Gesprächsreihe "Wir sind das Volk!"

Montagsgespräch im Museum "Runde Ecke" mit Klaus-Ewald Holst

„Wirtschaft muss verändert werden.“ Dies war der Leitsatz für Klaus-Ewald Holst, Vorstandsvorsitzender der Verbundnetz Gas AG und Wirtschaftsmann mit Leib und Seele, der am Montag, den 02.08.2010 zu Gast im Museum in der „Runden Ecke“ war.
Das mittlerweile 20. Montagsgespräch wurde von über 70 Besuchern aufmerksam verfolgt, nicht zuletzt auch Dank der unterhaltsamen und mitreißenden Art von Holst selbst, der für eine lockere Atmosphäre im ehemaligen Stasi-Kinosaal sorgte.
Gedenkstättenleiter Tobias Hollitzer eröffnete auch dieses Gespräch mit der Frage, wann Holst die Parole „Wir sind das Volk!“ zum ersten Mal vernommen habe. Kurz und prägnant war die Antwort: Er habe sie am 09. Oktober 1989 „zu seiner Schande“ nur in den Nachrichten gehört, weil er zum ersten Mal zu einem „Westbesuch“ in Paderborn weilte.

Gesprächsreihe "Wir sind das Volk!"


Nach der Einstiegsfrage folgten weitere zu seiner Kindheit. 1943 geboren und ohne Vater aufgewachsen, lebte Holst mit seinen zwei Brüdern, seiner Mutter und den Großeltern in Neustrelitz.  Nach dem Abitur wollte er ursprünglich Jura studieren, aber die Aussage seines Großvaters  „In  einem  Staat,  in  dem  es  kein  Rechtssystem  gibt,  kannst  du  kein  Recht  studieren“ brachte ihn von diesem Vorhaben ab. Sein Großvater war für ihn die männliche Bezugsperson. Im Kaiserreich geboren, trat der Liberale 1946 widerwillig der SED bei, da dies ihm der einzige Weg zu sein schien, die 6-köpfige Familie zu ernähren.
 
Geprägt von dessen Erziehung wollte er etwas studieren, worauf die Partei keinen Einfluss hatte. Als Walter Ulbricht öffentlich bemängelte,  dass  nur  die  Bundesrepublik  verwertbare  Rohstoffe  habe,  bestätigte  dies  Holst  in  seiner  bereits  getroffenen Entscheidung. Im Zuge eines DDR-Großprojektes ging er nach Freiberg um an der renommierten Bergakademie Tiefbohrtechnik und Erdöl-/Erdgasgewinnung zu studieren.  
 
Sein Studium hätte er  in guter Erinnerung, zwar sei der Bergbau hart gewesen, aber man hätte sich stets auf seine Kollegen verlassen  können.  Die  Lehre  an  der  Bergakademie  war  international  anerkannt,  hielten  die  Dozenten  auch  im „Nichtsozialistischen  Ausland“  Vorträge.  Natürlich waren  auch Marx  und  Lenin  Bestandteil  des  Studiums  gewesen,  zumal ohne  diese  die  Promotion  nicht  möglich  war.  Aber  Einfluss  auf  seinen  Werdegang  hätten  sie  nicht  gehabt.  Freiberg  als „Nischen-Uni“ hatte die Möglichkeit Persönlichkeiten hervorzubringen, betonte Holst.  
 
Holst hätte  sogar die Gelegenheit gehabt  ins Ausland  zu gehen, aber „wie das  so  ist“ verhinderte die Schwangerschaft der Freundin das Auslandsstudium in Rumänien. So musste er eine Arbeit finden, um seine kleine Familie zu ernähren. Klaus-Ewald Holst bewarb sich 1968 in Leipzig beziehungsweise Böhlitz-Ehrenberg bei dem VEB Verbundnetz Gas. Dort wurden Spezialisten auf dem Gebiet des Baus von Untergrundgasspeichern gesucht.  
 
Einen Tag nach dem Vorstellungsgespräch wurde die Paulinerkirche auf dem Augustusplatz in Leipzig gesprengt. In Freiberg hätte er trotz der geringen Distanz nichts von der Diskussion um die Kirche mitbekommen und war umso überraschter und enttäuschter, als das wertvolle Kulturgut ohne für ihn wahrnehmbare Gegenwehr zerstört wurde. Die nächste Enttäuschung erfolgte am 20. August mit der militärischen Niederschlagung des politischen „Prager Frühlings“ 1968. Holst erkannte, „dass 'ne Chance weg ist.“
 
Reinhard Bohse, der zweite Moderator, schlug den Bogen zum Verbundnetz Gas und fragte den Gast nach seiner Anfangszeit bei dem einstigen VEB, in dem er seit der Umwandlung 1990 in eine Aktiengesellschaft als Vorstandsvorsitzender fungiert. Als er von „seiner  Firma“ sprach, kam Holst ins Schwärmen. „Ich kann  nur sagen, toll, tolle Leute, super Leiter, es hat Spaß gemacht, dort zu arbeiten.“ 1970 bekam der Gast des 20. Montagsgespräches sogar den Orden „Banner der Arbeit“. „Auf dat Ding bin  ich heut noch stolz“. Es wurden gute Leistungen vollbracht und neue Techniken entwickelt, die heute noch genutzt werden. Als 1990 die Kollegen aus dem „Westen“ nach Böhlitz-Ehrenberg kamen, waren sie positiv überrascht was sie dort vorgefunden haben. Aber zum Ende der DDR war der Verfall auch in der VNG zu spüren. „Es sah fürchterlich aus, überall war verrosteter Stahl und Schutz für die Arbeiter gab es auch nicht. Wir hatten Technologie auf hohem Niveau, aber mit niedrigster Ausrüstung an Technik.“
 
