Gesprächsreihe "Wir sind das Volk!"

Montagsgespräch im Museum "Runde Ecke" mit Martin Burkert

Freiheit hat für ihn immer schon ein große Rolle gespielt, betonte Martin Burkert, der 18. Gast der Reihe „Wir sind das Volk!“-Montagsgespräche in der „Runden Ecke“ während der gesamten Veranstaltung mit Nachdruck. Der 69-jährige Jurist, der nach der Wiedervereinigung Landgerichtspräsident in Leipzig wurde, stellte sich fast zwei Stunden lang den Fragen der Moderatoren Reinhard Bohse und Tobias Hollitzer und erzählte seine Lebensgeschichte. Die Freiheit und Möglichkeiten das tun und erreichen zu können, was man sich vornimmt, lehrte ihn sein Werdegang, der schließlich in sein berufliches Engagement bei Leipziger Rehabilitierungsverfahren mündete, um jene zu entschädigen, die ihrer Freiheit in der DDR beraubt wurden.

Gesprächsreihe "Wir sind das Volk!"


Martin Burkert wurde im April 1939 als jüngstes von neun Kindern im fränkischen Neuendettelsau geboren. Der Ort lag in der Nähe von Nürnberg, das  im Krieg vom Bombardement brennend, selbst von seinem Elternhaus aus noch zu sehen war. Seine Familie und er  freuten sich bei Kriegsende  jedoch ungemein über die amerikanische Befreiung. Sein Vater, ein evangelischer Pfarrer,  streifte  beim Anblick  der  einrollenden  amerikanischen  Panzer  feierlich  seinen  Talar  über  und wurde  herzlichst  vom ersten Soldaten – auch Pfarrer – begrüßt und umarmt. Mit sieben Jahren zog Martin Burkert mit seiner Familie nach Bayreuth, wo er zur Schule kam und 1959 am humanistischen Gymnasium sein Abitur ablegte. Mehr oder weniger begeistert leistete er danach seinen Wehrdienst ab, sein Enthusiasmus hielt sich in Grenzen. 

Auf die Idee, Jura zu studieren, brachte ihn die Unabhängigkeit des Berufes, die er bei seinem Schwager erlebte, der Richter war. Zunächst zog Burkert nach in München, anschließend studierte er in Innsbruck und machte Anfang der 1960er Jahre sein Staatsexamen in Würzburg. Sein Entschluss Richter zu werden, stand schon früh im Studium fest, doch zunächst zog es ihn in die USA, das Land des „Jazz und Rock’n’Roll“, wo  jeder „vom Tellerwäscher  zum Millionär werden konnte“  solange er nur fleißig war. Ein amerikanischer Studienfreund vermittelte ihm eine Lehrstelle als Lateinlehrer, womit er sich ein Jahr sein Geld verdiente und sich im Anschluss noch eine halbjährige Tour mit  seinem Bruder von Kanada bis nach Argentinien leisten zu können.
 
Zurück im Alltag begann Burkert sein Referendariat in Nürnberg, der  fränkischen  „Hauptstadt.“ In diese Zeit fiel auch der Mauerbau. Wie er diesen erlebt habe, wollten die Moderatoren von ihm wissen. Betroffen ist er gewesen, so  Burkert, der schon immer ein großes Interesse für den Osten hatte. So behauptete er, einen Cousin in der DDR zu haben, den er mit seiner Familie zwischen 1977 und 1985 auf dessen Einladung hin öfters besuchte, um seine eigenen Erfahrungen und Eindrücke von DDR und Ostblock zu sammeln. Akribisch verfolgte er die dramatischen Ereignisse 1956 in Ungarn und 1968 in Prag über die Medien. Die beiden mächtigen, sich gegenüberstehende Blöcke empfand er immer als eine „Bedrohung“ für den Frieden.
 
Nach seiner Zeit als Assessor wurde Martin Burkert in Nürnberg Jugendstaatsanwalt. Hier musste er sich häufig mit sexuellen Missbrauchsfällen auseinandersetzen. Den Bogen zu den jüngst aufgekommenen Vorkommnissen  in der katholischen Kirche mochte er aber nicht spannen, denn die von ihm behandelten Delikte waren häufig familiär bedingt. Sie wurden damals aber auch nicht publik. Der Mensch braucht, so Burkert, bei solchen Fällen eine  gewisse „Reifezeit“ um darüber sprechen und reflektieren zu können. Hier zieht er hingegen Parallelen beispielsweise  zur NS-Zeit, wo auch Zeit vergehen musste, um sich wieder  damit  befassen  zu  können.  Im  wiedervereinigten  Deutschland  hingegen  war  die  DDR-Vergangenheit  dann  ja  kein Tabuthema, sondern man begann unmittelbar mit der Aufarbeitung. Und er konnte sich dafür engagieren.

