Gesprächsreihe "Wir sind das Volk!"

Montagsgespräch im Museum "Runde Ecke" mit Helmut du Mênil

„Sie haben wohl die neue Zeit noch nicht verstanden!“, wurde Helmut du Mênil unmissverständlich zu verstehen gegeben, als er sich 1948/1949 an der Universität Leipzig einschrieb und Zahnmedizin studieren wollte. So entschied nicht er, sondern die neue sozialistische Leitung in welchen Studiengang er sich zu immatrikulieren habe. Die Entscheidung, diesen Staat nicht zu akzeptieren und zu verändern ließ er sich jedoch nicht nehmen. Als 19. Gast der Reihe Montagsgespräche begrüßten die Moderatoren Tobias Hollitzer und Reinhard Bohse dieses Mal Helmut du Mênil, einer, der sich bereits Anfang der 1950er Jahre gegen die DDR-Diktatur wehrte. Als Mitglied der studentischen Widerstandsgruppe um seinen Kommilitonen Herbert Belter plakatierte er für Demokratie und gegen Stalinismus und verlor dabei seinen besten Freund, der von einem sowjetischen Militärtribunal verurteilt und in Moskau hingerichtet wurde. Einem solchen Schicksal konnte er nur durch Flucht nach West-Berlin entrinnen. Nach einer erfolgreichen Banklaufbahn in der Bundesrepublik kehrte er schließlich 1990 zurück, um als Chef der Leipziger Treuhand-Filiale die DDR endlich umgestalten zu können.

Gesprächsreihe "Wir sind das Volk!"


Helmut du Mênil wurde 1929  in Zwickau geboren. Sein Vater war Leutnant  im Ersten Weltkrieg und in den 1920er Jahren in Brasilien als Zahnarzt tätig. Nach  seiner Rückkehr in die sächsische Heimat eröffnete der Vater eine Praxis in  Kröditz, wo Helmut du Mênil aufwuchs. Ab 1938 bei der Wehrmacht, marschierte sein Vater zu Beginn des Zweiten Weltkriegs mit als erster in Polen ein. Das  väterliche Verhältnis, gerade im Hinblick auf Krieg und Ideologie kommentierte  du Mênil vor dem Publikum nicht. Nach Ausbruch des Krieges besuchte er auf Wunsch seines Vaters jedenfalls die Adolf-Hitler-Schule in Riesa, wo er „ordentlich und  stramm  erzogen“ worden  sei. Im Sommer 1944 begann für Helmut du Mênil und seine Mutter eine schwierige Zeit, da sein  Vater  –  wohl  wegen  defätistischer  Äußerungen  –  verhaftet  und dem Volksgerichtshof in  Berlin überstellt wurde. Zu seiner Verurteilung sei es glücklicherweise nicht gekommen, so dass er beim Einmarsch der Roten Armee befreit wurde.  
 
Noch  im  Januar  1945  wurde  Helmut  du  Mênil  eingezogen,  nachdem seinem  Jahrgang  kurz  zuvor  noch  das  Abitur zugesprochen worden war. Als  Jugendlicher, direkt von der Schule kommend, weitestgehend bis dahin vom Krieg verschont, sah er sich nun großen Emotionen und Elend ausgesetzt. Nach den Luftangriffen auf Dresden  im Februar 1945 wurde er dort dem Katastrophenschutz  zugeteilt, dessen Aufgabe  zumeist darin bestand Tote  zu bergen und aufzuhäufen, eine Erfahrung, die er mittlerweile zwar verdrängt, damals jedoch kaum verkraftet habe.  
 
Dass er das Ende der Kämpfe überlebte, verdankte er einem Freund seines Vaters. Auf  jenen  traf Helmut du Mênil  im schon aufkommenden, zumeist chaotischen Flüchtlingsstrom zufällig. Der Vorgesetzte gab den Befehl, nicht wieder zu seiner Einheit zurückzukehren,  sondern  ihm  zu  folgen,  seine Uniform abzulegen und nach Hause  zu gehen. Mit dem „Not-Abitur“, das er bereits  besaß,  wollte  er  eigentlich  Zahnmedizin  studieren.  Jedoch  bestand  sein  Vater  darauf  „ein  richtiges  Abitur“  in Großenhain zu machen, sodass er sein Studium erst 1948 beginnen konnte.
 
