"Knastmauke"

Das Schicksal von politischen Häftlingen der DDR nach der Wiedervereinigung

Was ist aus den etwa 200.000 politischen Gefangenen der DDR geworden? Sibylle Plogstedt hat 25 von ihnen aufgesucht und festgestellt, dass die Helden und Heldinnen von einst heute in Armut leben. In der DDR haben sie Berufsverbot, Haft und psychische Folter erlebt. Heute lebt fast die Hälfte der ehemals politisch Verfolgten mit weniger als 1.000 Euro im Monat. Plogstedts Fazit: Die Armut ist eine Traumafolge.
Buchvorstellung und Podiumsgespräch in der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur

"Knastmauke"

Begrüßung Dr. Anna Kaminsky, 03:56 min

The player will show in this paragraph


So schnell konnte sie gar nicht gucken, da hatte sie schon Handschellen um. Damals, bei ihrer Festnahme 1967 in der ehemaligen DDR in Nauen. „Anstiftung zur Republikflucht“ lautete die Anklage. Die damals 16-Jährige Angelika Hartmann hatte einer Mitschülerin erzählt, wie das war, als sie ein Jahr zuvor in den Westen zu einem Rolling-Stones-Konzert unter dem Stacheldraht der Grenze hindurch gekrochen war und kurz darauf freiwillig wieder zurückkehrte. Ihr Pech: Der Vater der Mitschülerin arbeitete bei der Staatssicherheit.

Angelika Hartmann war eine derjenigen, die an der Buchvorstellung „Knastmauke – Das Schicksal von politischen Häftlingen der DDR nach der deutschen Wiedervereinigung“ der Journalistin und Filmemacherin Dr. Sibylle Plogstedt in den Räumen der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur am 23. September teilnahm. Sie zählt zu den 200.000 politischen Häftlingen der DDR, von denen die Autorin 800 befragt und 25 aufgesucht hat. Deren Erwartungen und Enttäuschungen nach der Wiedervereinigung sie für ihr zweijähriges Forschungsprojekt aufgezeichnet hat.

So begrüßte Dr. Anna Kaminsky von der Bundesstiftung Aufarbeitung besonders die Teilnehmer der Podiumsdiskussion, Wolfgang Stiehl, Gabriele Stötzer und eben Angelika Hartmann, die zu DDR-Zeiten die Leiden der Haft erlebten und hob hervor, dass zu den Aufgaben der Stiftung Aufarbeitung auch die Erinnerung an die Opfer gehöre. In den vergangenen Jahren seien mehrere Entschädigungsgesetze verabschiedet worden, jedoch hätten diese nicht vollständig genug zur Entschädigung der Opfer beigetragen. Frau Dr. Kaminsky forderte deswegen im Namen der Stiftung die Entfristung der Gesetze, die gesetzliche Festlegung der Beweislastumkehr bei haftbedingten Gesundheitsschäden und dass die Opferrente vom Nachweis der sozialen Bedürftigkeit entkoppelt werden müsse.

Zu Einführung der Veranstaltung sprachen die Förderer des Werkes von Frau Plogstedt. Zunächst Frau Dr. Michaela Kuhnhenne und Gunther Beggenau von der Hans-Böckler-Stiftung. Erstere hob hervor, was für ein tolles Ergebnis aus diesem anfänglich kleinen Projekt am Essener Kolleg für Geschlechterstudien entstanden sei. Herr Beggenau unterstrich, es sei der Stiftung in den letzten 15 Jahren ein Anliegen gewesen, Bücher zu fördern, die sich mit der Geschichte des Kommunismus, mit der Bewältigung der DDR-Vergangenheit beschäftigen. So fielen auch Angela Rohrs „Der Vogel“, und Schliemanns Werk über die Staatssicherheit in diese Rubrik. „Wir sind froh, dass das Buch von Frau Plogstedt nun dieentsprechende Aufmerksamkeit bekommt – vielleicht ist es sogar die erste systematische Studie überhaupt zu diesem Thema“, sagte er. Das Werk sei ein erschütternder Kommentar zu der These, die DDR sei kein Unrechtsstaat gewesen. Abschließend fasste Christian Flierl vom Psychosozial-Verlag zusammen, dieses Buch habe an die Öffentlichkeit gemusst.