Neben der beruflichen Laufbahn war Klaus-Ewald Holst in der Blockpartei LDPD politisch aktiv. Als Leiter eines VEB blieb  ihm nach  Jahren keine andere Wahl als einer Partei beizutreten. Aber die Tatsache, dass eine  freie Meinungsäußerung auch als SED-Mitglied nicht möglich war, bewog ihn dazu einer Blockpartei beizutreten, in der er sich stark engagierte. Auch im Betrieb war Politik ein Thema. Besonders Ende der 1980er Jahre, als die technischen und betrieblichen Zustände „nicht mehr zum aushalten“ waren, verstärkte sich der Wunsch nach Veränderung und die Energie, diese herbeizuführen. Seine Zugehörigkeit zu einer Blockpartei hatte  zur  Folge, dass er nicht Direktor des VEB Verbundnetz Gas werden konnte. Nach dem Mauerfall wurde ihm die Mitgliedschaft in der LDPD ein zweites Mal zum Verhängnis, als er nun der Systemkonformität bezichtigt wurde. 
 
Als er am 4. Dezember 1989 im Neuen Deutschland las, dass der Generaldirektor des Gaskombinats in die Bundesrepublik fuhr, um „über die  Zukunft des Betriebes“ zu sprechen, machte sich Verunsicherung in der Firma breit. Das wollte er nicht zulassen. Für ihn stand fest, etwas dagegen zu  unternehmen. Seine Kollegen und er gründeten noch am selben Tag einen Betriebsrat und setzten ein Schreiben an den Generaldirektor auf. Sie bekundeten ihre Sorgen und drohten damit, die „Gashähne abzudrehen.“ Sie wollten an den Gesprächen beteiligt werden. Dieses Fernschreiben schlug große Wellen. Knapp zwei Wochen später kam der Generaldirektor nach Böhlitz-Ehrenberg und hielt eine Rede über die notwendige Solidarität. Jedoch ließ sich  die Belegschaft des VEB VNG Leipzig nicht überzeugen und forderte  Veränderung der wirtschaftlichen Verhältnisse. Holst, als Betriebsratssprecher, wollte die Unabhängigkeit des VEB durchsetzen: „Und wenn Sie nicht mitmachen, dann machen wir das alleine.“ 
 
Es wurde eine Arbeitsgruppe gegründet, welche die VNG als eigenen Betrieb aufbauen sollte. Holst wurde berufen, dieser als Leiter vorzustehen. Als Betriebsdirektor  sollte er nun die Privatisierung der VNG  in die Wege  leiten. Mit wenig Wissen über Privatwirtschaft, aber mit Hilfe von Aktionären aus Essen wurde das Unternehmen Verbundnetzgas AG gegründet – es wurde verhandelt und  investiert. Probleme ergaben  sich mit dem  sowjetischen Gaskombinat, da dieses die Gaslieferung einstellen wollten. Schließlich erfolgte am 17. August 1990 die Privatisierung. 

Im  Rückblick  stellte  er  fest,  dass  die  VNG  Glück  hatte.  Die  motivierten  Leute,  der  Puls  der  Stadt  und  die  Hilfe  von  den bundesdeutschen  Kollegen waren  glückliche Umstände,  ohne  die  es  die VNG  heute  nicht  so  gäbe.  Zum  Schluss wurde  der Vorstandsvorsitzende nach den  Inoffiziellen Mitarbeitern der Staatssicherheit  im Betrieb gefragt. Er  sagte, dass man  sich  im Zuge  der  Privatisierung  natürlich  auch  mit  diesem  Thema  auseinandersetzen  musste.  Die  VNG  handhabte  es  mit  einer Befragung,  in der  jeder Mitarbeiter zu seiner Stasi-Vergangenheit Stellung beziehen sollte. Als  tatsächlich zwölf bis  fünfzehn eine  Tätigkeit  als  Spitzel  bestätigten,  entschied man  sich,  sie  nicht  zu  entlassen.  „Diese Menschen  haben  das  erste Mal  in ihrem Leben die Gelegenheit gehabt, die Wahrheit  zu  sagen. Wenn wir  sie  jetzt entlassen, werden  sie das nie wieder  tun.“ Nach Gesprächen sind einige aus eigenem Willen gegangen, die anderen wurden in weniger wichtige Positionen versetzt. Als es sich jedoch  herausstellte, dass einige Mitarbeiter bei der Befragung gelogen hatten, wurden sie auf Grund von Vertrauensbruch entlassen. Bis 1995 wurde dieser „Reinigungsprozess“ abgeschlossen. 
 
Nach spannenden und unterhaltsamen 120 Minuten waren die Zuschauer positiv überrascht, eine andere – eine wirtschaftliche Sicht – auf die Friedliche Revolution erhalten zu haben. 
 

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