Dass an dieser Grenze zwischen Ost und West eigentlich nicht mehr gerüttelt wurde, dass sie quasi zu Europa dazugehörte, wollte Martin Burkert nie gutheißen. Dementsprechend begrüßte er damals Brandts neue Ostpolitik, auch den Dialog mit der SED  (retrospektiv  revidiert  er  diese  Zustimmung  allerdings)  und  trat  selber  zwei  Jahre  lang  der  SPD  bei,  bis  er  zu  dem Entschluss kam, ein Richter sollte keiner Partei angehören. Heute bezeichnet er sich  lediglich als politisch  interessiert,  jedoch selbst nicht als politisch. 
 
Großen  Respekt  hatte  er  vor  den  Friedensbewegungen  beider  Länder  in  den  1980er  Jahren.  Die  von  ihm  bearbeiteten Verfahren  gegen Demonstranten wegen  „Nötigung“,  die  sich  vor Atomwaffenlagern wegtragen  ließen, wegen  „Nötigung“ stellte  er  zumeist  guten Gewissens ein. Die  Initiative  im Westen  bejahte  er  zwar,  trotzdem  fand  er  die,  durch  die  fehlende Meinungsfreiheit und staatlichen Repressionen erschwerte Zivilcourage in der DDR imposanter – verglichen zum Westen, „wo man es viel leichter hatte.“
 
Wie sich dann die Situation 1989 in Leipzig und der ganzen DDR entwickelte, hätte er seit der Niederschlagung des friedlichen Protestes  auf  dem  Platz  des  himmlischen  Friedens  nicht  für möglich  gehalten. Dennoch  taten  sich mit  der  Fluchtbewegung über Ungarn auch Hoffnungen auf, dass es in der DDR eine friedliche Lösung geben würde. Mit zunehmenden Erfolgen bei den Montagsdemonstrationen bis hin zum Mauerfall bestätigte sich dies.
 
Warum  er  nach  Leipzig  gekommen  sei,  um  bei  der  Demokratisierung des  Staates mitzuwirken,  so  eine weitere  Frage  der Moderatoren  an  Martin  Burkert,  der  1989/90  im  Nürnberger  Familiensenat  arbeitete.  Dort  habe  er  schlichtweg  „den Höhepunkt der Langeweile“ erreicht gehabt und eine willkommene Abwechslung, unabhängig von Geld, gesucht. Da kam der Beschluss  der  letzten  Volkskammer,  dass  ostdeutsche  Richter  an  den  nun  anstehenden  Rehabilitierungsverfahren  nicht teilnehmen dürfen, gerade recht. Also ging er nach Leipzig, weil er als westdeutscher Richter gebraucht wurde, so niemandem die Arbeit wegnahm und die Region kulturell schon immer sehr interessant fand. 
 
Das  Leipziger Gerichtsgebäude  erschien  ihm  jedoch anfangs wie ein „Spukschloss.“ Die unbehagliche Atmosphäre war  von einer  drückenden  Stille  dominiert,  da  die  Ex-DDR-Richter  und  Mitarbeiter  alle  hinter  verschlossenen  Türen  saßen,  „ihre Wunden  leckten“ und bang erwarteten, was  ihnen nun bevor stand. Zwar stand er  im Kontakt mit den ehemaligen Richtern, die  ja  nun  nichts mehr  zu  tun  hatten  und  „eher  einem  verschreckten  Haufen“  als  einem mächtigen  Arm  eines  totalitären Staates ähnelten, doch erlebte er es sehr selten, dass  jemand über die  frühere Zeit gesprochen hätte. Und wenn das einmal doch der Fall sein sollte, so hieß es: „Die DDR war ganz anders.“ 

Es sei schwierig gewesen „aus diesem kollegialen Sumpf seine Einheit zu bilden“, resümierte Burkert. Nach kurzer Zeit waren die Hälfte  aller Richter und Beamten, die man überprüft hatte, weg. Die Aufbauarbeit dieses neuen Landes erschwerte  sich durch  den  miserablen  Zustand  aller  Gerichte,  die  unbeschrifteten,  unarchivierten  Aktenberge.  All  dem  trotzte  Burkert erfolgreich und schaffte es das Gerichtsgebäude zu einem Ort der Öffentlichkeit zu machen. Er organisierte Kunstaustellungen, Theater, Konzerte, Krimilesungen et  cetera, um  innerhalb der Belegschaft ein gewisses „Wir-Gefühl“  zu  schaffen. Er meinte dazu selbst: „Viel kann man als Präsident nicht machen, aber man kann Stimmung machen“, das sei in der Position wichtiger als Aktenbehandlungen. 
 
