Gesprächsreihe "Wir sind das Volk!"

Montagsgespräch im Museum "Runde Ecke" mit Hinrich Lehmann-Grube

„In Deutschland haben wir zweimal großes Unglück über die Welt gebracht, jetzt haben wir Möglichkeit ein großes Friedenswerk zu begehen. Da mach ich mit.“ Denn eigentlich hatte Hinrich Lehmann-Grube 1990 gar keinen Grund in die DDR überzusiedeln, deren Staatsbürgerschaft anzunehmen und sich zum Bürgermeister von Leipzig mit seinen „kaputten Straßen, kaputten Häusern und kaputten Politikern“ wählen zu lassen. Trotzdem brachte er den Mut auf; den Mut zu einer anderen Politik, den Mut zur Verantwortung, neun Jahre lang.

Gesprächsreihe "Wir sind das Volk!"


Hinrich Lehmann-Grube wurde 1932 im ostpreußischen Königsberg als Sohn eines Kinderarztes geboren. Seine Kindheit empfand er an der Seite seiner vier Geschwister als „glücklich und unbeschwert“, trotz der Diktatur der Nationalsozialisten, die in der sozialdemokratisch geprägten Familie ein stetiger Gegenstand war. Dem Wahnwitz des Endsieges schenkten die Eltern  keinerlei  Glauben, so dass der Vater am Ende des Zweiten Weltkrieges schnell entschlossen handelte, als es hieß Ostpreußen als „Festung“ zu verteidigen. Er  schickte die Familie nach Hamburg, wo sie im Haus des Großvaters unterkam. Dort erlebte Lehmann-Grube einen geregelten Schulalltag, fern von Massenbombardements und Kämpfen. Das grausame Schicksal der Flucht blieb ihm erspart.
 
Als 16-Jähriger wurde  ihm das Glück zuteil, mit der ersten deutschen Schülergruppe ein Jahr in den Vereinigten Staaten zu verbringen, wo er bei einer sehr religiösen Familie in einem ländlichen Teil ein schönes und „prägendes“ Jahr erlebte. Den Entschluss, Jura zu studieren, fasste er,  nachdem er einen Freiwilligendienst in der Kinderpsychiatrie leistete, der ihn zu  der Entscheidung brachte, nicht Arzt zu werden.
 
Da Hinrich Lehmann-Grube von Eltern und Großeltern eine dezidierte Haltung gegen den Nationalsozialismus und den Krieg erfahren hatte, blieb der typische Generationenkonflikt aus. Auch wenn mit Freunden und Familie viel zu aktuellen politischen Themen diskutiert wurde, bezeichnete er seine Sicht auf die deutsche Situation angesichts des Kalten Krieges als recht „naiv.“ Dass die  Sowjetunion den besetzten Teil Deutschlands nicht wieder hergibt, war schon damals „völlig klar“ mit der Begründung: „Wir haben einen Krieg verschuldet, wir müssen das bezahlen“, was zu Folge hatte, dass die Teilung bei ihm kein Streitthema war, im Gegenteil: Sie wurde „billigend in Kauf genommen.“ 

Nach seinem Examen heiratete er 1957 und absolvierte anschließend ein Referendariat beim Nürnberger Städtetag. Die Gesetzgebung jener Zeit  beschreibt Lehmann-Grube als  „geprägt von dem Willen, Neues zu denken“,  sodass er mit Referentenentwürfen für das Lastenausgleichgesetz oder das Städtebauförderungsgesetz mit an einem soliden Fundament gebaut hat, nach dem heute noch gearbeitet wird. Den Grund für seine stringente und rasche Karriere vom Assessor bis zum gerade mal 32-jährigen Beigeordneten des - für ihn -  interessantesten Dezernats für Bauentwicklung  in Nürnberg lag auch in dem Umstand begründet, dass seine Konkurrenz „in Russland begraben  lag.“ 1967 wechselte er nach Köln und arbeitete als Beigeordneter für allgemeine Verwaltung, wo er ein Jahr später Personalchef von 23.000 Mitarbeitern wurde.  
Wie er denn die innerdeutsche Situation um 1968 wahrgenommen habe, lautete eine Frage der Moderatoren, und ob es für ihn auch  eine  prägende  Zeit  gewesen  sei.  Entgegen  der  Vermutung,  die  Lehmann-Grubes  Biographie  – mit  14  Jahren  bei  den Falken, danach SDS, später SPD – nahe legt, gesteht dieser nie „ein eifriger Parteisoldat gewesen zu sein.“  Im Vordergrund standen seine Promotion, die berufliche Karriere sowie seine zu dieser Zeit geborene erste Tochter. Sein langjähriger Wunsch, Chef einer Großstadtverwaltung zu werden erfüllte sich, nach einer verlorenen Wahl gegen Kurt Rossa in Köln, schließlich 1979 in Hannover.
 
