Gesprächsreihe "Wir sind das Volk!"

Montagsgespräch im Museum "Runde Ecke" mit Werner Schulz

„Im Rückblick wird man historisch milder. Es ist und bleibt eine große Leistung trotz der Fehler.“ So ist Werner Schulz Meinung 20 Jahre nach der Friedlichen Revolution, die er sowohl in Leipzig als auch in Berlin miterlebte. Am 5. Oktober begrüßten die Moderatoren Reinhard Bohse und Tobias Hollitzer Werner Schulz, der in den 1980er Jahren aktiv in der Ost-Berliner Opposition und 1990 Mitglied der ersten demokratisch gewählten Volkskammer war. Im iedervereinigten Deutschland hatte er ein Bundestagsmandat inne und sitzt seit Juni 2009 für Bündnis 90/die Grünen im Europaparlament.

Gesprächsreihe "Wir sind das Volk!"


Schulz  wurde  1950  in  Zwickau,  der  Heimatstadt  seiner  Mutter  geboren.  Sein  aus  Baden  stammender  Vater,  ein Wehrmachtsoffizier  a.D.  stieß  aus  englischer  Kriegsgefangenschaft  in  Italien  in  die  SBZ  zu  seiner  Familie.  Der  Missmut gegenüber Staat und Regime des Vaters, dem in der DDR als ehemaligem Offizier in der DDR fast keine Unterstützung zustand, hatte maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung von Werner Schulz. Er  litt unter dem Verbot zu den Jungpionieren zu gehen und äußerte dies  teils  auch durch  schlechtes Betragen  in der  Schule. Nichtsdestotrotz waren  seine Zensuren durchweg  sehr gut.  Jedoch  nicht  aufgrund  seiner  guten  Noten,  sondern  mit  Hilfe  einer  Beschwerde  der Mutter  konnte  er  schließlich  die
Erweiterte Oberschule (EOS) besuchen, wo er zunächst als Hauer, dann als Lokomotivschlosser tätig war und 1968 sein Abitur mit Berufsausbildung ablegte.

An der EOS kam er erstmals mit westlicher Kleidung und Musik in Kontakt. Als diese schließlich verboten wurden, was für ihn nicht nachvollziehbar war, wurde auch seine Einstellung gegenüber dem Staat aus eigener Initiative zunehmend kritischer. 1968 ist er in den Sommerurlaub nach Prag gefahren, erzählt Schulz weiter. Vom Leben und der Mentalität der tschechischen Hauptstadt,  „von  den  Jeans,  der  Bravo  und  den  Jazzkellern“ war  er  so  fasziniert,  dass  er  sich  sicher war:  „Das  ist  dieser Sozialismus.“ Aus diesem kurzen aber doch so eindrucksvollen „Traum“ wurde er aufgeweckt, als er von seinem Zeltplatz aus die  sowjetischen  Panzer  in  Richtung  Zentrum  rollen  sah,  „als  sich  der  Prager  Frühling  doch  zu  nicht  mehr  als  einem hoffnungsvollen Sommer entwickelte.“
 
Im  selben  Jahr begann Werner Schulz das Studium der Lebensmitteltechnologie  in  seiner Wunschstadt Ost-Berlin. Gleich  zu Beginn  sah  er  sich  mit  der  Aufforderung  konfrontiert,  zu  unterschreiben,  dass man  die  Geschehnisse  in  Prag  persönlich gutheiße, was für Schulz nicht in Frage kam. Erst nach mehreren Vorladungen beim Professor und dem Zureden seiner Mutter, er solle „sich doch nicht das Leben kaputt machen“, setzte er voller Selbstzweifel seine Unterschrift unter die Bestätigung. „Ich habe mich verraten“, resümiert Schulz heute angesichts dieser Entscheidung von damals.

An der Universität öffneten sich aber auch für ihn neue Türen in einem bisher ungewohnten Umfeld von politisch Gleichgesinnten. Erste Kontakte zu oppositionellen Kreisen knüpfte er nach einem Konzert von Wolf Biermann in Prenzlauer Berg. Als dieser 1976 ausgebürgert wurde, musste er jedoch  seinen  Wehrdienst  ableisten,  wo  sich  nicht  viele  Möglichkeiten  zur  Diskussion  ergaben.  Die  Persönlichkeit  und Botschaften Biermanns faszinierten ihn; umso bedrückender empfand er deshalb seine Ausbürgerung 1976.
 
