9. Internat. Symposium der Stiftung Ettersberg

"Arbeit am europäischen Gedächtnis"

Das 9. Internationale Symposium der Stiftung Ettersberg stand unter dem Titel: "Arbeit am europäischen Gedächtnis. Diktaturerfahrungen und Demokratieentwicklung".

Eine Verananstaltung gemeinsam mit der Bundesstiftung zur
Aufarbeitung der SED-Diktatur, dem Zentrum für Historische Forschung Berlin, der Polnischen Akademie der Wissenschaften und der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen.

9. Internat. Symposium der Stiftung Ettersberg


In seinem Einführungsvortrag sagte Prof. Dr. Hans-Joachim Veen:
"Zum  9.  Internationalen  Symposium  der  Stiftung  Ettersberg  heiße  ich  Sie  alle  sehr herzlich  willkommen.  Es  wird  in  Zusammenarbeit  mit  der  Bundesstiftung  zur Aufarbeitung  der  SED-Diktatur,  dem  Zentrum  für Historische  Forschung  Berlin  der Polnischen  Akademie  der  Wissenschaften  und  der  Landeszentrale  für  politische Bildung  Thüringen  durchgeführt.  Ihnen  danke  ich  für  materielle  und  immaterielle Unterstützung. 
 
Das  diesjährige  Symposium  ist  der  Arbeit  am  europäischen  Gedächtnis,  den Diktaturerfahrungen  und  der  Demokratieentwicklung  in  Europa  gewidmet  und  der starke  Zuspruch  zeigt,  dass  wir  damit  offenbar  ein  besonders  reizvolles  Thema aufgegriffen  haben.  Aber  bevor  wir  uns  diesem  Thema  zuwenden,  erlauben  Sie einem  stolzen  Herausgeber,  Ihnen  die  wiederum  zeitgerecht  binnen  Jahresfrist erschienene Publikation unseres 8. Internationalen Symposiums vorstellen zu dürfen:
„Die Folgen der Revolution - 20 Jahre nach dem Kommunismus“. Sie ist als Band 15 unserer Schriftenreihe  im Böhlau Verlag  erschienen. Redaktionell wurde  der Band von  Daniela  Frölich,  seitens  des  Verlages  von  Herrn  Liehr  betreut  und  in beiden  Fällen  so  zügig,  dass  wir  Ihnen  beiden  heute  dafür  herzlich  „Dankeschön“ sagen können. 

Und  damit  zur Arbeit am europäischen Gedächtnis. Sie wurde  in Deutschland erst vor wenigen  Jahren  aufgenommen  und  gleich  zu Beginn  von  Jorge Semprún,  der auch  der  geistige  Vater  der  Stiftung  Ettersberg  ist,  nachdrücklich  unterstützt. Semprún hat am 10. April 2005 im Weimarer Nationaltheater anlässlich der zentralen Gedenkveranstaltung  aus  Anlass  des  60.  Jahrestages  der  Befreiung  der nationalsozialistischen Konzentrationslager eine mutige Rede gehalten, die ihm auch offenen Unmut einbrachte. Am Schluss seiner Rede beschrieb er das  letztliche Ziel der  Arbeit  an  einem  europäischen  Gedächtnis,  ich  zitiere:  „Eine  der  wirksamsten Möglichkeiten,  der  Zukunft  eines  vereinten  Europas,  besser  gesagt,  des wiedervereinten  Europas  einen  Weg  zu  bahnen,  besteht  darin,  unsere Vergangenheit miteinander  zu  teilen,  unser Gedächtnis,  unsere  bislang  getrennten Erinnerungen zu einen.

Der  kürzlich  erfolgte Beitritt  von  zehn  neuen  Ländern  aus Mittel-  und Osteuropa – dem  anderen  Europa,  das  im  sowjetischen  Totalitarismus  gefangen  war – kann kulturell und existentiell erst dann wirksam erfolgen, wenn wir unsere Erinnerungen miteinander geteilt und vereinigt haben werden.
 