Die Frage, ob er denn schon 1979 nach Osten geschaut habe, verneinte er: „Damit war ich keine Ausnahme“, denn ein Bezug bestand weder auf  persönlicher, noch auf einer geschäftlichen Ebene. Das sollte sich mit der 1987  geschlossenen Städtepartnerschaft Hannover-Leipzig  ändern. Obwohl Hinrich  Lehmann-Grubes  persönliches Augenmerk  auf  „menschlichen Beziehungen und geistigem Austausch“ lag, hatte er noch längst „keine Einheit Deutschlands im Kopf.“ Immerhin, von da an war Leipzig für ihn ein Thema. Den ersten Eindruck vom Osten gewann er mit den „demütigenden“ Grenzkontrollen. Leipzig hingegen hatte für ihn schon damals eine gewisse kulturelle Bedeutung, ein Lichtblick am Ende eines Tunnels, den es noch entlang der schmutzigen Wände, durch die industriell verschmutzte Luft und über die hermetisch abgeriegelte Grenze hinweg zu durchschreiten galt, so Lehmann-Grube.
 
Dass in diesem Land, mit dem man die Geschichte, die Sprache, die Kultur teilt, doch etwas „Unerhörtes“ passiere, bemerkte der Oberstadtdirektor  trotz vorheriger Leipzig-Besuche, bei dem  ihm ein SED-Stadtrat versicherte, es  sei „alles  in Ordnung“, erst am 9. Oktober 1989. Bei diesem Umbruch wollte er sich an vorderster Front engagieren und studierte akribisch über die Medien alle Vorkommnisse im anderen Teil Deutschlands, dessen Interesse bisher ausschließlich politisch, aber „vom Herz […] kein  Thema“  war.  Bereits  am  9. Oktober  habe  er  jedoch  „gewisse  Mauerrisse“  im  DDR-Staatsgebäude  erkannt.  Mit  der „großen Euphorie“, mit der am Tag des Mauerfalls in Hannover die DDR-Bürger empfangen wurden, fühlte er eine mindestens so „große Bereitschaft für dieses ‚Neue‘ sehr viel zu tun.“
 
Am 18. März 1990, dem Tag der ersten  freien Volkskammerwahl, bekam die SPD, wie Lehmann-Grube  selbst gesteht, „mit Recht furchtbar eins auf die Mütze.“ Um in Leipzig einem ähnlichen Fiasko für die Partei zu entgehen, riefen ihn Vertreter der Leipziger  SPD  in  der  Nacht  auf  den  20.  März  1990  an  und  schlugen  ihm  vor,  bei  der  Kommunalwahl  für  die  SPD  als Oberbürgermeister zu kandidieren. Dieses Angebot wollte er nicht ausschlagen, da er „das Gefühl habe, dringend gebraucht zu werden.“ Die Entscheidung brachte eine Reihe drastischer Umstellungen mit sich, die von einem Westdeutschen bis dato unerwartet waren  und  von  Lehmann-Grube  viel abforderten. Die  Kraft  dazu  hätte  er  ohne  seine  Familie,  die mit  ihm  nach Leipzig  zog, wohl  nicht  aufgebracht.  Auch  nahm  er  die  Gehaltsumstellung  von  9000  DM-West  auf  2000  DM-Ost  und  die verpflichtende Annahme  der DDR-Staatsbürgerschaft  in Kauf. „Nur  das  politische Umerziehungslager  blieb außen  vor.“ Der 1. Mai  1990  im  Clara-Zetkin-Park  brachte  schließlich mit  einer  20-Minuten-Rede  für  ihn  selbst  und  für  viele  Leipziger  die Bestätigung, er sei der Richtige für dieses Amt, das er bei der gewonnenen Kommunalwahl dann auch erhielt. 

