Gesprächsreihe "Wir sind das Volk!"

Montagsgespräch im Museum "Runde Ecke" mit Günter Nooke

„Hatten wir in der DDR überhaupt Ziele?“ Wie vielen anderen wurde auch Günter Nooke die Verwirklichung persönlicher Pläne sowie eine Karriere in der DDR verwehrt. Trotzdem hat er sich die Vision eines freien Ostdeutschlands nie nehmen lassen und versuchte stets im Kleinen gegen die Diktatur anzugehen.
Zum elften Montagsgespräch begrüßten die Moderatoren Tobias Hollitzer und Reinhardt Bohse den DDR-Bürgerrechtler und heutigen Bundesbeauftragten für Menschenrechtspolitik und humanitäre Hilfe, Günter Nooke, um sich über sein Leben und Engagement im geteilten und im wiedervereinten Deutschland zu unterhalten.

Gesprächsreihe "Wir sind das Volk!"


Geboren und aufgewachsen  ist Günter Nooke  in einem christlichen Elternhaus  in der Lausitz. Sein Vater war  im Staatsdienst angestellt  und  seine  Mutter  eine  als  Hausfrau  tätige  Buchkauffrau.  „Meine  Eltern  erzogen  mich  zur  Wahrhaftigkeit  und Aufrichtigkeit“ sagt Nooke heute und dass er im Nachhinein sehr froh ist, christlich geprägt worden zu sein, angesichts dieses „Staates  der  Lügen.“  Trotzdem meinte Nooke,  gab  es  in  der  DDR  durchaus  Spielräume,  Dinge  in  die  richtige  Richtung  zu bewegen, nur dass die Menschen leider gar nicht erst versucht hätten, etwas in der Diktatur zu ändern. Der Vater war nur kurz Mitglied der SED, auch wenn er  sich damit die Chance auf eine berufliche Karriere nahm. Günter Nooke wurde daher auch nicht Mitglied der SED-Organisation „Junge Pioniere.“ Nachdem er zehn Jahre in Forst zur Schule gegangen war, blieb ihm, da er nicht an der  Jugendweihe  teilgenommen hatte, der Weg zur Erweiterten Oberschule verwehrt. Alternativ bot sich  ihm die Möglichkeit eines Abiturs mit Berufsausbildung, das er mit guten Noten als gelernter Maurer in Cottbus abschloss.  
 
Die anschließende Zeit seines Wehrdienstes beinhaltete für Günter Nooke sehr zwiespältige Erfahrungen. Für vier Wochen war er  zur Grundausbildung  in Oranienburg  stationiert.  In  dieser „unvorstellbaren,  unerträglichen“  Zeit  habe  er „die  Tiefen  des menschlichen Wesens kennen gelernt.“ Im Kontrast dazu stand seine restliche Dienstzeit, die er sich sehr angenehm mit Lesen,
Kirchen- und Familienbesuchen dank Moped und Fahrrad gestalten konnte.  
 
Zum Studium zog es  ihn nach Leipzig, da sich seiner Meinung nach auf Grund der Messe „ein Stückchen Offenheit“ und ein wenig „Westen“ in der Stadt wieder fand. Gänzlich unerwartet und das, obwohl er nur „kurz irgendwann mal in der FDJ war“, wurde er - eben erst an der Uni angekommen - zum kommissarisch eingesetzten FDJ-Sekretär ernannt. Diese Stelle nahm er aus Gewissensgründen nicht an und suchte sich nach der „Roten Woche“ einen nicht allzu kompetenten Ersatz. Für  ihn war klar, dass er Naturwissenschaften studieren wird, allein aus dem Grund, dass  jeder, der nicht gerade Arzt oder Pfarrer wird, zwangsläufig mit Ideologie konfrontiert wurde. Also entschied er sich für das Abstrakteste – Physik.
 
Im Zusammenhang mit der atomaren Aufrüstung  in Mitteleuropa rief er mit anderen seiner Seminargruppe,  in Anlehnung an die  von  der  SED  hofierten  westdeutschen  Friedensbewegung,  zu  einer  pazifistischen  Demonstration  vom Völkerschlachtdenkmal  zum  Zentralstadion  auf. Diese wurde  sogar  zugelassen,  bis  das MfS  in  Berlin  davon mitbekam  und schließlich „aufräumte.“ Einige seiner Kommilitonen durften deshalb keine zweite Prüfung ablegen, was einem Rausschmiss gleichkam. Dass er  selbst die erste Prüfung bestand, bezeichnet er heute  so: „Ich habe Glück gehabt –  ich habe  im ganzen Leben  viel Glück  gehabt.“  Ebenso,  dass  er  sich  an  der Universität weigerte,  Loyalitätsbeweise  zu  unterschreiben,  ohne mit weiter reichenden Konsequenzen leben zu müssen, bezeichnet er als glückliche Fügung. 