Das Studium beendete Werner Schulz mit einem sehr guten Diplom. Jedoch konnte er nicht an der Universität bleiben, da nach wie vor galt, dass „das Parteizeichen wichtiger war, als das was man  im Kopf hatte.“ Auf Zuspruch eines wohlgesonnenen Professors blieb er aber in Berlin und konnte 1974 kurzzeitig seine Arbeit als Wissenschaftlich-Technischer Assistent beginnen.
Da  er  sich  nicht  gerade  durch  übermäßige  Regimetreue  auszeichnete „war  ich  einigen wohl  ein  Dorn  im  Auge“, was  den unmittelbaren Einzug zur NVA mit sich trug. Trotz der Unterbrechung durfte Schulz an der Uni weiterarbeiten und musste sich zeitgleich  zum Einmarsch der Sowjetunion  in Afghanistan mit  einem Déjà  vu auseinandersetzen: Wieder war er gezwungen, eine  Erklärung  zur  Unterstützung  der  „Verhinderung  des  amerikanischen  Imperialismus“  zu  unterschreiben  –  und  wieder konnte und wollte er sich nicht damit arrangieren. Im Affekt stand er auf und rief lauthals zur Diskussion auf, was ihm großen Jubel seitens der Studenten verschaffte – zwei Tage darauf war er entlassen. 
 
Es  folgte zwangsläufig eine dreivierteljährige Zeit der Arbeitslosigkeit,  in der seine staatliche Unterstützung vergleichbar mit der Rente seines Vaters war: „nämlich gleich null.“ In dieser Zeit gründete Werner Schulz mit einigen Gleichgesinnten, die sich einig  waren,  dass  es  so  nicht  weiter  gehen könne,  den  Pankower  Friedenskreis.  Der  große  Zulauf  erweckte  auch  die Aufmerksamkeit  des MfS,  das  auf  den  „Operativen  Vorgang  VIRUS“  eine Vielzahl  an  Inoffiziellen Mitarbeiter  verwendete.
Trotzdem  wurde  Werner  Schulz  in  seinen  Ambitionen  nicht  gebremst.  Ihm war der  Dialog,  der  Meinungsaustausch,  die kulturelle Opposition des Prenzlauer Berges zu wenig: „Ich wollte mehr Politik.“ Es bot sich für ihn, da er getauft, konfirmiert und  kirchlich  getraut  wurde,  das  Dach  der  Kirche  an.  So  hat  der  Friedenskreis  kurzerhand  den  Pankower  Kirchenrat „übernommen“  und  konnte  recht  schnell  einen  neuen  Aufbau  des innerkirchlichen  Lebens,  unter  anderem  die  Einrichtung eines  Kindergartens,  initiieren.  Da  für  Schulz  die  Politik  im  Vordergrund  stand,  führte  dies  immer  wieder  zu  Konflikten innerhalb  der  Kirche.  Schließlich  erhielt Werner  Schulz  wieder  eine  Anstellung,  worauf  er  sich  weniger  auf  die  Arbeit  im Friedenskreis konzentrieren konnte.
 
Von den Moderatoren auf die Gegendemonstration zum Gedenktag für Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht  im Januar 1988 angesprochen,  erzählte  Werner  Schulz,  er  habe  nicht  daran  teilgenommen.  Zum  einen  war  es  seiner  Meinung  nach  zu gefährlich („mir war klar, dass man so in den Knast geht“), zum anderen wollte man in Berlin, anders als in Leipzig, nicht viel
mit den Ausreisewilligen, die die Demonstration mit organisiert hatten, zu tun haben. Überraschend für ihn war im Gegensatz dazu  die  Zusammenarbeit  der  Ausreiseantragsteller  und  der  Opposition  ein  Jahr  später.  Im  Mai  1989  war  er  mit  dem Friedenskreis an den Wahlkontrollen beteiligt. Bei dieser „wunderschönen Veranstaltung“ setzten sie sich zum Ziel, die Leute, die  es  nicht  gewohnt  waren,  sich  politisch  auseinanderzusetzen,  zu  informieren.  Der  Demonstrationsversuch  nach  der offenkundigen Wahlfälschung  wurde  von  der  Stasi  verhindert.  Dabei  wurde  ein  ganzes  Viertel  abgeriegelt  und  zahlreiche Demonstranten abtransportiert.