An die erste Zeit in Leipzig, in der sich niemand mit Verwaltungsangelegenheiten auskannte, erinnert sich Lehmann-Grube nur noch episodenhaft. Seine eigene Vorgabe war, niemanden von den alten Kadern ins Boot zu holen. Die Neuen sollten fehlende Erfahrung  durch  politische  Zuverlässigkeit,  Motivation  und  „kreative  Intelligenz“  kompensieren.  Hierzu stellte  er  sich unabhängig  von  Parteien  eine Mannschaft  zusammen  indem er  den Runden  Tisch  „plündern“  ging. Als  er  schließlich  doch seinen SED-Vorgänger Hädrich zum Kämmereichef machte, schlug ihm das erste Mal geballter Widerstand entgegen. Trotz der immensen Personalnot musste er primär diese rudimentäre Stadtverwaltung wieder funktionsfähig machen. Sich selbst hat der neue Bürgermeister nie als den Architekten dieser Stadt gesehen, vor der er so viel Respekt hatte. Vielmehr als „Gärtner“ eines ursprünglich sehr schönen Gartens, an dem viele Winter vorübergegangen waren und in dem man nun das Leben in den tiefen, toten Wurzeln finden müsse. Kulturell war noch vieles erhalten, doch wirtschaftlich war Leipzig tot.
 
Inspiriert  von  den  Runden  Tischen,  die  ihm  sehr  imponiert  hatten,  konzipierte  Lehmann-Grube  sein  eigenes,  sein  Leipziger Modell, bei dem zunächst alle  für das Wohl der Stadt arbeiteten. Die Parteiinteressen spielten hier erst  in  zweiter Linie eine Rolle. Seine westdeutschen Kollegen verstanden nicht, wie er viele Probleme im Plenum diskutieren konnte, zumal konstruktiv. Wenn  Lehmann-Grube  vorher einmal einen Blick  in Richtung DDR geworfen hatte, dann  immer  von Außen.  Jetzt  steckte er mittendrin.  In  diesem  Machtapparat,  umgeben  von  alten  SED-Politikern,  MfS-Mitarbeitern  und  konfrontiert  mit  der Vergangenheit  einer  Diktatur,  die  er  nicht  miterlebt  hatte.  Es  gab  viele  Verdächtigungen,  die  nicht  offen  ausgesprochen wurden. Die Behandlung solcher Fälle delegierte er, aber das Verfahren sollte rechtsstaatlich und transparent sein. Eine Vierer-Kommission  benötigte  ein  Jahr  um  alle Verdachtsfälle  abzuarbeiten.  Es  gab  nur  sehr wenige  der  200 Mitarbeiter,  die  nicht mehr in der Stadtverwaltung arbeiten durften. Diese Distanz zur DDR und auch zur Stasi ließen ihn die Prioritäten ganz anders setzen.  Sachfragen  standen  im  Vordergrund,  mit  unzureichenden Mitteln  musste  die  Stadt  regiert  werden  und  es  fehlten 100.000 Arbeitsplätze. Es gab eine Fülle von Sachproblemen und die „Vergangenheit hat nicht die dominante Rolle gespielt.“ Wohl oder übel.
 
Im Resümee sieht Hinrich Lehmann-Grube die letzten 20 Jahre als Erfolgsgeschichte. Für das, was ohne Waffengewalt bewegt wurde, steht die Friedliche Revolution exemplarisch. Selbst wenn es ein schwieriger Prozess war, trotz Euphorie nicht richtig angepackt wurde, auf große Erwartungen große Enttäuschungen folgten, spricht er sich doch dafür aus, dass das Positive in dieser Bilanz überwiegt.

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