Freiheit im Blick. Europa 1989/2009

Geschichte einer Hoffnung – Ende einer Illusion? Ein Tagungsbericht

Sie hatten die Freiheit im Blick – die Arbeiter und Intellektuellen der Solidarno+#347;+#263;, die Oppositionellen und Reformpolitiker in Ungarn, die Bürgerrechtler und Flüchtlinge der DDR. Eine internationale Konferenz hat an das Jahr 1989 erinnert und nachgefragt, was aus den Hoffnungen von damals geworden ist.

Freiheit im Blick. Europa 1989/2009

Demonstration in Polen 89 © Goethe Institut



Das Beste an dieser Konferenz sei gleich am Anfang verraten: es war nicht nur ein Blick, der hier vorherrschte, es waren viele Blicke. Das Goetheinstitut, das Ponische Institut Berlin und die Deutsche Gesellschaft für Osteuropakunde waren die Gastgeber der Berliner Tagung. Von unterschiedlichen Standpunkten aus – das ist durchaus auch wörtlich im geographischen Sinne zu verstehen – erschlossen sich dem Zuhörer Blickwinkel, die von Deutschland aus nicht möglich sind. Kulturelle, wirtschaftliche, gesellschaftliche Perspektiven aus Tallinn, Bratislava, Warschau oder Prag auf 1989 und die folgenden zwanzig Jahre haben den Zeitstrahl der historischen Ereignisse gebrochen, der in der nationalen Linse oft allzu gleichförmig erscheint. Diese Multiperspektivität macht jedes Fazit verdächtig. Dennoch seien hier einige Blickachsen nachgezogen.

 

Schnell, innerhalb eines Jahres fegte die Revolution ein Bollwerk hinfort, das das Denken und Leben der Menschen über Jahrzehnte drangsaliert hatte. In jenem Revolutionsjahr 1989 war der kommunistische Machtapparat, dessen Programm die Einschüchterung war, so schwach geworden war, dass er vor den Augen einer staunenden Weltöffentlichkeit beinah ohne Gegenwehr auseinander fiel. Die Revolutionen in Ost- und Mitteleuropa verlief weitgehend friedlich. Szenen heftiger Gewalt und blutiger Zusammenstöße blieben die Ausnahme. Es war kein Sturm, kein düsterer Zusammenprall der Ideologien. Ein frischer Wind wehte damals durch Europa. Er kam aus östlicher Richtung und er beflügelte die Hoffnungen der Menschen, dass nun die Freiheit keine Fiktion mehr bliebe.

 

Die Solidarno+#347;+#263; in Polen, Gorbatschows Perestroika oder die Reformen in Ungarn gehören zu den Initialzündungen des Aufbruchs. Kann man einen entscheidenden Beginn der Umbrüche ausmachen, ein Land oder sogar einen Ort benennen, von dem alles Weitere ausging? Der polnische Essayist Adam Michnik, Herausgeber der Gazeta Wyborcza, Dissident im Untergrund in den 1970er und 80er Jahren, Freiheitskämpfer am Runden Tisch 1989, ist ein kluger Mann mit feinem Humor, der bei seiner Eröffnungsrede den andauernden Wettlauf der Revolutionäre vorführt, bei dem jeder der erste gewesen sein will und das aus seiner jeweiligen Perspektive auch war. Und selbst westliche Politiker sehen sich gern als Pioniere der Entwicklungen. Michnik, der außerdem ein flammendes Bekenntnis zur Verteidigung der Freiheit und Menschenrechte in einer ungewissen Zukunft abgibt, weiß natürlich insgeheim, dass der Solidarno+#347;+#263; immer ein Platz unter den ersten drei sicher sein wird – unabhängig davon, wer vom historischen Wettlauf der Veränderungen Bericht erstattet.

 

Der Wettlauf der osteuropäischen Länder hat jedoch auch eine ganz konkrete wirtschaftliche und politische Dimension, wie am nachfolgenden Tag im Panel über die Wirtschaft in Osteuropa deutlich wird. Die Standortkonkurrenz um die Niederlassungen der großen multinationalen Unternehmen hat den politischen Wettbewerb fortgesetzt, es möglichst schnell in die NATO und EU zu schaffen und als Musterschüler des Westens die neoliberalen Lektionen auswendig zu lernen. Gerade hier liegt jedoch auch eine gefährliche Hypothek von 1989, deren Risikopotential sich bereits in den 90er Jahren gezeigt hat und die sich angesichts der derzeitigen Wirtschaftskrise als fauler politischer Kredit erweisen könnte.

 

Denn 1989 gewann die Freiheitsbewegung auch deshalb Schub, weil Freiheit Wohlstand zu versprechen schien. Freiheit hieß auch freie Marktwirtschaft und die hatte die Hoffnung befeuert, mit der Planwirtschaft würde die Wirtschaftmisere zu Ende gehen; bald würde es allen besser gehen. Die materiellen Hoffnungen teilten die Oppositionsbewegungen vielleicht in unterschiedlichem Maße, aber die wirtschaftliche Misere hatte nicht nur die Industrien und Gebäude in Mitleidenschaft gezogen, sondern auch den Machtanspruch der Kommunisten insgesamt. Die Ambitionen der Opposition ergaben sich auch aus den Chancen, die ein offener Markt bereithielt. „Kein Brot ohne Freiheit“ lautete eine Losung der Solidarno+#347;+#263;. Dass sich diese Losung nicht einfach bewahrheitete, sondern die Umbrüche Verlierer erzeugte, gehört zu den Belastungen von 1989. Gerade in Polen ist der Bedeutungsschwund der Solidarno+#347;+#263; in den 1990er Jahren darauf zurückzuführen, dass geraden unter den Arbeitern die sozialen Sicherheiten schwanden und die Arbeitslosigkeit stieg. Und wenn in Georgien 80 Prozent der Bevölkerung mit 3 Dollar am Tag auskommen muss, wie Barbara Christophe vom Georg Eckert Institut pointiert herausstellt, dann ist 1989 nicht überall Anlass für überschwängliche Feiern. Denn in den Krisen kommt eine zweite Schubkraft von 1989 zum Vorschein. Es war auch ein Jahr des Nationalismus, der überdies im 19. Jahrhundert seine liberalen Wurzeln hat und ein Kräftereservoir gegen die Herrschaft des Kommunismus war, wurde diese doch vielerorts als sowjetische Fremdherrschaft empfunden. Für Europa kann es zum Problem werden, wenn sich nationalistische Kräfte dauerhaft dort sammeln, wo soziale Sicherheiten zerschellen.

 

Dem sanften Rausch von ´89 sind insofern auch Ernüchterung und stellenweise Depression gefolgt. Erwies sich 1989 deshalb als Trugbild? Nein, die Errungenschaften der Freiheit und Menschenrechte sind real, real sind aber auch die sozialen Nöte der Menschen. Wenn dies bei den Feiern der Freiheit in Vergessenheit gerät, nehmen die Demokratien in Europa mehr als nur einen Imageschaden. Solidarität heißt schließlich jene Gewerkschaft, durch die schon früh Risse im Eisernen Vorhang denkbar wurden.

 

Jochen Thermann

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