Zwänge und Spielräume der SED-Diktatur (Audio 1/6)

Podiumsdiskussion

Die Tagung „Repression, Opposition und Widerstand an den Hochschulen der SBZ / DDR“ der FU Berlin am 20.-21. Mai 2010 hat, am Beispiel des künftigen Präsidenten der Humboldt-Universität zu Berlin, Prof. Dr. Jan-Hendrik Olbertz, eine Debatte über Zwänge und Spielräume von Wissenschaftlern in der DDR ausgelöst. Nicht zum ersten Mal seit 1990 geht es um Fragen von Anpassung, Mitmachen, Distanz, Verweigerung und Formen widerständigen Verhaltens in der SED-Diktatur und damit um die Bewertung von Biographien im vereinigten Deutschland.

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Begrüßung Dr. Anna Kaminsky (05:43 min)

Es diskutierten: Jürgen Kaube, Frankfurter Allgemeine Zeitung 
Dr. Ilko-Sascha Kowalczuk, Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR, Berlin 
Prof. Dr. Jan-Hendrik Olbertz, künftiger Präsident der Humboldt-Universität zu Berlin 
Prof. Werner Röcke, Konzilsvorsitzender der Humboldt-Universität zu Berlin 
Prof. Richard Schröder, bis 2009 Professor an der Humboldt-Universität zu Berlin 
Moderation: Dr. Jens Hüttmann, Bundestiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur 



Veranstaltungsbericht von Andreas Stirn:

Zeitgeschichte ist „Geschichte, die noch qualmt“, lautet ein gerne und oft ver- wendetes Wort der amerikanischen Historikerin Barbara Tuchman. Anna Kaminsky, Geschäftsführerin der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, griff es auf, als sie am Abend des 10. Juni 2010 mehr als 200 Gäste zu einer mit Spannung erwarteten Diskussion in den Räumen der Stiftung an der Berliner Kronenstraße begrüßte. Auf dem Podium sollte es um die heiß umstrittene DDR- Vergangenheit des designierten Präsidenten der Humboldt-Universität Jan- Hendrik Olbertz und den gegen ihn erhobenen Vorwurf der allzu großen Systemnähe gehen.

In der Tat zeigte sich in den letzten Wochen wieder einmal, wie leicht entzündlich das Erbe der jüngsten (ost)deutschen Geschichte ist – und wie schwer es ist, den Qualm der medial angeheizten Reden und Gegenreden zu durchdringen. Ilko-Sascha Kowalczuk, Mitarbeiter der Birthler-Behörde, hatte am 21. Mai während einer Tagung des Forschungsverbundes SED-Staat an der Berliner Freien Universität den ostdeutschen Hochschulen ein generelles Versagen bei der Aufarbeitung ihrer DDR-Vergangenheit vorgeworfen und sich in seinem Urteil auf das Beispiel des designierten Präsidenten der Berliner Humboldt-Universität Jan- Hendrik Olbertz konzentriert. Diesem warf er neben Systemtreue und einem zu DDR-Zeiten dem Primat der Parteilichkeit untergeordnetes Wissenschaftsver- ständnis insbesondere vor, „sich nie selbstkritisch mit seinen Werken bis 1989 öffentlich auseinandergesetzt“ zu haben.

Rasch entspann sich eine heftige Kontroverse, Sekundanten sprangen sowohl Kowalczuk als auch Olbertz bei. Zwischentöne jedoch, so merkte Anna Kaminsky an, seien in dieser erbittert geführten Debatte bislang kaum zu hören gewesen. Wie schon im Streit um die Vorschläge der „Sabrow-Kommission“ vor vier Jahren, scheint es auch diesmal nur ein erbittertes Dafür und ein ebenso erbittertes Dagegen zu geben. Dabei könnte die Debatte durchaus Früchte tragen, da sie grundsätzliche Fragen nach der Funktionsweise der SED-Diktatur, den Handlungsspielräumen des Einzelnen innerhalb derselben und der Bewertung von Lebensleistungen vor und nach 1989 berühre, merkte Frau Kaminsky an. Wieder einmal zeige sich, wie weit die DDR von einer Historisierung entfernt sei, so Frau Kaminsky weiter.