Ob denn die Gründung des Neuen Forums etwas Markantes war, lautete die Frage der Moderation. Diese empfand Schulz als „fragwürdig.“  Zwar war  er  nicht  dabei,  doch  gab  es  viele  oppositionelle Gruppen mit  einem  eigenen  Profil  und  für  ihn  im Vordergrund  standen  faire Wahlen  und  dass  sich  die  Leute  selbst  zur Wahl  stellen. Wichtig war  ihm  auch,  dass man  sich formiere  und  eigene  Listen  aufstellt. Da  das Neue  Forum  den Dialog  suchte,  nahm  der  Friedenskreis  selbst Kontakt  zu  den Mitgliedern und nach Leipzig auf. Da Werner Schulz Sachse war, wurde er nach Leipzig geschickt.
 
Mit  einem  unguten  Gefühl  kam  er  schließlich  am  neunten  Oktober  in  Leipzig  an.  Schon  in  Berlin  mit  einer  Verhaftung rechnend,  begab  er  sich mitten  in  die  „Höhle  des  Löwen“,  was  das  ungeheure  Aufgebot  an  Stasi  und  Vopo  anbelangte.
Nichtsdestotrotz sei er die ganze Montagsdemonstration mitgelaufen, mit großer Skepsis und einem stetigen Fluchtgedanken im Hinterkopf. Dass es  friedlich blieb, hat er bis zum Schluss nicht  für möglich gehalten und sah als einzige Möglichkeit des Erfolges, das Versagen der Befehlskette. Heute ist für ihn die Ohnmacht der Einsatzkräfte angesichts der Menschenmassen der
Schlüssel zum Triumph. 
 
Nach dem Mauerfall einen Monat später, den er beinahe aufgrund der  intensiven Programmarbeit an  jenem Abend verpasst hätte, nahm auch die politische Arbeit immer mehr Gestalt an: Im Zuge der Volkskammerwahlen im März 1990 schlossen sich verschiedene Bürgerrechtsgruppen mit dem Neuen Forum zu Bündnis ´90 zusammen. So musste sich Werner Schulz die Frage stellen:  „Wie  geht  es weiter?“.  Ein  interessanter  Job  oder  die  Politik?  Letzteres  hätte  er  sich  damals  noch  nicht  vorstellen können, trotzdem wollte er, dass Bündnis 90 überlebt. Umso niederschmetternder war das Ergebnis von 2,9% bei den Wahlen.
Erst im Nachhinein hat er mitbekommen, wie sehr die Stimmung im Land in Richtung der Deutschen Einheit ging.
 
Wenn er  jetzt ein Resümee ziehen müsse, war es gerecht, wie das Wahlvolk entschied, wollte einer der Moderatoren wissen.
Ihm bleibe nichts anderes übrig, als das zu akzeptieren. Die Enttäuschung saß damals natürlich tief, wenn man sich jahrelang engagierte  und  dann  feststellen  musste,  dass  die  Leute  nur  Westdeutschland  vor  Augen  hatten:  „Der Wiedervereinigungsgedanke war viel vitaler im Osten als im Westen“, so Schulz. Vordergründig sei für ihn, dass der Anspruch auf Freiheit und auf freie Wahlen, auch im europäischen Kontext, komplett erreicht wurde. 
 
Wann  er  denn  den  Ausruf  „Wir  sind  das  Volk“  das  erstmals  gehört  habe,  so  die  abschließende  Frage  der Moderatoren. Daraufhin  erinnert  Schulz  daran,  dass  der  Spruch,  schon  in  Büchners  Danton  gerufen  wurde  und  1848  ein  bekanntes Revolutionslied war – eine bemerkenswerte Entwicklung. Selbst gehört habe er  ihn aber  in Berlin,  in der Schönhauser Allee, wobei die Aussagekraft in Leipzig viel bedeutender und einschlägiger gewesen sei.

Zurück Zurück

Partner:
 

Bundesstiftung AufarbeitungDie Bundesbeauftragte für die Unterlagen deStaatssicherheitsdienstes der ehemaligen DeutschenDemokratischen RepublikFreistaat Sachsen

 

Weitere Kooperationen:
 

Zentrum für zeithistorische Forschung PotsdamHumanities, Sozial- und Kulturgeschichte