Sachsen 1989/90-Konfrontation und Konzession

Eckhard Jesse und Thomas Schubert zogen Bilanz

Aller guten Dinge sind drei. Im Wintersemester 1999/2000 hatte an der Technischen Universität Chemnitz eine Ringvorlesung stattgefunden, auf der 14 bekannte Bürgerrechtler – von außerhalb Sachsens – zu Wort gekommen waren, um eine pointierte Bilanz zu ziehen – zehn Jahre nach der friedlichen Revolution und nach der deutschen Einheit: Jens Reich, Konrad Weiß, Marianne Birthler, Vera Lengsfeld, Günter Nooke, Wolfgang Templin, Markus Meckel, Ehrhart Neubert, Freya Klier, Rainer Eppelmann, Edelbert Richter, Ulrike Poppe, Friedrich Schorlemmer, Joachim Gauck. Die Veröffentlichung der Vorträge mitsamt einer zeitgeschichtlichen Einordnung und der biografischen Porträts fand große Resonanz.

Sachsen 1989/90-Konfrontation und Konzession


Fünf Jahre später traten ausschließlich sächsische Bürgerrechtler auf. Sie schilderten ihr Wirken und Erleben im Revolutionsjahr 1989/90, ebenso ihre späteren Erfahrungen. Bekannte und weniger bekannte Persönlichkeiten gaben ihre damaligen und aktuellen Eindrücke wieder: Martin Böttger, Wieland Orobko, Heinz Eggert, Matthias Kluge, Wolf-Dieter Beyer, Annemarie Müller, Herbert Wagner, Gunda Röstel, Uwe Schwabe, Tobias Hollitzer, Hansjörg Weigel, Cornelia Matzke, Arnold Vaatz, Matthias Rößler, Christian Führer, Werner Schulz. Das erneut große öffentliche Echo auf die Vorträge und das Buch (Eckhard Jesse: Friedliche Revolution und Deutsche Einheit. Sächsische Bürgerrechtler ziehen Bilanz) ermunterte zu einer Fortsetzung.

Diesmal (im Wintersemester 2009/10) war unter dem Motto »Friedliche Revolution und deutsche Einheit in Sachsen. Akteure zwischen Konfrontation und Konzession« vieles gleich – und manches doch anders. Von den 16 Referenten gehörten 1989 zehn zu den offenen, wiewohl unterschiedlich motivierten Kritikern des »realen Sozialismus« der SED: Der Dresdner Begründer der »Gruppe der 20« Frank Richter, die Volkskammerabgeordnete des Demokratischen Aufbruch Brigitta Kögler, der Moderator des Runden Tisches des Bezirkes Dresden Erich Iltgen, der erste sächsische SPD-Vorsitzende Michael Lersow, der Begründer des Meißener Friedensseminares Rudolf Albrecht, der Schauspieldirektor in Karl-Marx-Stadt Hartwig Albiro, der Plauener Superintendent Thomas Küttler, der SPD-Abgeordnete der ersten freigewählten Volkskammer Gunter Weißgerber, der Mitbegründer des kirchlichen Arbeitskreises »Frieden/Umwelt im Kirchenkreis Dippoldiswalde« Bernd Albani, der Karl-Marx-Städter Superintendent Christoph Magirius.

Drei hingegen standen 1989 auf der anderen Seite der »Barrikade«, wollten die DDR-Diktatur als SEDFunktionäre erhalten wissen: der erste sächsische PDS-Vorsitzende Klaus Bartl, der 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Dresden Hans Modrow, oder haben sie als Vertreter einer Blockpartei langhin mitgetragen: Klaus Reichenbach, CDU-Vorsitzender im Bezirk Karl-Marx-Stadt, später Minister im Amt des Ministerpräsidenten der DDR. Und weitere drei schließlich sind Wissenschaftler mit einem jeweils besonderen Bezug zu Sachsen: der »Wossi« Michael Richter, der Redakteur dieser Zeitschrift, Marc-Dietrich Ohse, und Günther Heydemann, DDRForscher und Direktor des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung. Auf diese Weise kam ein breites Spektrum an Positionen zur Geltung, wurde einer Idealisierung oppositionellen Aufbegehrens wie systemtragenden Handelns gleichermaßen entgegengewirkt.
Was deutlich erkennbar ist: Menschen haben 1989/90 Geschichte geschrieben – beabsichtigt und unbeabsichtigt, Altes verteidigend oder Neues erkämpfend, im Großen wie im Kleinen.

Den vollständigen Artikel von Eckhard Jesse und Thomas Schubert, erschienen in Deutschland-Archiv 5/2010, können Sie  hier als pdf nachlesen. Für weitere Informationen siehe auch unter www.wbv.de/deutschlandarchiv.

 

 

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