Gesprächsreihe "Wir sind das Volk!"

Montagsgespräch im Museum "Runde Ecke" mit Joachim Gauck

„Dass wir Gehorsam können, dass wir Mord und Totschlag können, das hat uns die Geschichte gezeigt. Aber dass wir Freiheit können, das ist mir so wichtig“, freut sich Joachim Gauck im Rückblick, als die Friedliche Revolution auch in seiner Stadt Rostock sichtbar seinen Lauf nahm. Einen gefüllten Saal mit 150 Menschen fesselte er beim Montagsgespräch, als er sehr emotional und mit einer Liebe zum Detail erzählte, was er vor, während und nach der Friedlichen Revolution durchleben musste aber auch erleben durfte.

Gesprächsreihe "Wir sind das Volk!"


1940 in Rostock in den Zweiten Weltkrieg hineingeboren, erinnert sich Joachim Gauck heute vor allem daran, wie er mit fünf Jahren die Ankunft der Russen erlebte. Sein Vater arbeitete  in der Nähe von Rostock als Seemann, wo er auch während des Krieges für die Marine Mathematik und Navigation unterrichtete. Die russische Demontage bot ihm die Möglichkeit  im Hafen als Aushilfe zu arbeiten, bis er als ein Bekannter eines Republikflüchtlings  festgenommen und vom Schweriner Militärgericht (SMT) zu zwei Mal 25 Jahren Zwangsarbeit in Sibirien verurteilt wurde. Ein Verbrechen lag nicht vor und die Familie ließ man über den Verbleib des Vaters und Ehemannes im Unklaren.
 
Nach der Verurteilung des Vaters musste die fünfköpfige Familie  sich selbst  versorgen, was ohne die Unterstützung von Verwandten und  Freunden nicht möglich gewesen wäre. "Durch diese Erlebnisse wird man  schon oppositionell, auch wenn man noch ein Kind  ist", meint  Joachim Gauck heute. Dank des Einsatzes  seiner Mutter durfte er die Erweiterte Oberschule besuchen, obwohl er weder bei den Pionieren, noch in der FDJ war. Seine Schule bezeichnet er als  "mittellagig" – einige Lehrer waren noch aus der Weimarer Republik, einige, von denen sie öfters "in  die Pfanne gehauen wurden" waren "sehr rot."  Im  Unterricht selbst weigerte sich Gauck die „antifaschistische“ Propaganda zu lernen, da er sich aufgrund seiner bisheriger Erfahrungen mit dem Regime sagte: "Die lügen sowieso!" Diese Geschichte wurde ihm von Leuten vermittelt, denen er glaubte: von Mitgliedern der Jungen Gemeinde sowie von Anne Franks und Wolfgang Borcherts Büchern.  
 
Das Theologiestudium, das er  nach dem Abitur begann, bezeichnet er als Verlegenheitslösung – eine Alternative zum nicht zustande gekommenen Germanistikstudium: "In jungen Jahren war ich gewiss nicht mit dem Heiligenschein ausgestattet". In der Kirche trat er mit interessanten Leuten in Kontakt – mutige Menschen, die er bewunderte. Auch die Tatsache, dass um ihn herum  in  diesem  Staat,  alles  Lüge  ist,  brachte  für  ihn  den  Bezug  zur  Transzendenz mit  sich.  Das,  in  Kombination mit  den philosophischen Aspekten, die ihn sehr interessierten machten das Studium nicht mehr so  abwegig, auch wenn er sich nie vorstellen konnte, Pfarrer zu werden. Sein Dasein als Student bezeichnet Gauck als recht "faul und abgedreht." Er hatte mit 19 Jahren geheiratet und  früh Kinder bekommen, so dass er während des Studiums viel „rumbummelte“ und dementsprechend spät sein Examen machte. Seine erste Stelle nahm er in einem Neubaugebiet in Rostock an,  in dem es keine Kirche gab. Dort war er sozusagen mit Missionsarbeit betraut. Er musste  vorsichtig auf die Menschen zugehen, um keine Anzeige wegen Belästigung oder Ähnlichem zu riskieren. Auf diese Zeit schaut Joachim Gauck gern zurück: Er war unabhängig und arbeitete gern und „erfolgreich“, so dass sich aus der Mischung aus Christenlehre in der Nachbargemeinde oder Religionsunterricht bei sich zuhause bald genug Leute hervortaten, um selbst eine eigene, kleine Gemeinde gründen zu können.  
 