Da sein Vater Akademiker war, erübrigte sich in Leipzig das Medizinstudium, so dass er zwischen Jura, Gesellschaftskunde und Volkswirtschaft  wählen  musste.  Er  nahm  letzteres.  Die  Missstände  der  neu  gegründeten  DDR, speziell  die  der  Leipziger Universität versuchte er bei seinem Vater anzusprechen. Dieser riet  ihm aber angesichts der Situation sehr vorsichtig zu sein.
Der sich etablierenden SED-Diktatur stand du Mênil sehr skeptisch gegenüber. Zwar habe er den Einmarsch der Roten Armee noch als Befreiung empfunden,  jedoch verurteilte er die Art und Weise der Besetzung aufs Schärfste. In seinem Kommilitonen Herbert Belter fand er einen Menschen, der seinen Diskussionsbedarf stillte. Auf Basis gleicher Ansichten wuchs zum einen der Entschluss, etwas verändern zu wollen, zum anderen eine innige Freundschaft. 
 
Über  väterliche  Kontakte  zum  RIAS  in  Westberlin  hatten  Belter  und  du  Mênil  über  den  Redakteur  Lothar  Löwenthal  die Möglichkeit westliche Materialien in die DDR zu schmuggeln. Der postalische Weg kam nicht in Frage, also mussten sie diverse Flugblätter,  um  den  Bauch  geschnürt,  selbst  zurück  nach  Leipzig  bringen  und  verteilten  diese  an  der  Universität.  In  ihren Botschaften forderten sie Demokratie und prangerten die obligatorische Mitgliedschaft  in der FDJ für Studenten an sowie die ausschließliche Besetzung verantwortungsvoller Positionen mit FDJ-Funktionären.
 
Der Vorfall, der  für Helmut du Mênil schließlich Anlass zur Flucht wurde und  für seinen Freund Belter mit der Erschießung  in Moskau  enden  sollte,  vollzog  sich  zwei  Wochen  vor  der  ersten  Volkskammerwahl  im  Oktober  1950.  In  der  Nähe  des Hauptbahnhofs von zwei Volkspolizisten aufgegriffen hielt man die beiden auf der Wache in getrennten Zimmern fest. Dort sah er seinen Freund das letzte Mal. Als er zwei Polizisten zu seiner Wohnung führen sollte, fasste er den Mut zur Flucht. „Ich bin durch Faustrecht geflohen“, erzählte du Mênil, als er beschrieb, wie er sich losriss, einen Polizisten entwaffnete und sich zum Bahnhof flüchtete. Ohne Fahrkarte oder Ausweis kam er ungehindert in Berlin an, wo sein Sprung übers Drehkreuz sein Sprung in die Freiheit sein sollte. Unter Rufen ostdeutscher Polizisten wurde er von Amerikanern „abgeführt“ mit Essen versorgt und erst einmal eingesperrt. Da er keinen Ausweis mehr besaß musste er sich identifizieren lassen, wofür nur sein RIAS-Kontakt in Frage kam. 
 
Ob er sich nun befreit gefühlt habe, so die Frage der Moderatoren. Vordergründig sei gewesen, dass er im Westen war, so du Mênil. Das Studium wollte er alsbald wieder aufnehmen, was er auch durfte.  Ihm wurde ein Zimmer zugewiesen und durch den  Verkauf  der  Frankfurter  Nachtausgabe  nebenher  konnte  er  sich  über Wasser  halten.  An  der  FU  studierte  er  zunächst Volkswirtschaftslehre weiter, bis man eine Verwandte  in der Bundesrepublik ausfindig gemacht hatte und er nach  Frankfurt flog. Einem Zwischenstopp im Auffanglager Gießen im Dezember 1950 folgte die Fortsetzung des Studiums in Heidelberg, das er aber nicht abschloss. „Da ich arbeiten musste, habe ich eine Annonce aufgegeben“, erzählt du Mênil, wie er schließlich eine Buchhalterstelle in einer kleinen Kleiderfabrik in Darmstadt bekam. Dort lernte er auch seine spätere Frau kennen. 1952 erhielt er eine Anstellung bei der Bundesbank, wo seine Karriere begann.