In den über zehn Jahren am Landgericht waren die Rehabilitierungsverfahren sein primäres Arbeitsgebiet. Hier hatte er es mit sehr unterschiedlichen Fällen zu  tun, von denen nur manche sehr klar definiert waren. Burkert erinnert sich an die Aktionen eines Zimmermannes, der die Zwangsvereinigung  von KPD und SPD  zur SED ablehnte und das  jahrelang mit einem kleinen Stempel „SPD Leipzig lebt!“ kundtat. Fassaden, Telefonbücher, Klingelschilder, … alles wurde gestempelt, bis er erwischt und verhaftet  wurde  und  nach  der  Haft  keine  Anstellung  mehr  fand.  Mit  Wonne  überreichte  Burkert  ihm  seinen Rehabilitierungsbeschluss und leitete ihn auch an den SPD-Vorsitzenden weiter. Weniger eindeutig verhielt es sich mit Fällen, die  unter  „asoziales  Verhalten“  liefen  und  beispielsweise  Arbeitserziehungslager  oder  Psychatrieeinweisungen  bei  politisch nicht  Konformen  zur  Folge  hatte.  Da  bewege man  sich  immer wieder  auf  neuem  Terrain,  denn  die  Aktenlage  bot  nie  ein ausreichendes Fundament für eine Entscheidung. 
 
Über die Rehabilitierungsfälle bekam Martin Burkert auch Zugang  zur Verwaltung. So glitt er aus der geplanten einjährigen Leipziger „Dauerdienstreise“ in die sächsische Justiz über, wurde sächsischer Richter und fand sich am Ende als Präsident des Landesgerichts wieder. 
 
Die Wiedervereinigung brachte für Ostdeutschland sehr weitreichende und gravierende Veränderungen. Eigentlich, so Burkert, hätte man  dieses  Ereignis  auch als Anlass  für eine Wende  in  der  Justiz nehmen können und  sollen. Jedoch  adaptierte man lediglich alte, überholte Modelle aus Westdeutschland ohne eine bundesweite Reform anzustreben. Das „bewährte“ System wurde übernommen, denn „es sollten  in Sachsen und Bayern gleiche Verhältnisse herrschen, aber so wurde auch der gleiche Mist gemacht.“
 
Sein Resümee zieht Burkert als ein Mensch, der den gesamten Kalten Krieg aus der westlichen Perspektive verfolgte und sich direkt  nach  dessen  Ende mit  der  anderen  Seite  des  gefallenen  Eisernen  Vorhangs  beschäftigte.  Dass die  DDR  ein  „totaler Unrechtsstaat“ war, bejaht er natürlich voll und ganz. Trotzdem sieht er es positiv, dass  in der DDR soziale Unterschiede nie auf eine so extreme Weise existierten wie in der Bundesrepublik. Als neuer Richter in Leipzig hatte er ein ähnliches Gehalt, wie ein Gefängnisaufseher und ein Arzt konnte man  vom Gehalt  fast einem Pfleger gleichsetzen. Das  sei gerade angesichts der heutigen  gesellschaftlichen  Situation  markant,  bei  der  die  beiden  zunehmend  divergierenden  Gruppen  von  Armen  und Spitzenverdienern immer größer werden.
 
Auch wenn er sich dessen bewusst ist, dass seine Arbeit in Leipzig eine gute und wichtige war, zeigte sich Martin Burkert beim Zurückblicken auch selbstkritisch. Als Richter sei er sicher zu gutmütig gewesen und habe etwa sehr großzügig DDR-Richter in den Staatsdienst des wiedervereinigten Deutschlands übernommen. Umso zufrieden stellender sein Fazit: „Ich habe nicht das Gefühl, ich habe total versagt.“ Und mit diesem Gefühl genießt er auch seit 2002 seinen Ruhestand im heimischen Franken.
 

Zurück Zurück

Partner:
 

Bundesstiftung AufarbeitungDie Bundesbeauftragte für die Unterlagen deStaatssicherheitsdienstes der ehemaligen DeutschenDemokratischen RepublikFreistaat Sachsen

 

Weitere Kooperationen:
 

Zentrum für zeithistorische Forschung PotsdamHumanities, Sozial- und Kulturgeschichte