Das Gesicht der friedlichen Revolution

Manfred Wilke zum Tod von Bärbel Bohley (1945-2010)

"Wir wollen freie, selbstbewußte Menschen, die doch gemeinschaftsbewußt handeln. Wir wollen vor Gewalt geschützt sein und dabei nicht einen Staat von Bütteln und Spitzeln ertragen müssen."
(Aus dem Gründungsaufruf des Neuen Forums, September 1989)

Bärbel Bohley ist tot. Sie war das prägende Gesicht und die Stimme des Aufbruchs zur friedlichen Revolution in der DDR 1989.

Das Gesicht der friedlichen Revolution


Bohley hatte die Angst nach Gefängnis und Ausweisung mit Möglichkeit zur »Rückkehr bei Wohlverhalten« vor dem Regime verloren: »Ich hatte nie Angst«, sagte sie später einmal. Diese Unerschrockenheit war die entscheidende Voraussetzung für ihr Handeln nach ihrer Rückkehr in die DDR. Sie suchte und fand Gleichgesinnte, in Grünheide bei ihrer Freundin Katja Havemann. Das Neue Forum verkündete in seinem Gründungsaufruf selbstbewusst: »Die Zeit ist reif!« Die Eisdecke von Angst und Passivität zerbrach, die die Gesellschaft der DDR wie Mehltau überzog und so lähmte. Der SED-Staat wurde zum Dialog mit den Bürgern der DDR aufgefordert. Das Wort »Dialog« wurde zum Auftakt des Sturzes der Diktatur. Bärbel Bohley lebte vor, wie sie diesen Dialog verstand: Wir müssen mit den SED-Funktionären nicht länger in der Sklavensprache der Diktatur sprechen, wir müssen mit eigenen Worten die Veränderung untragbar gewordener Zustände einfordern – jeder an seinem Ort, wo er lebt. – Der Funke zündete. Die Staatspartei verlor zuerst die Herrschaft über die Sprache, bevor sie ihre Macht verlor. Wie kein anderer Mensch war Bärbel Bohley das Gesicht dieser Revolution, vielen galt sie gar als »Mutter der Revolution« – so bezeichneten sie zumindest damals westdeutsche Journalisten. Denen war Bohley eine begehrte, eloquente Gesprächspartnerin. Ihre Dauerpräsenz in westdeutschen Medien allerdings störte einige ihrer ostdeutschen Zeitgenossen. Mitstreiter aus dem Neuen Forum vor allem in Sachsen taten sich schwer mit Bärbel Bohley und ihren Ansichten und sprachen ihr ab, das Neue Forum in seiner ganzen Breite zu präsentieren. Ein Briefschreiber aus dem Mecklenburgischen warf ihr zum Jahresende 1989 vor, sie würde »politischen Phantasien nachhängen, in einer Zeit, da Handfestes nötig ist«. Solcher Anwürfe ungeachtet hielt Bärbel Bohley über den Jahreswechsel 1989/90 hinaus an der Idee fest, zunächst die DDR-Gesellschaft von unten her zu demokratisieren. 

Den vollständigen Artikel von Manfred Wilke, erschienen in Deutschland-Archiv 5/2010, können Sie  hier als pdf nachlesen. Für weitere Informationen siehe auch unter www.wbv.de/deutschlandarchiv. 

 


 

 

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