Da sich Gauck schon früh nicht mehr mit dem sozialistischen System identifizieren konnte, waren die Jahre der Aufstände 1953 und 1956 sehr prägend. Zur Reaktion der sowjetischen Truppen im Prager Frühling meint er: "Jeder der einigermaßen normal war, war doch damals fertig, dass ein sozialistisches Land ein anderes platt macht." Demgemäß bezeichnete er sich auch als Antikommunist, was er aber – wie er selbst sagt – nicht von Strauß lernte, sondern vom Kommunismus selbst. Gegen eine differenziertere  Sichtweise des Kommunismus wehrte er sich zunächst, vor allem mit Argumenten gegen Honeckers Realsozialismus. Doch durch Umgang mit sehr angenehmen, gebildeten, "guten" Leuten, mit Grünen und Sozialdemokraten fühlten sich Gauck und seine Freunde schließlich auch tendenziell links: links und antikommunistisch, eine Kombination die Joachim Gauck im Gespräch als "edellinks" bezeichnete. 
 
Als nicht  regimetreuer Mensch der Öffentlichkeit sah sich Gauck zwangsläufig mit der Staatssicherheit und  ihren Methoden konfrontiert. Persönlich schlimm fand er, dass drei Jugendliche als IM auf ihn angesetzt waren. Dies nahm er auch als Anlass, die Jugendlichen zu bestärken ihren eigenen Weg zu gehen und "Nein" zu sagen und sagen zu können. 
 
Den Herbst 1989 bezeichnet Joachim Gauck als schönste Zeit seines Lebens. Den sächsischen Mut und die Prägnanz des Satzes "Wir sind das Volk!" bewundert er noch heute. So haben sich die Bürger gegen "die da oben" geeinigt, denn die Stasi musste sich denken: Wenn die das Volk sind, wer sind dann wir? Und seit diesen Erlebnissen legt er großen Wert darauf, dass vor dem 9. November immer noch der 9. Oktober in Leipzig erwähnt wird. Als sich in Leipzig schon tausende Menschen mobilisierten, steckte im mecklenburgischen Rostock die Revolution noch in den Kinderschuhen. Gauck, "bekannt für seinen großen Mund", organisierte Mahnwachen für die Leipziger Verhafteten vom 4. September 1989 und mit den Montagsgesprächen vergleichbare Veranstaltungen. Dies hatte  zur Folge, dass er von der Gemeindearbeit freigestellt wurde und nur noch Gottesdienste  vorbereiten und für das neue  Forum arbeiten konnte. Trotz des  so erfolgreichen 9. Oktobers  in Leipzig konnte man in Rostock keineswegs von so einer Massendynamik sprechen. "Die Angst bindet uns noch", so beschreibt Gauck die Stimmung am 12. Oktober, obwohl sich in den Kirchen schon mehrere Tausend zu den Donnerstagsveranstaltungen einfanden. Eine Woche später gelang es ihm schließlich die Leute zu mobilisieren, was sich dann zügig zu großen Demonstrationen mit Spruchbändern entwickelte, bei denen Menschen sich trauten, auf sich aufmerksam zu machen.
 
