Preisverleihung des jährlichen Schülerwettbewerbs

Die 6. Preisverleihung des jährlichen Schülerwettbewerbs der Stiftung Ettersberg im Seminarfach "Diktaturerfahrung und demokratische Umbrüche in Deutschland und Europa" mit dem Thüringer Kultusminister als Schirmherrn.

Preisverleihung des jährlichen Schülerwettbewerbs


6. Preisverleihung  zum  Schülerwettbewerb  der  Stiftung  Ettersberg  im
Seminarfach am 15. Juni 2009 in der EJBW in Weimar. Die Begrüßungsrede hielt Prof. Dr. Hans-Joachim Veen von der Stiftung Ettersberg.
 
 
"Liebe  Wettbewerberinnen,  liebe  Wettbewerber,  sehr  geehrter  Herr  Minister, meine sehr geehrten Damen und Herren.  
 
Ich freue mich, Sie alle im Namen der Stiftung Ettersberg zur 6. Preisverleihung
unseres  Schülerwettbewerbs  im  Seminarfach  „Diktaturerfahrung  und demokratische  Umbrüche  in  Deutschland  und  Europa“  herzlich  willkommen heißen zu können. [...] Zum 6. Wettbewerb wurden 35 Arbeiten eingereicht, deutlich mehr als im Vorjahr mit 24 Arbeiten. 111 Schülerinnen und Schüler aus 29 Thüringer Gymnasien haben sich beteiligt. Sie kamen  wiederum  aus  allen  Regionen  unseres  vielfarbigen  Freistaats,  von Sondershausen bis Hildburghausen, von Vacha bis Schmölln und vor allem aus dem Thüringer Becken. Das Themenspektrum  der  eingereichten Arbeiten war breit  gefächert  und  auch  ausgewogen  zwischen  Arbeiten  zur nationalsozialistischen  Herrschaft  und  solchen  zur  SED-Diktatur  und  ihren Folgen.  Aber  es  gab  auch  einige  Themen,  die  weit  über  Deutschland hinausreichten, zum Beispiel eine Arbeit zu Kindersoldaten  in Kolumbien und Uganda.  Damit  habe  ich  selbstverständlich  noch  nichts  über  preiswürdige Arbeiten gesagt. Nur so viel darf ich aus den Entscheidungen der Jury verraten: In diesem Jahr wurden alle drei Haupt- und die fünf Sonderpreise vergeben.

Die  deutlich  gestiegene  Beteiligung  im  Vergleich  zum  Vorjahr  stimmt  uns zuversichtlich. Dennoch wollen wir uns auf dem Erreichten nicht ausruhen. Die Auseinandersetzung mit der deutschen und europäischen Diktaturgeschichte und die  Erziehung  zur  freiheitlichen  Demokratie  sind  für  uns  auf  das  Engste miteinander  verbunden. Wir  werden  die  Demokratie  als  Herrschafts-  und  als Lebensform in Thüringen aber nicht fest verwurzeln können, wenn wir uns nicht klar  und  kritisch mit  den  beiden  vorangegangenen Diktaturen  in Deutschland auseinandersetzen.  Dies  ist  umso  dringender,  als  die  Beschönigung  und Verklärung  der  SED-Diktatur  einen  unerwarteten und für  viele  schwer erträglichen  Aufschwung  zu  verzeichnen  hat.  Das  Vergessen und  die Verschönerung der Erinnerung ist in zwischenmenschlichen Beziehungen sicher eine  wunderbare,  auch  barmherzige  menschliche  Fähigkeit,  die  sehr  hilfreich sein kann. Aber das Vergessen oder gar Schönreden wird allgemeingefährlich in den  Sphären  von  Politik,  Ökonomie  und  Ökologie.  Die  SED-Diktatur  darf ebenso wenig  vergessen werden, wie  die NS-Diktatur, wenn wir Deutsche die Diktatur und ihren Untertanengeist auf Dauer überhaupt überwinden wollen. Mit Blick auf die DDR muss diese Auseinandersetzung in Thüringen nach Lage der Dinge  und  des  verbreiteten Schweigens  oder  gar  Beschönigens  der Elterngeneration  in erster Linie als eine öffentliche Aufgabe begriffen werden.