Zur  staatsunabhängigen, kirchlichen Friedensbewegung, die  sich auch  in Leipzig ab 1980 etablierte,  trug Nooke  selbst nicht bei. Er pflegte zwar diesbezügliche Kontakte, doch aufgrund seiner beiden Kinder und seines Studiums „bekam er nicht alles mit.“ Aktiv war er  in der evangelischen Studentengemeinde, die er als eine „geschlossene Gesellschaft“ bezeichnet und sich sehr glücklich schätzte, diskutierfreudige, intellektuelle Gäste, zum Teil auch aus Westdeutschland, zu Besuch zu haben. Gerne erinnert sich Günter Nooke an eine Veranstaltung mit Carl Friedrich von Weizsäcker in Halle, bei der sich  im „nicht-offiziellen Teil“ auch die Möglichkeit zur Unterhaltung und Diskussion fand. 
 
Nach abgeschlossenem Studium hatte er keine Chance auf eine berufliche Karriere. Seine politische Grundeinstellung stand im Weg. Also beschloss er, eine Stelle bei der Arbeitshygieneinspektion in Cottbus anzunehmen um für den Fall, dass „mal andere Zustände herrschen, auch einen guten wirtschaftlichen Überblick zu haben.“ Er hatte Visionen, dass sich bald etwas in diesem Staat ändern könnte. Eine Flucht  in den Westen war  ihm „zu wenig  für ein  selbstbestimmtes Leben.“ Wie er denn versucht habe mit der Familie in Cottbus selbstbestimmt zu leben, so die Frage der Moderation. Die Arbeit bot ihm viele Freiräume und Dienstreisen die Möglichkeit, Freunde zu besuchen. Diese Zeit nutzte er auch um sich  in diversen Bibliotheken einzulesen um sich schließlich gesellschaftlich engagieren zu können. Schon beim Rudern auf der Pleiße  im „grauen, dreckigen“ Leipzig mit der ungeheuren Umweltproblematik der DDR konfrontiert,  hat er in Forst die „ökologischen Defizite“, zum Beispiel der Braunkohleabbau mit der damit verbundenen Umsiedelung ganzer Dörfer, als  Motivation empfunden, politisch aktiv zu werden. Mit seiner Frau, einem guten Freund und dem ansässigen Pfarrer hatte sich eine „bodenständige Truppe“ gefunden, die versuchte mittels Umwelt- und Friedensthemen die Menschen zu  selbstbestimmten Handeln aufzurufen. Die „ersten demokratischen Schritte“ der kleinen Gruppe in der Kirchengemeinde haben sich recht schnell zu einer latenten Gefahr für die Obrigkeit entwickelt und ihnen Plätze auf den Stasilisten für die Isolierungslagereingebracht, weil sie aufgrund ihrer Berufe gut über DDR-interne Gegebenheiten informiert waren. Seine damals gestellte Frage, ob sich die Kirche aufgrund ihres Schweigens angesichts der Diktatur schuldig macht, provozierte eine kircheninterne Debatte, die aber für Nooke ohne Konsequenzen blieb, da er einen höher gestellten Patron hatte, der ihn in mancher prekären Situation unterstützte. 

Mit dem Jahr 1989 wurde es auch in der Provinz zunehmend unruhig. Das Engagement seiner Gruppierung führte zum Verbot ihres  Infoblattes  und  zu  empfindlichen  Geldstrafen  für  die  Redakteure,  die  sie  auch  bezahlen  mussten,  da  sie  alle  einer regelmäßigen Arbeit nachgingen. Sie unterstützten Sammelaktionen auf dem Kirchentag und bei  Frieden Konkret. Nach der Bundestagsrede Epplers am 17. Juni 1989 war er sich sicher, dass die Wiedervereinigung kommen wird. Scherzhaft traf er mit Freunden die Vereinbarung, den 1. Mai 1990 gemeinsam  in Paris zu  feiern. Die Argumentation des Status quo, als gerechte Strafe, für die „Söhne von Auschwitz“ und der Mauer als „statisches Element des europäischen Hauses“ war ihm schon immer zu „verquer“ und bremste ihn nicht in seinem Optimismus.
Nachdem  er  in  Leipzig  an  beiden  Kirchentagen  teilnahm,  aus  dem Willen  heraus,  wie  er  sagt,  „das  ganze  Spektrum  zu erfassen“, ging Nooke  zurück ins verhältnismäßig „verschlafene“ Cottbus. Seiner  umweltpolitischen Aktivität  kam  zu  gute, dass es als Diplomphysiker von seinem Privileg Gebrauch machen konnte, alle Daten und Fakten der Kraftwerke einzusehen und mit denen der Bundesrepublik zu vergleichen – „man konnte in der DDR schon einiges machen, wenn, man sich nur Zeit genommen hat“, meint Günter Nooke heute im Rückblick.
 