Hoffen wir, dass bei der nächsten Gedenkfeier  in zehn Jahren, 2015, die Erfahrung des  Gulag  in  unser  kollektives  europäisches  Gedächtnis  eingegliedert  worden  ist. Hoffen wir, dass neben die Bücher von Primo Levi, Imre Kertész oder David Rousset auch die "Erzählungen aus Kolyma“ von Warlam Schalamow gerückt wurden. Das würde zum einen bedeuten, dass wir nicht länger halbseitig gelähmt wären, zum anderen  aber,  dass  Russland  einen  entscheidenden  Schritt  auf  dem Weg  in  die Demokratisierung getan hätte.“
 
Diesen  Schritt  hat  Russland  zwar  bis  heute  nicht  getan,  es  hat  sich  unter  Putin vielmehr  zu  einem  plebiszitär-legitimierten  autoritären  Regime  zurückentwickelt. (1) Aber die Arbeit am europäischen Gedächtnis wurde in Deutschland gleichwohl weiter geführt,  zunächst  behutsam  tastend  in  den Geschichts-  und  Kulturwissenschaften, um dann mit dem Beschluss des Europäischen Parlaments von 2007, ein Haus der Europäischen Geschichte zu gründen und 2014  in Brüssel zu eröffnen, beträchtlich Fahrt aufzunehmen. Initiiert hatte diesen Beschluss der Präsident des Europäischen Parlaments, Hans-Gert Pöttering  in seiner programmatischen Rede am 13. Februar 2007,  ich zitiere „Ich möchte einen Ort der Erinnerung und der Zukunft anregen, an dem das Konzept der  Idee Europas weiter wachsen  kann.  Ich möchte den Aufbau eines  „Hauses  der Europäischen Geschichte“  vorschlagen. Es  soll …  ein Ort  sein, der  unsere  Erinnerung  an  die  europäische  Geschichte  und  das  europäische Einigungswerk gemeinsam pflegt und zugleich offen ist für die weitere Gestaltung der Identität Europas durch alle jetzigen und künftigen Bürger der Europäischen Union.“  Das Haus der Europäischen Geschichte – nicht, wie es in unserer Einladung an einer Stelle fälschlicherweise hieß, eines Europäischen Hauses der Geschichte, denn das wäre etwas wirklich anderes – soll nach dem Willen des Europäischen Parlaments ine Verbindung zwischen der gemeinsamen Geschichte und allen Bürgerinnen und Bürgern der Union schaffen. Es soll ein moderner, attraktiver und interaktiver Ort der Begegnung  und  des  Dialogs  werden, um die Kenntnisse der Europäer aller Generationen über die  jüngere Geschichte zu vertiefen und so zu einem besseren Verständnis der Entwicklung Europas  in Gegenwart  und Zukunft beitragen und  die europäische Identität stärken.  
 
Soweit zu der Initiative, die auf den ersten Blick plausibel klingt und sich bei näherer Betrachtung  zu  einem  ebenso  gewaltigen  wie  wagemutigen  und  konfliktgeladenen Unternehmen  auswächst.  Sie  hat  auch  politisch  bereits  Widerspruch  von Europaabgeordneten vor allem aus den jungen Mitgliedsländern ausgelöst. (2) Geht es doch  nicht  nur  um  zentrale  Marksteine,  Weichenstellungen  und  Ereignisse  der europäischen Geschichte als solcher und  ihre  Interpretationen, die umstritten genug sind,  sondern  um  Anknüpfungspunkte  für  ein  gemeinsames  europäisches Gedächtnis und damit um die Frage, die Etienne François auf den Punkt gebracht hat:  Ist eine gesamteuropäische Erinnerungskultur überhaupt vorstellbar? (3)

Auch  im politisch vereinten Europa konstatieren wir zum Teil tief kontroverse und national, um nicht  zu  sagen,  nationalistisch  fokussierte  kollektive  Gedächtnisse  seiner  Völker. Bereits  die  deutsche  Erinnerungskultur  ist  mehrfach  gespalten.  Für  viele Westdeutsche  ist  die  SED-Diktatur  immer  fremdes  Terrain  geblieben, mit  dem  sie sich kaum näher auseinandergesetzt haben. Deshalb können sie die Unterdrückung und Unfreiheit des Lebens  in  der Diktatur  oft  nicht  ermessen  und wissen  auch  die Friedliche Revolution als Akt der Selbstbefreiung nicht hinreichend zu würdigen. Aber auch  im  Osten  Deutschlands  gibt  es  bis  heute  keinen  Konsens  über  den Diktaturcharakter der DDR. Einhellig  ist nur der gesamtdeutsche Konsens über den totalitären Charakter der nationalsozialistischen Diktatur. Wohin die DDR-Erinnerung treibt, ist noch nicht ausgemacht. Noch hat die DDR keinen festen historischen Platz in der deutschen Erinnerungskultur gefunden. Sie  ist bis heute, wie Edgar Wolfrum bündig  konstatiert:  „geschichtspolitisch  umkämpft, erinnerungskulturell  fragmentiert und erfahrungsgeschichtlich geteilt“.(4)