Den wesentlichsten Beitrag hierzu leisten die Schulen und werden ihn noch lange  leisten müssen. Denn die Schule der Demokratie  für  junge Menschen  ist primär die Schule. Damit wird den Lehrern eine immense Verantwortung für die Erziehung  zur  Demokratie  aufgebürdet. Dies kann nur in der Auseinandersetzung mit der vorhergegangenen Diktatur geleistet werden. Denn wenn der Charakter der Diktatur nicht klar benannt ist, kann auch der Geist der Demokratie sich nicht entwickeln, denn dann setzen sich autoritäre Mentalitäten fort. Demokratie ist ja nicht nur eine Sache von Spielregeln und Verfahren, nicht nur Herrschaftsordnung, sondern vor allem eine Werteordnung und Lebensform, die  die  Würde  eines  jeden  Einzelnen,  seine  individuelle  Freiheit  und Selbstbestimmung  und  die  fundamentale  Gleichheit  aller  Menschen,  die Toleranz und den respektvollen Umgang miteinander zur Grundlage hat. Diesen Geist der Demokratie müssen wir befördern. Das kann nur gelingen, wenn auch der  Blick  dafür  geschärft  wird,  was  Diktaturen  ausmacht,  gerade  wenn  die Erinnerung an sie verblasst, über sie geschwiegen oder sie gar verklärt werden. 

„Nur wer die Geschichte kennt, hat eine Zukunft.“ hat Wilhelm von Humboldt einmal gesagt. Aus dieser Erkenntnis bezieht die Aufarbeitung  ihren Sinn: Wir
müssen  die Diktaturgeschichte  kennen,  um  uns  von  ihr  lösen  zu  können. Wir müssen eine Anschauung gewinnen für das, was nicht wieder sein darf, Diktatur in Deutschland,  und  für  das was  sein  soll:  freiheitliche  und  bürgerschaftliche Demokratie. Mit diesen Forderungen verbinden sich in diesem Jahr zwei große Jubiläen:  Zwanzig  Jahre  friedliche Revolution  in  der DDR  und  sechzig  Jahre Grundgesetz  für  die  Bundesrepublik  Deutschland,  das immer  ein  wichtiger Bezugspunkt der Revolutionäre war. Keine Frage: das Bonner Grundgesetz  ist ein  Erfolgsmodell  für  das  wiedervereinigte  Deutschland  geworden.  Auch  das dritte  Jubiläum,  neunzig  Jahre  Weimarer  Verfassung,  lässt  sich  damit verknüpfen,  zieht  doch  das  Bonner Grundgesetz  ausdrücklich  Lehren  aus  der gescheiterten Weimarer Demokratie, Lehren  die  die  zweite  deutsche Republik zur ersten stabilen Demokratie der deutschen Geschichte gemacht haben. 
 
Der  Rückblick  auf  die  deutsche  Diktatur-  und  Demokratiegeschichte  des 20. Jahrhunderts  lehrt  uns  ja  vor  allem,  dass  die  Demokratie  immer  gegen den Machtwillen von Menschen und den Absolutheitsanspruch totalitärer Ideologien erkämpft werden musste und dass sie dabei auch verloren ging. Die Demokratie ist  nie  dauerhaft  gesichert  und  sie  ist  nie  selbstverständlich.  Sie  ist  vielmehr ständig  gefährdet,  denn  die  Demokratie  ist  die  zerbrechlichste,  weil freiheitlichste Staatsform der neueren Geschichte und sie hat ihren Preis: wache, gut  informierte,  selbstbewusste,  kritische  und  aktive Bürgerinnen  und Bürger, die sie tragen und die sich wehren, die aufstehen, wenn die Freiheit, die mit der Meinungsfreiheit  beginnt,  bedroht  wird.  „Wir  sind  die  Demokratie“,  hat Bundespräsident Köhler kürzlich treffend formuliert. Wenn Demokratie zerfällt, ist  dies  erfahrungsgemäß  ein  schleichender  Prozess.  Er  beginnt  mit  der politischen Gleichgültigkeit und der Ahnungslosigkeit der Menschen von dem, was  diktatorische  Herrschaft  ausmacht  und  er  setzt  sich  fort,  wenn Einschüchterung gelingt und Zivilcourage  fehlt. Demokratie  lebt vom Mut der Demokraten.  Und  dieser  Geist  der  Demokratie  muss  von  Generation  zu Generation  neu  erworben  werden.  Denn  die  Demokratie  wird  nicht  mit  den Genen  vererbt.  Sie  ist immer  wieder  eine  große  zivilisatorische  Leistung  der demokratischen Öffentlichkeit und sie  ist bedroht, wenn die bürgerschaftlichen und zivilgesellschaftlichen  Kräfte  in  ihr  erlahmen.  Sie  alle,  die  Sie  sich  an diesem  Wettbewerb  beteiligt  haben  als  Schüler,  Lehrer  oder  Betreuer  haben Beispiele  demokratischen  Bürgersinns  gegeben.  Hierfür  sagt  die  Stiftung Ettersberg Ihnen ihren Dank und Respekt."

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