Der Kampf gegen das Vergessen und Verdrängen blieb als Redner und Kommentator sein großes Thema, auch als er nach zehn Jahren aus dem Amt ausschied.

Es schlossen sich Workshops und Gesprächsangebote an, die vier verschiedenen Impulsen folgten.
Impuls 1 kam von Prof. Dr. Hans-Joachim Veen von der Stiftung Ettersberg. Er sprach zu "Wie viel Einheit brauchen wir? Die "innere Einheit" zwischen Gemeinschaftsmythos und neuer Vielfalt".
Hans-Joachim Veen problematisierte in seinem Beitrag die weit verbreiteten Homogenisierungsvorstellungen von "innerer Einheit" und warnte davor, diese könnten zum Einfallstor eines neuen deutschen Gemeinschaftsmythos werden. Einem solch umfassenden Verständnis von "innerer Einheit" stellte er ein eindeutiges Begriffsverständnis entgegen und plädierte für einen auf der Akzeptanz von Unterschiedlichkeiten fußenden Minimalkonsens für "innere Einheit". Dieser muss zum einen den Konsens über die freiheitlich-demokratischen Wertegrundlagen des Grundgesetzes, zum anderen den gemeinsamen Willen der Ost- und Westdeutschen enthalten, in diesem Verfassungsstaat als Nation zusammenleben zu wollen. Aus der Sichtung der demoskopischen Befunde entlang dieser restriktiven Anforderungen ergibt sich nach Veen: Das unabdingbare Mindestmaß an Übereinstimmung ist längst gegeben, die "innere Einheit" schon erreicht. Mehr Einheit brauchen wir nicht - mehr könnte sogar drückend und der pluralistischen Demokratie abträglich sein.

Impuls 2 kam von Prof. Dr. Christof Mandry, Universität Erfurt. Er widmete sich dem Thema "Politik und Werte: Die Europäische Union - Eine christliche Wertegemeinschaft?"
Auf die Frage nach dem politischen Selbstverständnis der Europäischen Union hat der EU-Verfassungsvertrag - ebenso wie der Vertrag von Lissabon - eine Antwort gegeben: Die EU ist eine "Wertegemeinschaft". Der Vortrag ging der Frage nach, welche Bedeutung das Beschwören gemeinsamer "Werte" in einem weltanschaulich pluralen europäischen Gemeinwesen haben kann. Dabei spielen die vielfachen Konflikte, die bei den Diskussionen des EU-Verfassungkonventes zutage getreten sind, eine besondere Rolle. Denn strittig sind in Europa nicht nur die Sichtweisen auf die europäische Geschichte - in denen sich die unterschiedlichen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts widerspiegeln - sondern strittig ist vor allem auch die Rolle von Religion: Kann, darf oder soll das "christliche Erbe" im Europa von heute eine Rolle spielen? Worauf kann sich letzlich ein europäischer Zusammenhalt stützen? Wie lassen sich Pluralismus und Zusammenhalt auf einen Nenner bringen? Auf das Verhältnis von Politik, Werten und Religion, die innerhalb Europas ebenso umstritten sind wie innerhalb Deutschlands, ging der Vortrag aus politisch-ethischer und theologischer Sicht ein.

Impuls 3 gab Dr. Jörn Eckhoff von der Hauptverwaltung der Deutschen Bundesbank in Hamburg. "Lebt Keynes wieder? - Wirtschaftspolitische Maßnahmen und neue Herausforderungen in der aktuellen Finanzkrise."
Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat dramatische Veränderungen in der Wirtschaftspolitik mit sich gebracht. Es hat sich gezeigt, dass Marktwirtschaften in Extremsituationen stabilisierende Eingriffe des Staates benötigen. Der Name "Keynes" ist damit wieder ins Zentrum öffentlicher und ökonomischer Fachdiskussionen gerückt. Ist auf Dauer mit einem "neuen Kurs" in der Geld- und Finanzpolitik zu rechnen? Welche Folgen ergeben sich hinsichtlich Inflation und Tragfähigeit der Staatsfinanzen?

Prof. Dr. Thomas Goll von der Technischen Universität Dortmund widmete sich in Impuls 4 der "Gesellschaft im Wandel - visuelle Zugänge zur Politik".
Nicht nur in Wahlkampfzeiten werden die Bürger visuellen Reizen ausgesetzt, sondern auch sonst spielt das Visuelle eine bedeutsame Rolle auf dem Feld der Politik. Mit dem gesellschaftlichen Wandel und neuen technischen Möglichkeiten kommt es auch zu Veränderungen der Visualisierung und Wahrnehmung von Politik. Im Workshop wurden Grundzüge visueller Politik und deren Konstanz bzw. Wandel im "Jahrhundert der Bilder" sowie deren Ertrag für Lehr-Lern-Prozesse untersucht.


 
 

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