Als 1961 die Mauer gebaut wurde spielte Politik für ihn nur in soweit eine Rolle, dass er ja noch Eltern und Verwandtschaft in der DDR hatte. Zur Entwicklung 1968  in der ČSSR, dessen hoffnungsvoller Ausgang durch die sowjetischen Truppen vereitelt wurde,  meinte  du Mênil  damals  schon:  „Das  ist  das  Ende,  wird  sich  aber  nicht  so  einfach  lösen  lassen.“  Zu  dieser  Zeit arbeitete er bereits länger bei der Deutschen Bank in der Auslandsabteilung. Unzufrieden mit dieser Stellung wollte er lieber in die Kreditabteilung wechseln „wo das Geld verdient wurde.“ Als man ihm eine Stellung dort verweigerte, verließ du Mênil die Deutsche Bank und wechselte kurzzeitig zur Citibank, wo er sich  im Alter von 39 Jahren abwerben  ließ, um  im Vorstand der Nationalbank  zu arbeiten. Die zu  jener Zeit aufkommenden Studentenproteste, die auch eine gewisse Kritik an seiner Arbeit beinhalteten,  verstand  er  nie.  Er  betonte,  mit  welcher  Akribie  er  als  Zahlenjongleur  hantierte  und  wie  genau  die Kontrollmechanismen im Bankensystem damals noch funktionierten.
 
Als es über westdeutsche Medien möglich war, die Ereignisse der Friedlichen Revolution, gerade in Leipzig, zu verfolgen, habe er gebetet, dass sich in Leipzig alles zum Guten wende. Beim Mauerfall schließlich fiel ihm ein Stein vom Herzen. Sich konkret wieder mit seiner ostdeutschen Heimat, in der er 40 Jahre lang nicht mehr gewesen war, auseinander setzen, musste er, als er 1990, bereits in Pension, einen Anruf im Skiurlaub bekam, ob er nicht mit die Treuhand in der DDR mit aufbauen wolle. Auf die erste  Reaktion  „Spinnst  du!  Ich will  hier weiter  Ski  fahren!“ wurde  ihm mitgeteilt,  dass  sein  Flugticket  schon  vorläge.  Ein kurzes Gespräch mit  seiner  Frau bewog  ihn  schließlich dazu nach Leipzig  zu kommen. Eine Stadt die er nach vierzig  Jahren zwar interessant, aber immer noch bedrückend fand.
 
Von der Leipziger Finanzabteilung versetzte man ihn als Niederlassungsleiter  nach  Berlin  und  anschließend  wieder  nach Leipzig, wo er als Geschäftsstellenleiter der Treuhand, der späteren Bundesanstalt  für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben, wesentlich  die  Reprivatisierung  Leipziger  Betriebe  überwachte  und  organisierte.  In  diesem  ersten  Jahr, erzählt  Helmut  du Mênil, hätte sich seine Arbeitszeit immer zwischen 7 und 22 Uhr bewegt. Die Betriebe – er inspizierte alle persönlich – waren durchweg  in desolatem Zustand. Dies spiegelte sich auch  in der rapid wachsenden Arbeitslosigkeit (40.000)  in Leipzig wider.
Der überspitzte Vorwurf „die Treuhand verhökert alles für ‘ne Mark“ rührte daher, dass man auch sehr marode Betriebe lieber verkaufte, als stillzulegen. Die Treuhand selbst setzte sich aus etwa einem Viertel westdeutschen Akademikern und drei Viertel ostdeutschen, meist „hervorragenden Arbeitskräften“ zusammen.
 
Im persönlichen Resümee äußerte du Mênil, er hätte  sich die Etappe nach dem Mauerfall positiver gewünscht. Die hiesigen Regierenden seien zu abhängig gewesen und hatten zu wenig Entscheidungsfreiheit, was auch zu wirtschaftlichen Nachteilen führte;  mit  einer  starken  Abwanderung  ins  Ausland  als  Resultat.  Angesichts  der  heutigen  politischen  Situation,  ist  es  für Helmut du Mênil um so wichtiger, „dass das Volk einfach nur das Volk ist“, wie man es 1989 auf Leipzigs Straßen rief.
 

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