Schüler erkunden ehemalige DDR-Grenzanlagen

Zeitzeugengespräch mit Fluchthelfer Hartmut Richter

Das erste Ziel der Tour war Helmstedt, wo das Zonengrenz-Museum besucht wurde, dann ging es nach Hötensleben, wo den Schülern die einzelnen Abschnitte des ehemaligen Grenzstreifens anhand von erhaltenen Originalanlagen genauer erklärt wurden. In Marienborn konnten sich die Zehntklässler ein Bild von den Durchfahrtskontrollen an der Autobahn A2 machen.

Schüler erkunden ehemalige DDR-Grenzanlagen


Das erste Ziel der Tour war Helmstedt, wo das Zonengrenz-Museum besucht wurde. Es zeigt in fünf Abschnitten die Geschichte der ehemaligen deutschen Grenze von ihren Anfängen bis zur Wiedervereinigung 1990. Fotos, Modelle und Originalobjekte konnten angeschaut werden, so auch eine Darstellung des ehemaligen Grenzstreifens mit Metallzaun, Warnschildern und Selbstschussanlagen.

Anschließend ging es nach Hötensleben, wo den Schülern die einzelnen Abschnitte des ehemaligen Grenzstreifens anhand von erhaltenen Originalanlagen genauer erklärt wurden. So wurde unter anderem beleuchtet, wieso die DDR die Grenze als „antifaschistischen Schutzwall“ bezeichnete und welche Hürden ein Flüchtling zu überwinden hatte.

In Marienborn konnten sich die Zehntklässler ein Bild von den Durchfahrtskontrollen an der Autobahn A2 machen. An der Grenzübergangsstelle arbeiteten über 1000 Bedienstete und auch nachts war die Anlage taghell beleuchtet. Im Abfertigungsbereich für die Pass- und Identitätskontrollen wurde den Schülern gezeigt, wie die Pässe über Förderbänder zur Kontrolle weitergeleitet wurden. Außerdem konnte der Kommandoturm besichtigt werden, von dem die Sperrsysteme (u.a. Schlagbäume und Rollschranken) per Knopfdruck ausgelöst werden konnten. Vom Kommandoturm aus sollte die ganze Grenzübergangsstelle beobachtet werden, damit im Falle eines Fluchtversuches schnell gehandelt werden konnte.

Den Tagesabschluss bildete ein Gespräch mit dem bekannten Fluchthelfer Hartmut Richter, der den Schülern eindrucksvoll seine eigene Flucht in der Nacht vom 26. auf den 27. August 1966 schilderte. Als 18-jähriger schwamm Hartmut Richter durch den Teltow-Kanal nach Westberlin, nachdem sein erster Fluchtversuch zu Beginn des Jahres scheiterte. „Es war eine Sache auf Leben und Tod“, erklärte Richter, „in einem Plastikbeutel hatte ich wichtige Papiere und 800 Ost-Mark bei mir.“ Hartmut Richter schwamm am schwach beleuchteten Ufer und versteckte sich immer wieder im dichten Schilf. „Ich war drei Stunden im Wasser, und meine Zähne klapperten wegen der Kälte ziemlich stark. Ich hatte Angst, von Hunden oder Grenzsoldaten entdeckt zu werden“, so der DDR-Flüchtling. Als er im Wasser dann von einem Schwan angegriffen wurde, hörte er die Hunde näherkommen: „Ich musste warten und ruhig bleiben, damit die Hunde mich nicht entdeckten.“ Nach einer anstrengenden Nacht gelang ihm die Flucht nach Westberlin, wo ihn Westdeutsche aufnahmen.

In den 1970er Jahren begann er dann, Freunden bei der Flucht in den Westen zu helfen. Im Kofferraum seines Autos transportierte er 33 Menschen über die Grenze. Als er 1975 seine Schwester aus der DDR holen wollte, flog er auf und wurde zu 15 Jahren Haft verurteilt. Nach fünf Jahren im Gefängnis wurde Richter dann von der Bundesrepublik Deutschland freigekauft.

Außerdem berichtete Hartmut Richter von seiner Jugend in der DDR. Eines Tages wurde er auf dem Weg zur Schule von Stasi-Mitarbeitern aufgehalten und mitgenommen. In einer Villa unterhielt er sich mit ihnen, doch nach einer halben Stunde wollte er endlich zur Schule gehen und forderte eine Entschuldigung für sein Fernbleiben vom Unterricht. Da griffen sich die Stasi-Mitarbeiter den jungen Hartmut Richter und schnitten ihm die für ihren Geschmack zu langen Haare kurzerhand ab. „Schluss aus“ hieß es von diesem Punkt an für den späteren Flüchtling – er wollte nicht mehr eingeschränkt leben und träumte davon, frei zu sein.

Die Schüler stellten anschließend noch einige Fragen, in denen unter anderem die Haftbedingungen in DDR-Gefängnissen thematisiert wurden. 

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