Gilt  analog  trennendes  nicht  aber  ebenso  für  Europa,  trotz  seiner  weitgehenden politischen  Einigung?  Gegenwärtig  sind  wir  jedenfalls  von  einem  gemeinsamen europäischen  Erinnerungsraum  weit  entfernt.  Die  Geschichtsschreibung  ist  primär nationale  Geschichtsschreibung,  stellt  die  nationalen  Gründungsmythen, Legitimationsgrundlagen,  historischen  Zäsuren  und  Konflikte,  die  eigenen Großereignisse,  auch  Verbrechen  und  nationale  Leistungen  in  das  Zentrum  ihrer Betrachtung, oft  in dezidierter Abgrenzung gegenüber anderen Nationen. Nationale Erinnerungsgeschichte,  die  daraus  erwächst,  ist  dann  eben  oft  Konfliktgeschichte. Auch  zwischen  Ost-  und  Westeuropa  gibt  es  grundlegende  Unterschiede  in  der Geschichtsschreibung und in ihren Erinnerungskulturen. Auf der anderen Seite reicht europäische  Geschichte  und  die  ihr  folgende  Erinnerung  aber  weit  über  die topografischen Grenzen Europas  hinaus. Die  europäische Aufklärung  hat  auch  die neue Welt  geprägt.  Die  in  Europa  begonnenen Weltkriege  haben  eine  weltweite Wirkungsgeschichte  und  nicht  zuletzt  hat  die  europäische  Kolonialgeschichte  bis heute tiefe Spuren in Lateinamerika, Afrika und Asien hinterlassen.

„Über Grenzen“ hieß das Motto des 48. Deutschen Historikertages, der vor einigen Wochen in Berlin zu Ende ging. Es hätte auch das Motto für unser Symposium sein können, für das Bemühen, über ein europäisches Gedächtnis zu reflektieren, das die Grenzen  der  Nationalgeschichte  überschreitet  und  eine  europäische Erinnerungskultur wachsen lassen könnte. Doch wie könnte das geschehen und wie könnte  eine  solche  europäische  Erinnerungskultur  aussehen?  Wege  und  Ziele stehen  gleichermaßen  zur  Debatte.  Erreicht  werden  kann  das  Ziel  jedenfalls  nicht durch die abwegige Vorstellung, dass nationale Erinnerungen in Brüssel museal oder administrativ  homogenisiert  würden.  Einheitliche  Erinnerung,  hierauf  hat  Volkhard Knigge  früh  hingewiesen,  ist  nur  mit  einer  totalitären  Geschichtspolitik  in  einem ebensolchen  System  möglich. (5) Um  einen  homogenen  europäischen Erinnerungsraum kann es demnach nicht gehen. Aber wie steht es mit dem Versuch, gemeinsame  Berührungspunkte,  „lieux  de  mémoire“,  materielle  und  ideelle Kristallisationspunkte  kollektiver  Erinnerung  zu  identifizieren?  Claus  Leggewie  hat hierzu 2009 hypothetische sieben Kreise transnationaler Erinnerung in Europa in die Diskussion gebracht, vom Holocaust über den Sowjetkommunismus, Vertreibungen und  Kolonialismus  bis  hin  zur,  wie  er  es  nennt,  „Erfolgsgeschichte  Europa  nach 1945“ (6). Und Etienne François  hat  in einem  sehr  nachdenklichen Beitrag  im  selben Jahr  am  Ende  weise  darauf  hingewiesen,  dass  das  Thema  „der  im  Entstehen begriffenen  europäischen  „lieux  de  mémoire…“  ein  sehr  weites  Feld  (ist)“.  Wohl wahr!  Dieses  weite  Feld  wird  er  gleich  in  seinem  Einführungsvortrag,  den  er dankenswerter  Weise  sehr  kurzfristig  übernommen  hat,  gründlicher  bearbeiten.
Volkhard  Knigge,  der  ursprünglich  sprechen  sollte,  muss  sich  leider  einer Zahnoperation  unterziehen.  Wir  wünschen  ihm  rasche  Genesung,  damit  er am Samstag  wie  beabsichtigt  am  Abschlusspodium  teilnehmen  kann.  Ihnen,  verehrter Herr François noch einmal sehr herzlichen Dank, dass Sie eingesprungen sind und wir damit einen besonders qualifizierten Eröffnungsredner gewinnen konnten. 
 
