"Schauen Sie genau hin"

Freya Klier zu Besuch beim Bildungswerk Oldenburg

Mit einem Aufruf, sowohl die eigene Geschichte als auch die politische Aktualität einer klaren Analyse zu unterziehen – ohne Schönfärberei und ohne Unrecht mit Unrecht zu rechtfertigen - endete der dreitägige Besuch von Freya Klier beim Bildungswerk Oldenburg der Konrad Adenauer Stiftung. Man solle insbesondere Herkunft, politische Botschaft und Personen der Linkspartei genau unter die Lupe nehmen, dann werde deren antidemokratische Stoßrichtung schnell klar.

"Schauen Sie genau hin"


Zu den Veranstaltungen mit der 1950 in Dresden geborenen Schriftstellerin und Regisseurin, die seit den 80-er Jahren zu den führenden Köpfen der DDR-Menschenrechtsbewegung zählte, waren rund 500 Gäste gekommen: Schüler, Frauen und allgemein interessierte Bürger. Zur „Sozialistischen Märchenstunde“ hatte das Bildungswerk im Rahmen der Emder Gespräche – moderiert von Reinhard Hegewald - und des Osnabrücker Mittagsgesprächs geladen. Anhand des Beispiels von Margot Honecker schilderte Klier in ihrem neuen Essay "Die DDR ist wieder da - und schöner noch als einst" die Absurdität, die DDR heute als harmlosen, gemütlichen Staat darzustellen, in denen es allen besser gegangen wäre. Kindergärten seien zur politischen Indoktrinierung der Kleinsten missbraucht worden, deren Eltern oft keine andere Wahl hatten, als ihre Kinder in die „Krippen“ zu geben. 

Die polytechnische Schule sei geprägt gewesen von Drill, Druck und seelischer Grausamkeit. Dies erkläre nicht zuletzt die hohe Selbstmordrate bei Jugendlichen in der DDR – in den 60-er und 70-er Jahren die zweithöchste der Welt. Die DDR-Systemnähe präge viele altere Pädagogen in den jungen Bundesländern, was die dort Grund für die Bildungsmängel hinsichtlich der DDR-Realität sei. Margot Honecker sei keineswegs die zierliche alte Dame, als die sie gerne auftrete, sondern klar Teil des Repressionssystems der DDR: der „Berliner Drachendynastie“. Heute werde die DDR in immer bunteren Farben gemalt. Dabei werde vergessen, dass etwa die „Freiheit“ bei Abtreibungen auch mit dem Zwang zum Schwangerschaftsabbruch für in der DDR arbeitende Vietnamesinnen gegolten habe, die nur als Arbeitskraft im Land geduldet wurde. Wurden sie schwanger, hieß es: Ausreise oder Abtreibung. In den Diskussionen verwies Klier auf die Methodik, mit der versucht werde, demokratische Institutionen und Begriffe zu unterhöhlen. Die Linke betreibe als reichste Partei Europas „beinharte Kaderpolitik“ mit den Ziel, die Demokratie zu zersetzen. Während der Westen bei der juristischen Aufarbeitung „furchtbar geschlafen“ habe, gingen die DDR-Kader mit unglaublicher Kälte vor: „Die Täter verklagen heute die Opfer!“, so Klier. Dass rund vier Millionen Menschen oft unter Lebensgefahr aus der DDR geflohen seien, stelle klar, wie es wirklich in der DDR ausgesehen habe.

Unter dem Titel „(Über)Leben in der Diktatur“ schilderte Freya Klier Schülerinnen und Schülern des Herbart-Gymnasiums in Oldenburg, des Lothar-Meyer-Gymnasiums in Varel sowie des Gymnasiums in der Wüste, Osnabrück, ihre persönlichen Erfahrungen aus Leben, Fluchtversuch, Haft und Opposition in der DDR: Kollektivierung, Spitzelsystem, Druck. Die willkürliche Verhaftung ihres Vaters, durch die sie samt ihrem Bruder in einem stalinistischen Kinderheim der Stasi landete; die Verhaftung ihres Bruders, der angesichts des menschlichen Drucks Selbstmord begangen hatte; ihr gescheiterter Fluchtversuch Ende der 60-er Jahre sowie die diversen Versuche der Stasi, die aufmüpfige Kritikerin aus dem Weg zu räumen. „Kommunisten besetzen systematisch die Begriffe Frieden, Fortschritt, Humanismus.“ Ziel sei es, totalitäre Ziele hinter positiv besetzten Begriffen zu verstecken.

Dass ein Unrecht nicht mit einem anderen Unrecht zu rechtfertigen ist, unterstrich Freya Klier vor den Landfrauen in Bad Zwischenahn und Uplengen. In ihrem Film „Verschleppt bis ans Ende der Welt“ schilderte die Regisseurin das Schickasal der Frauen, die nach dem Zusammenbruch der Nazi-Diktatur durch den Sieg der Alliierten von der Sowjetunion nach Sibirien verschleppt worden waren. In Arbeitslagern wurden diese gezwungen, die deutsche Kriegsschuld „abzuarbeiten“. Nur wenige überlebten die Strapazen und konnten anschließend nach Deutschland zurückkehren.

Veranstaltungsbericht von Dr. Stefan Hofmann, Konrad Adenauer Stiftung Oldenburg

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