Von diesen Worten empfangen, betrat die Autorin nach einer halben Stunde dankend das Podium. Sie müsse zunächst den Begriff „Knastmauke“ erklären, begrüßte sie die rund 100 Zuschauer. Demnach stamme der Begriff von den Häftlingen selbst, wenn sie sich konstatierten, er „habe wieder Mauke“ – irgendetwas ticke in dem Augenblick bei dem nicht richtig. Beim Entstehungsprozess ihres Forschungsprojektes vor zwei Jahren habe sie noch gedacht, politische Haft ginge aus illegalen Aktionen hervor. Diese Gedanken seien ihr dann jedoch schnell ausgetrieben worden, denn sie habe ehemalige politische Häftlinge befragt, die ihr die unterschiedlichsten vorgeschobenen Haftgründe genannt hätten. Wie Herrn Stiehl, der als Student inhaftiert worden sei, weil er Flugblätter verteilte. Oder andere, die hohe Strafen für kritische Bemerkungen bekamen. Oder die es in den Westen zog, weil sie sich in einen dortigen Bewohner verliebt hatten. Oder Frauen wie Angelika Hartmann, die inhaftiert wurden, weil sie unbedingt ein Rolling-Stones- Konzert sehen wollten.

Frau Plogstedt zeigte sich beeindruckt von der Aufrichtigkeit, mit denen manche dieser Personen ihre Haft überstanden haben, dass ihnen ihr Glaube Halt gegeben habe. Ihr besonderes Augenmerk habe sie auf die weiblichen Häftlinge gelegt, da diese bislang in der Forschung und in der Öffentlichkeit meist unberücksichtigt geblieben sind. Ebenso verhalte es sich mit der Gruppe der Angehörigen, die mittraumatisiert worden seien. Die Entschädigung und die Hilfe seien besonders für diese Personengruppe immer noch minimal, Haftfolgen würden bis heute stark in Frage gestellt. „Es geht mir um den Preis, den all diese Häftlinge bezahlt haben“, sagte sie und verwies damit auf die Langzeitwirkungen, die psychischen Störungen und die berufliche Hinabstufung, mit denen die ehemaligen Häftlinge nach der Haft zu kämpfen hatten und immer noch haben.

Die Studie von Frau Plogstedt gliedert sich in zwei Teile. Den qualitativen, die Gesprächsprotokolle, und den quantitativen, bei dem von 2000 verschickten Fragebögen 802 ausgefüllte untersucht wurden. Folgende Ergebnisse stellte die Autorin vor: 51 Prozent der 200.000 politischen Häftlinge der DDR seien nach ihrer Haft im Land geblieben. Dies habe zu einem immensen Abstieg für die Personen geführt. Die Zufriedenheit mit dem Einkommen sei mit 30 Prozent bei den Männern und 20 Prozent bei den Frauen relativ gering gewesen. Dies habe anhaltendes Misstrauen (70 Prozent der Frauen und 60 Prozent der Männer), Platzangst (35 Prozent bei den Frauen und 30 Prozent bei den Männern) und Selbstmordgedanken (immer bei 1,1 Prozent, oft bei 4,4 Prozent) zur Folge gehabt. Haftfolgeschäden seien bei 71 Prozent der Frauen und bei 73 Prozent der Männer nicht anerkannt worden. Die DDR zurück wollten von den ehemaligen politischen Häftlingen auf gar keinen Fall 71 Prozent der Frauen und 78 Prozent der Männer.

Abschließend zitierte Frau Plogstedt aus einem der Protokolle. Thomas Reschke saß insgesamt dreimal in Haft. Er sei einer der wenigen, der sich über die Vergewaltigungen in Chemnitz geäußert hat. „Es gibt Dinge, für die hat man keine Worte“, habe Reschke gesagt. Die Schließer hätten absichtlich dafür gesorgt, dass andere Häftlinge Zugang zu ihm bekommen, ihn geschlagen und vergewaltigt hätten. Bis heute sei es für ihn noch schwierig, normal zu leben. Er nehme Tabletten, um schlafen zu können, sein Sauberkeitsbedürfnis sei sehr groß und zwischen seiner Frau und ihm habe es eine große Blockade gegeben. Oft habe er sich gesagt: „Verflixtes Gehirn und Unterbewusstsein: Lasst mich endlich in Ruhe!“

Nach diesen Worten leitete die Moderatorin Dr. Michaela Kuhnhenne über zur Vorstellung der drei Befragten Stiehl, Stötzer und Hartmann, die ihre Geschichte in kurzen Worten schilderten.

Wolfgang Stiehl studierte nach seiner Lehre an der Arbeiter- und Bauernfakultät. Er las Zeitungen aus dem Westen, hörte Radio – und wurde von einem Kommilitonen im Februar 1953 angeschwärzt. „Dann wurde ich von der Straße weggekidnappt, meine Eltern wussten fünf Monate nicht, wo ich war“, schilderte Herr Stiehl seine Festnahme wegen ‚gemeingefährlichen Verbrechens“. 60 Jahre Zuchthaus lautete das Urteil, doch Herr Stiehl hatte Glück: Ein Betriebsdirektor habe erkannt, dass das lediglich eine Jugenddummheit gewesen sei und holte ihn aus der Haft und zurück in den Beruf. Dennoch habe er es nur bis zum Abteilungsleiter bringen können, dann war „Ende der Fahnenstange“.

