Deutschland 2.0

Standortbestimmung von Claus Christian Malzahn

In seinem Buch „Deutschland 2.0. Eine vorläufige Bilanz der Einheit“ legt der Journalist und „Welt“-Redakteur Claus Christian Malzahn eine Standortbestimmung des Landes vor und wagt gleichzeitig Ausblicke in die Zukunft. Zur Vorstellung des Buches luden die gemeinnützige Hertie Stiftung und die Hertie School of Governance gemeinsam mit der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und dem Deutschen Taschenbuch Verlag in die Räume der Hertie Stiftung in Berlin ein. Der Autor diskutierte mit dem Leiter der Bundeszentrale für politische Bildung, Thomas Krüger, über Malzahns Bestandsaufnahme des vereinigten Deutschland.

Deutschland 2.0


In seiner Begrüßungsrede schilderte Michael Knoll, Leiter des Berliner Büros der gemeinnützigen Hertie Stiftung, seine Eindrücke vom 9. November 1989, als er mit seinen Eltern vor dem Fernseher saß und den Mauerfall mit warmem Sekt begoss. Wie für viele Westdeutsche spielten die neuen Bundesländer jedoch lange Zeit keine Rolle in seinem Leben. Anstatt nach Leipzig oder Magdeburg reiste der Baden-Württemberger lieber nach Paris und Italien. Mit Malzahn, so betonte Knoll, habe man einen kritischen Beobachter, der schon vor 1989 zwischen Ost und West pendelte und der „sich traut, die Entwicklung des gemeinsamen Deutschland zu hinterfragen“. Auch Andrea Wörle vom Deutschen Taschenbuch Verlag wies auf Malzahns ganz persönliche Sicht der Dinge hin. Der 1963 geborene Journalist, der früher u. a. für den SPIEGEL schrieb, analysiere die Geschichte Deutschlands eben nicht wie der zur Objektivität verpflichtete Historiker, er halte sich selbst nicht aus der Beurteilung heraus. Und dennoch gelinge es ihm “mühelos, die großen historischen Linien zu verfolgen“, so Wörle. Vor allem seine Schlussbetrachtung beweise den analytischen Scharfsinn Malzahns: nicht etwa der Ost-West-Konflikt werde die Debatten der Zukunft beherrschen, sondern vielmehr das Thema Integration und Zuwanderung.

Thomas Krüger hob in seinem Vortrag vor allem die Bedeutung des Freiheit hervor, die die Menschen im Osten Deutschlands durch die Einheit erhalten haben. Während die elementare Errungenschaft der Freiheit weitgehend aus der öffentlichen Debatte verschwunden sei, habe Malzahn sie zum Leitmotiv seines Buches gemacht. In diesem Zusammenhang wies Krüger aber auch darauf hin, dass die Freiheitsbewegung von 1989 eine gesamteuropäische war und die deutsche Einheit nicht kontextlos stattgefunden habe. Die osteuropäischen Nachbarstaaten wie Polen oder Ungarn hätten im Gegensatz zur DDR keinen „westlichen Bruder“ gehabt, der ihnen mit den Möglichkeiten, aber auch mit den Problemen der neu errungenen Freiheit unter die Arme hätte greifen können. Die „Gewinner der deutschen Einheit“ aber seien vor allem die südlichen Bundesländer wie Bayern und Baden-Württemberg, so Krüger, da sie vom Arbeitskräftepotenzial der abgewanderten Ostdeutschen profitierten. Die demografische Verschiebung mache sich schon jetzt in einem Mangel an Fachkräften z.B. in Sachsen bemerkbar. Schon aus diesem Grunde würde das Thema hoch qualifizierter Zuwanderer in den nächsten Jahren an Bedeutung gewinnen.

In der sich anschließenden Diskussion zwischen Malzahn und Krüger drehte sich vieles um den Freiheitsbegriff. Malzahn führte die jahrelange Abwesenheit des Freiheitsdiskurses darauf zurück, dass auch die Rolle der Bürgerrechtler nach 1990 stark an Bedeutung verloren hätte. Sie hätten „die Interessen der Bürger formulieren sollen“. Krüger, der als Gründungsmitglied der ostdeutschen Sozialdemokraten selbst in der Bürgerrechtsbewegung aktiv war und von 1991-94 als Senator für Jugend und Familie im Berliner Rathaus Politik machte, erklärte diesen Bedeutungsverlust mit den politischen Umständen: In den Wochen und Monaten nach dem Mauerfall hätten die Akteure der Friedlichen Revolution kaum Zeit zum Durchatmen gehabt, immer nur auf Befunde reagieren können und sich sehr schnell entscheiden müssen, ob sie sich in die politischen Institutionen eingliedern wollten oder nicht. Während „wir selbst noch mit der Idee des dritten Weges unterwegs“ waren, so Krüger, habe die politische Klasse bereits pragmatisch handeln müssen. In diesem Zusammenhang erinnerte Claus Christian Malzahn an die am 11. September verstorbene Bärbel Bohley, die als Ikone der ostdeutschen Freiheitsbewegung gelten kann. Die Arbeit im politischen System der Bundesrepublik habe ihr „keinen Spaß gemacht“, sagte Malzahn, der Bohley in den Tagen der Friedlichen Revolution mehrmals begegnete. Daher zog sich Bohley aus dem politischen Geschäft zurück und engagierte sich stattdessen in den neunziger Jahren für den Wiederaufbau des kriegszerstörten Balkans.

Doch auch die aktuelle politische Kultur seziert Malzahn in seiner Deutschland-Analyse. Die „Basta-Politik“ von Bundeskanzler Gerhard Schröder sei Geschichte, glaubt der Publizist, das Moderieren und die Bereitschaft zum Kompromiss seien die neuen Eigenschaften der Politiker. Und auch die große Zeit der Volksparteien ist Malzahns Ansicht nach vorbei; und auch wenn er nicht an eine „Partei rechts der CDU“ glaubt, so werde es doch in Zukunft mehr und kleine Parteien im Bundestag geben. Thomas Krüger wand ein, dass man es „aber auch mit einer mündiger werdenden Bevölkerung“ zu tun habe, für die gesellschaftliche Debatten eine größere Rolle spielen werden. In diesem Zusammenhang kam er auf die Frage der Integration von Zuwanderern zurück, die in Malzahns letztem Kapitel „Einsichten, Aussichten“ unter die Lupe genommen wird. Dieses Thema werde in den kommenden Jahren einen größeren Platz in der öffentlichen Diskussion einnehmen als der „Ost-West-Konflikt“, prognostiziert Malzahn. Vieles sei falsch gelaufen in der Zuwanderungspolitik, vor allem die Verlautbarungen der CDU/CSU, Deutschland sei kein Einwanderungsland, hätten der Debatte nicht geholfen. Gleichzeitig betonte der Journalist, dass die Einwanderer-Gemeinden auch eine eigene Verantwortung zum Handeln hätten – „seit wann ist Einwandern leicht?“

Die deutsche Einheit funktioniere besser als ihr Ruf vermuten lasse, so resümierte Malzahn am Ende des Abends. Doch die Gegenwart stelle uns vor die großen Herausforderungen eines vereinigten Europa und einer globalisierten Welt, für deren Bearbeitung wir uns ein Beispiel an der Dynamik der Friedlichen Revolution nehmen könnten: „Wir brauchen heute wieder den Bürgermut von 1989, um zu sagen, wie wir die Zukunft haben wollen.“

Ein Bericht von Juliane Schütterle

 

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