Einer politischen Karriere hat Gauck eigentlich zu keiner Zeit Gedanken geschenkt. Für ihn hat es sich durch seine frühe Politisierung ergeben, dass er zur Kirche kam und zu den Oppositionellen gehörte. Als er Sprecher des Neuen Forums wurde stieg sein Bekanntheitsgrad unvermeidlich.Zwar hat sich  Joachim  Gauck  mit  seinem  Engagement in Rostock für die Wiedervereinigung sehr verdient gemacht, doch wirklich bekannt geworden ist er schließlich  erst  als Vorsitzender des Volkskammerausschusses  zur Kontrolle der Auflösung des MfS.  Als der Wahlkampf in Deutschland anstand, verblasste langsam das  Interesse für die Bürgerrechtler, die bis dato so viel leisteten. Gauck ließ sich mehr oder weniger überreden für Bündnis 90 zu kandidieren und wurde schließlich als einziger Mecklenburger für B90 in die Volkskammer gewählt. Auch wenn er es nicht direkt wollte, fand er seine Aufgabe als Vorsitzender des Sonderausschusses zur Auflösung des MfS, der ein Gesetz zur Aktenöffnung erarbeitete. Dieses wurde von der Volkskammer beschlossen, aber nicht  in den Wiedervereinigungsvertrag aufgenommen. In der Nacht der Wiedervereinigung  wurde er als Sonderbeauftragter der Bundesregierung für die Stasi-Unterlagen zum "Herr der Akten" berufen.

Das immense Interesse der Bevölkerung an der Akteneinsicht ließ die Behörde sehr rasch anwachsen. Große Emotionen  im bürokratischen Arbeitsalltag wurden bei Gauck hervorgerufen, wenn Menschen durch die Einsicht Gewissheit bekamen, dass keiner ihrer Nahestehenden als IM tätig war, aber auch, als sich nun Menschen damit konfrontiert sahen, dass sie über Jahre hinweg vom Ehepartner oder besten Freund ausspioniert wurden. Angesichts der Fülle an Geschehnissen, die sich Joachim Gauck in jedem Detail offenbarten, entwickelte er einen großen Respekt gegenüber den vielen mutigen und treuen Menschen, die in „dieser Zeit, in der es so viel Verrat“ gab, standhaft blieben und sich dem System nicht  beugten. Andererseits kann er vielen auch Verständnis entgegen bringen, die es nicht fertig  brachten, sich zu widersetzen, die kapitulierten unter dem Druck, den die Staatssicherheit gegen sie aufbaute.
 
Die Frage seitens Tobias Hollitzers, ob denn die Fokussierung auf die Stasi mit der damit einhergehenden Vernachlässigung der SED ein Fehler war, kann Joachim Gauck nur bejahen. Den Grund hierfür sieht er in der Gutmütigkeit, da man in Deutschland nicht wie in Tschechien alle ehemaligen Kommunisten aus dem öffentlichen Dienst herausdrängen wollte. Die Anzahl von über 2,3 Millionen SED-Mitgliedern zeigt, dass eine Vielzahl nicht aus Überzeugung, sondern aus reinem Opportunismus  eintrat.
Und da bekannt war, wer aus welchen Gründen in der Partei war, entwickelte sich "dieser Milde Blick auf die Kommunisten", dem man entgegen hätte wirken  können, wenn man zumindest die hohe Parteiriege mit der Stasi gleichstellt  hätte, meint Gauck. Im Vergleich mit den anderen ehemaligen Ostblockstaaten hätte sich Deutschland mit der Problematik des jeweils alten Regimes besser geschlagen. Mit dem Aufkeimen der 68er-Bewegung ist man deutschlandweit auf den Nenner gekommen, dass man eine  Schlussstrichpolitik, wie unter Adenauer nach dem zweiten Weltkrieg, nicht  wiederholen  sollte. Auf  diese Erfahrung, die Deutschland (leider) machte, berief man sich nach der Wiedervereinigung. Andere ehemalige Ostblock-Staaten schlugen eine ähnliche Richtung ein wie die Bundesrepublik nach dem  Krieg. Inzwischen haben jedoch alle eine dem deutschen Vorbild ähnliche Aktenbehörde geschaffen. Denn mit der zunehmenden Entwicklung der Zivilgesellschaft wird sie zunehmend selbstkritischer und akzeptiert, dass eben auch Gefühle wie Schuld, Scham und Reue zur Aufarbeitung dazugehören (müssen).

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