Gabriele Stötzer war in der DDR mit der FDJ aufgewachsen, studierte Deutsche Kunsterziehung in Erfurt, habe sich sozialistisch gefühlt. Sie engagierte sich in einer intellektuellen Gruppe um Jürgen Fuchs. Sie glaubten, mitbestimmen zu können, doch „das war unser Fallbeil“, wie sie sagt. An der Universität verteilte sie Flugblätter, zuletzt wegen der Ausweisung Biermanns. „Wir wurden als Staatsfeinde exmatrikuliert“, sagte Frau Stötzer und schilderte ihre Haft in Hoheneck. Sie habe keine Periode bekommen während der Zeit, gemeinsam mit Schwerverbrecherinnen habe sie gesessen. „Hoheneck ist eine Mörderburg.“ Nach ihrer Haft wollte sie jedoch nicht schweigen wie so viele andere. „Ich war eine redende Gefangene.“ Frau Stötzer schrieb, ging in den Untergrund, veröffentlichte Bücher wie „Die bröckelnde Festung“ oder „Rückbesinnung ist schwer“. „Die einzige Rettung, die wir hatten, war die Flucht in die Öffentlichkeit“, sagt sie, bevor das Wort an Frau Hartmann ging.

Angelika Hartmann, die im Alter von 16 Jahren nach Hoheneck kam. 1964 hatte sie eine Ausbildung bei der Reichsbahn begonnen. Sie hörte gern Rock und als die Stones sich in der Wuhlheide ankündigten, „mussten wir da hin“. Unversehrt kam sie ein Jahr später zurück in die DDR, auf eigenen Wunsch. Doch dann habe sie erzählt, „wie es da war, da drüben“. Im August 1966 folgte ein Brief nach Hause, sie solle zum Gericht in Nauen kommen. Kaum angekommen, hatte sie schon die Handschellen um und 17 Monate Haft wegen „Anstiftung zur Republikflucht“. Über die Zeit in Nauen und später in Hoheneck spreche sie nicht gern. „Ich hab immer versucht, zu vergessen, zu verdrängen“. Doch vor drei Jahren sei sie psychisch

erkrankt, als die U-Bahn in Berlin in einem Tunnel feststeckte und die Erinnerung an den dunklen Folterkeller in Hoheneck mit Wasser bis zu den Knien wieder hochschoss. „Ich hab gedacht, ich sterbe.“

In der abschließenden kurzen Fragerunde sorgte ein Zuschauer für Aufregung. Er wollte wissen, ob Frau Plogstedt auch Häftlinge gesprochen habe, die etwas Positives aus der Haft mitgenommen haben, ob es eine genaue Liste mit den Ungerechtigkeiten gebe, die den Häftlingen zugestoßen seien, oder ob es sich nur um Notoriker handele, was denn ihre befragten Häftlinge auszeichne. Merkwürdige Fragen seien das, antwortete Frau Plogstedt, für viele Häftlinge sei es das Wichtigste gewesen, ihr Leben nach der Haft wieder hinzubekommen und sie habe vorher nicht jeden auf seine Charaktereigenschaften prüfen können. Aus dem Publikum regte sich ebenfalls Widerstand: „Das sind die Leute, auf denen sich die Zukunft von deutschem Selbstverständnis aufbauen lässt“, sagte eine Dame aus der vorderen Reihe und „Das sind keine notorischen Verweigerer, sondern genau diese Häftlinge hätten sich aus der Masse der notorischen Weggucker hervorgehoben“ bestätigte ein anderer.

Abschließend fragte Moderatorin Kuhnhenne die Podiumsteilnehmer, ob ein Resozialisierungsgedanke seitens des Staates durchgedrungen sei. „Nein, das gab es nicht“, sagte Frau Hartmann, die Frau, die als Mädchen so gern die Rolling Stones hörte. „Ich hatte einfach das Glück, einen netten jungen Mann kennenzulernen und dann alles seinen Verlauf nahm.“

Bericht von Alexandra Kilian

 

Zurück Zurück

Partner:
 

Bundesstiftung AufarbeitungDie Bundesbeauftragte für die Unterlagen deStaatssicherheitsdienstes der ehemaligen DeutschenDemokratischen RepublikFreistaat Sachsen

 

Weitere Kooperationen:
 

Zentrum für zeithistorische Forschung PotsdamHumanities, Sozial- und Kulturgeschichte