An den Leipziger Montagsdemonstrationen nahm er nicht  teil, da er  in dieser Phase zu stark vor Ort eingespannt war – der Kontakt  zu  den Aktivisten  in  Leipzig  blieb. Am  1. Oktober war  er  an  der Gründung  des  „Demokratischen Aufbruchs“  (DA) beteiligt und dank seines stetigen Engagements wurde er auch in den Vorstand gewählt. Dass sich in dieser Zeit ständig neue Gruppierungen  (Demokratie  Jetzt, Neues  Forum,  et  cetera)  etablierten  stieß  bei  ihm  auf Unverständnis. Nooke  setzte  seine Prioritäten deutlich: „Erstmal müssen wir die SED stürzen!“ Die Kooperation von DA und der DDR-Blockpartei CDU konnte er nicht unterstützen. Er fühlte sich dem Bündnis 90 verpflichtet, da es das widerspiegelte, wofür er sich in der DDR einsetzte. 
 
Nach der Mitarbeit am „Runden Tisch“  in Berlin kandidierte er,  zunächst widerwillig,  für den Bezirk Cottbus und erhielt  für Bündnis  90  einen  Sitz  in  der  Volkskammer.  Im Wirtschaftsausschuss  befasste  er  sich mit  den  zentralen  Themen  Eigentum, Energie,  Treuhand  und  den Altschulden,  die  alle  noch  10  Jahre  später  eine Rolle  spielten. Heute meint Nooke: „Wir  haben vieles richtig analysiert, konnten aber nicht viel verhindern. Die 9-Mann-Fraktion war damals einfach nicht als ausschlagkräftig genug“, meint Nooke. „Die Zeit in der Volkskammer war eine Zeit, in der auch der größte Mist beschlossen wurde“, resümiert Nooke,  und  dass „wenn  alle  am  18. März  1990  schon  so  klug  gewesen wären wie  im  September,  viel mehr  drin  gewesen wäre.“ Zum Beispiel schon am 17. Juni der Anschluss an die Bundesrepublik nach dem Motto: „Wir sind  jetzt Bundesbürger. Punkt.“ – Eine Möglichkeit, die das Grundgesetz schon immer bot. Ebenso kritisch wie viele Entscheidungen der Volkskammer sieht Nooke einiges, was die Wiedervereinigung mit sich brachte. Trotzdem  lernte er, „wie ein freies Land funktioniert“ aber auch, dass „nicht alles läuft, wie es auf dem Papier steht.“

Seine politische Aktivität setzte er als Abgeordneter  im brandenburgischen Landtag fort. Die Koalition aus SPD, FDP und B90 zerbrach nach vier Jahren und so konnte sich Günter Nooke wieder anderen Arbeiten widmen. 1996 trat er der CDU bei für die er  seit 1998  im Bundestag aktiv  ist. Seit 2003  ist er der Beauftragte  für das Amt  für Menschenrechtspolitik und humanitäre Hilfe der Bundesregierung, eine Arbeit mit gewissen Parallelen zu seinen bürgerrechtlichen Aktivitäten  in der DDR, wobei er sich  heute  hauptsächlich  „mit  dem,  was  in  der Welt  schlecht  läuft“  konfrontiert  sieht.  Für  sein  Amt  empfindet  er  es  als „Vorteil, die Diktatur kennen gelernt zu haben“, auch wenn er angesichts des Elends, das er sieht, gestehen muss, dass sogar
„die DDR  ein  verhältnismäßig  angenehmer  Staat war.“ Noch  heute meint  er,  dass  die Welt  viel  fragiler  ist,  als  sie  scheint, gerade,  da  nach wie  vor  auch  in  der Mehrzahl  der  UN-Staaten  Unfreiheit  herrscht.  Selbst  in  Deutschland, mahnte  Günter Nooke, sind wir immer noch dabei, die Freiheit zu verteidigen. „Da ist jeder Erfolg ein kleiner Schritt.“
 
Die  Tatsache,  dass Menschenrechte  global  oft  ausschließlich  auf  dem  Papier  zu  finden  sind,  regt  auch  das  Publikum  zum nachfragen  an.  So  erklärte Nooke  am  Beispiel  zweier  renommierter  russischer  Demokraten,  die  damals  in  Ungnade  Putins gefallen  sind,  wie  reaktionär  sich  Russland,  sogar  im  Vergleich  zur  Volksrepublik  China,  auf  dem  Gebiet  der Menschenrechtspolitik  entwickelt.  In  Deutschland  und  Europa  bemängelt  er  heute  noch  Gesetze,  die  sich  mit  dem problematischen  Umgang  mit  Asylbewerber  und  Emigranten  aus  Afrika  befassen  aber  ansonsten  ist  er  zufrieden  mit  der deutschen Entwicklung der Menschenrechte.   
 

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