Um unter dem Qualm der erbitterten Debatte eventuell doch noch das kalte Feuer der Erkenntnis freizulegen, hatte die Bundesstiftung Aufarbeitung kurzfristig den Kritisierten und zwei seiner schärfsten Kritiker zu einer öffentlichen Aussprache geladen. Als einer der Wortführer im Lager der Kritiker hatte neben Kowalczuk Richard Schröder, bis 2009 Theologieprofessor an der Universität, deren Präsident Olbertz werden soll, auf dem Podium Platz genommen. Unterstützung erhielt Olbertz von Jürgen Kaube, Ressortleiter bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, ebenso wie von Werner Röcke, Literaturprofessor an der Humboldt-Universität und Vorsitzender des dortigen Konzils, das Olbertz mit großer Mehrheit am 20. April zum neuen Präsidenten gewählt hatte. Nachdem dieser in die Kritik geraten war, hatte sich das Konzil hinter Olbertz gestellt und erklärt: "Wir sehen die wissenschaftliche, politische und persönliche Integrität von Prof. Olbertz durch die Vorwürfe in keiner Weise in Frage gestellt und freuen uns auf die Zusammenarbeit mit ihm." Diese Ansicht bekräftigte Röcke auf dem Podium der Bundesstiftung Aufarbeitung. In einer Art – offenbar im Auftrag des HU- Konzils abgegebenen – Ehrenerklärung lobte er Olbertz für dessen „Kompetenz, Dialogfähigkeit, Offenheit auch im Umgang mit anderen Ansichten“, nannte ihn gar einen „idealen Kandidaten“, da Olbertz mit seiner Person für das Zusammenwachsen von Ost und West stehe. Die Vorwürfe der Olbertz-Kritiker nannte er „undifferenziert, dualistisch, beinahe manichäisch“. Wo die Kritiker in Olbertzʹ akademischen Qualifikationsschriften nur SED-Propaganda entdeckt hätten, habe er – zumindest in der 1989 vorgelegten Dissertation B (Habilitation) – durchaus auch im Westen anschlussfähige Erkenntnisse gefunden. Diese Arbeit sei wissenschaftlich vollwertig und weiterhin gültig, so Röcke. Trotz einer „deklama- torischen Einleitung“ würde sie die Selbständigkeit der Studierenden betonen.

Dass er in dieser Hinsicht gänzlich anderer Meinung ist, machte Richard Schröder mehr als deutlich. Olbertzʹ Dissertationen seien „Parteigeschwafel“. Viel schlimmer aus seiner Sicht sei jedoch, dass Olbertz sich darin auf die leninsche Ethik berufe, mit der sich selbst Massenerschießungen rechtfertigen ließen. Über diese Art der Rechtfertigung jedweden politisch nützlichen Handelns habe er schon zu DDR-Zeiten entrüstet. Olbertz habe mit seinen akademischen Schriften die Ideologie reproduziert, an die er selbst nicht glaubte. Damit habe er diese Ideologie und das politische System der DDR gestützt.

Dem widersprach Jürgen Kaube. Olbertzʹ Dissertationen, die nur in Auflagen im zweistelligen Bereich vervielfältigt wurden und nicht an die Öffentlichkeit gelangten, seien ohne Wirkung geblieben. „Texte, die nicht gelesen werden, können nicht stabilisieren.“ Die Pädagogik der DDR sei im Wesentlichen politische Pseudowissenschaft und ohne größere Relevanz für den Systemerhalt gewesen, so Kaube, der die Selbsterhaltungskräfte des SED-Staates auf Mauer und Stacheldraht reduzierte und die alltägliche soziale Perpetuierungspraxis der Diktatur auszublenden schien. Auch im Westen habe es in den siebziger und achtziger Jahren Wissenschaftler gegeben, die schlechte Qualifikationsarbeiten ablieferten, in denen sie sich ebenfalls auf den Leninismus beriefen. Bei denen „würde man auch sagen: Neustart“, so Kaube weier. Das gleiche Recht auf einen verzeihlichen Irrtum müsse man auch Olbertz zugestehen.

Ilko-Sascha Kowalczuk wiederum erneuerte auf dem Podium seine Vorwürfe gegen Olbertz und rekurrierte dabei ebenso wie Richard Schröder auf die marxistisch-leninistische Grundhaltung, die Olbertzʹ Schriften zugrunde gelegen habe. Dieser habe in seinen Qualifikationsschriften „voll auf der Linie der SED“ gelegen und behauptet, dass wahre Wissenschaft nur im Sozialismus möglich sei. Kowalczuk ließ durchblicken, dass er in Olbertz den Prototypen eines Wendegewinners sieht, dem der mangelnde Aufarbeitungswillen der ostdeutschen Hochschulen den Karriereweg nach 1990 geglättet hat. Olbertz stehe mit seiner Person für die Kontinuitäten, die den Epochenwechsel von 1989/90 überdauert hätten. Der Erziehungswissenschaftler sei 1990 gerade deshalb in Halle zum Professor berufen worden, weil die dortigen alten Kader Alibi-Figuren gebraucht hät- ten, die weder für die Staatssicherheit gearbeitet noch Mitglied der SED gewesen seien. Einen klaren Bruch mit der DDR-Vergangenheit habe es an kaum einer ostdeutschen Hochschule gegeben, so Kowalczuk, der sich Anfang der neunziger Jahre als Student der Humboldt-Universität an der personellen Erneuerung der ehemaligen Ost-Berliner Kaderschmiede beteiligte. Wer wie Olbertz im Licht der Öffentlichkeit stehe und Verantwortung trage, müsse seine eigenen Brüche auch öffentlich thematisieren, forderte Kowalczuk.