Auf  dem  weiten  Feld  der  europäischen  „lieux  de  mémoire“,  hat  sich  bisher  am weitesten  der  2007  vom  Europäischen  Parlament  berufene  internationale Sachverständigenausschuss  für das Haus der Europäischen Geschichte vorgewagt. Ihm gehörten u. a. die Kollegen Borodziej, Universität Warschau und Mária Schmidt, Direktorin des „Haus des Terrors“ in Budapest an, die heute und morgen auch dabei sind.  Der  Sachverständigenausschuss  hat  im  Oktober  2008  die  „Konzeptionellen Grundlagen  für ein Haus der Europäischen Geschichte“  vorgelegt, (7) die auf diesem Symposium erstmals einer breiteren öffentlichen Fachdiskussion unterzogen werden sollen. Dieser wissenschaftliche Diskurs ist meines Erachtens überfällig. Während es ein  schönes  Grundstück  für  das  Haus  am  denkmalgeschützten  Leopoldspark  in Brüssel  bereits  gibt,  die  Architektenausschreibung  läuft,  für  die  das  Europäische Parlament  für das Haushaltsjahr 2011 bereits 2,5 Millionen Euro eingestellt hat und die Leitung des Hauses gegenwärtig bestellt wird, nachdem also viele Fakten bereits geschaffen  wurden,  hat  es  bisher  kaum  eine  öffentliche  Debatte  über  dieses erinnerungskulturelle Großprojekt der Europäischen Union gegeben. Wenn das nicht symptomatisch  für  die  europäische  Öffentlichkeit  sein  soll,  ist  es  höchste  Zeit, zumindest einen quasi nachholenden Diskurs zu den getroffenen Entscheidungen zu führen. 

Dabei bin ich mir sicher, dass dieser Diskurs erst wirklich begonnen hat und uns wohl noch  lange  beschäftigen wird. Denn wenn  es  richtig  ist,  dass  die Arbeit  an  einem europäischen Gedächtnis weniger eine in die Vergangenheit  zurückgreifende, als vielmehr in die Zukunft gerichtete  ist, dann  könnte  daraus nach und nach eine geistig-politische  Festigung  der  europäischen  Unionsidee  erwachsen. Ob dies am Ende gelingen kann, ist offen, aber das hat die Zukunft nun einmal so an sich. Heute freue  ich mich, dass so viele hervorragende Referenten und Teilnehmer aus Polen, Ungarn,  Frankreich,  Russland, Österreich und Deutschland an diesem  wichtigen europäischen Diskurs mitwirken wollen und danke Ihnen allen für Ihr Kommen und Ihr Interesse.

(1) Vgl. jüngst Margareta Mommsen, Oligarchie und Autokratie. Das hybride politische System Russlands, in: osteuropa, Heft 8/ August 2010, S. 25 ff.
(2) Vgl. zur Kritik des Vorhabens Stefan Auer, Die EU und die Geburt des freien Europa. Identität,
Legitimität und das Erbe von 1989, in: osteuropa, Heft 8/August 2010, S. 3 ff
(3) S. Etienne François, Ist eine gesamteuropäische Erinnerungskultur vorstellbar? in: Thomas Flierl, Elfriede Müller (Hrsg.), Vom kritischen Gebrauch der Erinnerung, Berlin 2009, S. 83 ff.
(4) S. Edgar Wolfrum, Das Erbe zweier Diktaturen und die politische Kultur des gegenwärtigen Deutschland im europäischen Kontext, in: Hg. Steffen Sigmund u. a., Festschrift für M. Rainer Lepsius, Wiesbaden 2008, S. 310.
(5) Volkhard Knigge, Europäische Erinnerungskultur. Identitätspolitik oder kritisch-kommunikative historische Selbstvergewisserung, in: Kulturpolitische Gesellschaft e.V. (Hrsg.), kultur.macht.europa/europa.macht.kultur, Edition Umbruch 23, Essen 2008, S. 150 ff, insbes. S. 156.
(6) Vgl. Claus Leggewie, Schlachtfeld Europa, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, Heft 2/2009, S. 81 ff.
(7) Intern gedruckt in Brüssel 2008.

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