Olbertz, der sich von Kowalczuk und Schröder ungerechtfertigt „an den Pranger“ gestellt sah, wehrte sich gegen den Vorwurf der übergroßen Systemtreue und suchte seine kritische, wenn auch niemals offensive Distanz zum SED-System mit Beispielen nachzuweisen, die freilich für die Zuhörer an diesem Abend unüberprüfbar blieben. Er erwähnte seine Weigerung, der SED beizutreten, führte Kritik an der Militarisierung der DDR-Gesellschaft und einen dann doch nicht gestellten Ausreiseantrag ins Feld. „Kein Mensch hat mich je als ideologischen Einpeitscher wahrgenommen“, versicherte Olbertz. Zugleich räumte er ein, dass ihm Vieles in seinen beiden Qualifikationsschriften heute „peinlich“ sei. „Wenn ich sie heute lese, kommen sie mir fremd vor.“ Er selbst sei weniger mutig als andere DDR- Bürger gewesen. Allerdings habe er seine Dissertationen nicht in der Absicht verfasst, das SED-System zu stützen, sondern um sich Freiräume für die Arbeit mit seinen Studierenden zu verschaffen. „Diese Arbeiten nach den Maßstäben einer freien Welt zu bewerten ist schlicht ahistorisch.“

Auf die Verteidigung folgte die Offensive. Olbertz, der anfangs sichtlich angespannt wirkte, gewann zusehends an Sicherheit und fragte den durchaus nicht wissenschaftlich-kühl agierenden Kowalczuk seinerseits, woher dieser die Legitimation nehme, eine „Kampagne“ gegen ihn zu inszenieren. Es sei unredlich, ihn auf eine Stufe mit jenen zu stellen, die ihn zu DDR-Zeiten wegen seiner fehlenden Parteimitgliedschaft in „arge Bedrängnis“ gebracht hätten. Dem BStU-Forscher attestierte er einen Eifer, der einer differenzierten Aufarbeitung abträglich sei. Erst seien die MfS-Zuträger in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt worden, dann die SED-Mitglieder und nun selbst die Parteilosen. „Wer soll denn am Ende noch übrigbleiben?“, fragte Olbertz.

Dem Theologen Richard Schröder warf Olbertz vor, sich noch vor Lektüre seiner Dissertationen ein Urteil gebildet zu haben. Schröder räumte ein, dass er vor seiner ersten Wortmeldung zur Debatte lediglich die Einschätzung Kowalczuks gekannt habe. Die schnelle Einmischung in die Debatte sei auch den Gesetzen des Medienmarktes geschuldet. Bei der nachholenden Lektüre hätte sich seine Einschätzung jedoch in allen Punkten bestätigt. Gegen Kowalczuks Vorwurf, er sei 1990 in Halle von Altkadern auf seinen Posten gehievt worden, verwahrte sich Olbertz ebenfalls. Die dortige Kommission, die von einem SED-kritischen Hochschullehrer geleitet worden sei, habe „nicht leichtfertig und fahrlässig“ gehandelt.

Auch wenn an diesem Abend nichts wesentlich Neues zu den aus den Medien bekannten Argumentationslinien hinzugekommen war und die Gräben zwischen den streitenden Parteien im Wechsel von Angriff und Verteidigung, Vorwurf und Gegenvorwurf nicht überwunden werden konnten, zeigte die Debatte zumindest eines – „dass sie offensichtlich notwendig ist“, so Ilko-Sascha Kowalczuk in seinem Schlusswort. Jan-Hendrik Olbertz konnte seinem Kontrahenten zumindest in diesem Punkt beipflichten: „Ich halte diese Debatte für notwendig, sonst wäre ich nicht hier“, sagte auch er. Ob die Debatte allerdings einen Erkenntnisgewinn über den Streit der beiden Protagonisten hinaus liefert, dürfte sich erst in den nächsten Wochen herausstellen. Dann, wenn sich hoffentlich verstärkt jene in die aufgeheizte Debatte einschalten, die über die persönliche und politische Distanz verfügen, die nötig erscheint, um trotz allen historischen Qualms zu einem klaren und ausgewogenen Urteil zu kommen.

 

 

 

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