"1:1?" 20 Jahre Währungsunion (Audio 1/6)

Podiumsgespräch

Die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR trat am 1. Juli 1990 aufgrund des Staatsvertrages vom 18. Mai 1990 in Kraft. Noch gegenwärtig sind die Bilder jenes Tages, die Tausende von Menschen vor Banken und Sparkassen zeigen, um ihr DDR-Geld in die ersehnte »West-Mark« zu tauschen. Viele Menschen in der DDR verbanden damit die Hoffnung auf eine schnelle Angleichung ihrer Lebensverhältnisse an Westdeutschland. Bereits im Vorfeld hatten Fachleute vor einem unrealistischen Umtauschkurs der DDR-Währung und den Folgen gewarnt. Kaum jemand dachte in der Euphorie jener Tage an die wirtschaftlichen Probleme, die die zerrüttete DDR-Planwirtschaft in das vereinigte Deutschland einbringen würde. Welche Hoffnungen und Erwartungen setzten die Menschen in diesen Neuanfang? Welche Visionen wurden realisiert? Welche Rolle spielte die Treuhand bei der Privatisierung der verstaatlichten Betriebe und Kombinate? Über diese und weitere Fragen diskutierte das Podium zum 20. Jahrestag der Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion.

"1:1?" 20 Jahre Währungsunion (Audio 1/6)The player will show in this paragraph


Begrüßung Dr. Anna Kaminsky (05:22 min)

 

Die Friedliche Revolution von 1989 beseitigte nicht nur die Alleinherrschaft der SED und öffnete den Weg zur Deutschen Einheit, sondern führte zugleich zu einer ökono- mischen Revolution im Osten Deutschlands. Der staatlichen Einheit ging die Anglei- chung des Währungs, Wirtschafts- und Sozialsystems der DDR an das der Bundesrepu- blik voraus. Ab dem 1. Juli 1990, gerade einmal sechs Monate nachdem die SED zum Verzicht auf ihren verfassungsmäßigen Führungsanspruch gezwungen worden war, wurde die D-Mark als offizielles Zahlungsmittel in der DDR eingeführt. Mit der „har- ten“ Mark, die seit Jahrzehnten als Parallelwährung auch jenseits der Mauer im Umlauf war, konnten die DDR-Bürger nun auch in Gera und Neubrandenburg die begehrten West-Waren erstehen.

Am 24. Juni 2010 hatte die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur vier Ex- perten aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft geladen, die aus persönlichem Erleben und wissenschaftlicher Distanz zu einem durchaus zwiespältigen Urteil über die Erfolge und Misserfolge des finanziellen und ökonomischen Umbruchs in der DDR kamen: Bernd-Richard Meyer (Unternehmer), Karl-Heinz Paqué (Wirtschaftswissenschaftler), Thilo Sarrazin (Deutsche Bank) und Ursula Weidenfeld (Wirtschaftsjournalistin).

„Kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht, gehen wir“ hatten die Demonst- ranten bald nach dem Mauerfall gerufen, erinnerte Dr. Anna Kaminsky, die Geschäfts- führerin der Bundesstiftung Aufarbeitung, in ihrer Begrüßungsrede. Damit hatte das Volk auf der Straße die Forderung nach einer Angleichung der Lebensverhältnisse an diejenigen der Bundesrepublik erhoben und zugleich eine Drohung ausgesprochen – die Drohung, die DDR zu verlassen, wenn diese Angleichung nicht schnell vollzogen wür- de. Mit der Einführung der D-Mark einher ging der radikale Umbau des ostdeutschen Wirtschaftssystem, so Kaminsky weiter. Die Hoffnungen auf „blühende Landschaften“ zerschlugen sich schnell, die Treuhandanstalt erschien manchen als übereifriger Toten- gräber der Planwirtschaft, der zerschlug, was vielleicht noch zu retten gewesen wäre. Anna Kaminsky erinnerte auch an das Wort Lothar de Maizières: Es seien in der DDR vor 1990 zwar etliche Bücher verfasst worden, die den Übergang von der Markt- zur Planwirtschaft beschrieben, aber keines, das als Anleitung für den umgekehrten Weg zu gebrauchen gewesen wäre.

Die Diskussion, die von Marie Sagenschneider (Deutschlandradio Kultur) moderiert wurde, lief schnell auf zwei Kernfragen zu: Musste die Angleichung des ostdeutschen Wirtschaftssystems an das westliche Modell so vollzogen werden, wie sie vollzogen wurde? Und war die Einführung der Marktwirtschaft eine Erfolgsgeschichte oder nicht? Thilo Sarrazin, heute Vorstandsmitglied der Deutschen Bank, damals unter Horst Köhler im Bundesfinanzministerium maßgeblich an der Vorbereitung der Währungsunion beteiligt, erklärte ebenso wie Karl-Heinz Paqué, Wirtschaftswissenschaftler und bis 2006 Finanzminister von Sachsen-Anhalt, dass es keinerlei Alternative zum schnellen und ra- dikalen Umbau der DDR-Wirtschaft gegeben habe. Sarrazin, der seine gedankliche Ur- heberschaft für die bundesdeutsche Strategie der Währungs-, Wirtschafts- und Sozial- union reklamierte, beschrieb, dass die Bundesregierung zum raschen Handeln gezwun- gen gewesen sei. Andernfalls wären zehntausende Ostdeutsche in die Bundesrepublik abgewandert und hätten die dortigen Sozialsysteme an die Grenzen ihrer Belastbarkeit geführt. Dass viele Ostdeutsche sich dann vom Tempo der Entwicklung und des wirt- schaftlichen Umbaus überrollt gefühlt hätten, sei unvermeidlich gewesen. Ebenso un- vermeidlich – allerdings aus politischen, nicht aus ökonomischen Beweggründen – sei der Umtauschkurs von 1:1 gewesen. Den Einwand der Wirtschaftsjournalistin Ursula Weidenfeld, die 1989 mit einer Dissertation über die Einführung der Marktwirtschaft in der frühen Bundesrepublik promoviert wurde, dass dieser Wechselkurs zum Zusam- menbruch der DDR-Wirtschaft beigetragen habe, mochte Sarrazin nicht gelten lassen. „Die DDR-Wirtschaft wäre bei jedem Wechselkurs zusammengebrochen“ erklärte der Finanzexperte. Die Maschinen in vielen Betrieben seien nur noch „Edelschrott“ gewe- sen. Viele ostdeutsche Produkte wären auch bei einem Wechselkurs von 1:3 nicht mehr konkurrenzfähig gewesen. Als dann noch die Absatzmärkte im RGW wegbrachen nachdem für die DDR-Produkte nun in Devisen gezahlt werden sollte, „war die Messe gesungen“, konstatierte Sarrazin. Die „fast komplette Deindustrialisierung“ der DDR, stimmte Karl-Heinz Paqué zu, sei aufgrund des technologischen Rückstands und der mangelnden Innovationsfähigkeit der Betriebe unvermeidbar gewesen. Jedes für die DDR-Bürger ungünstigere Umtauschverhältnis hätte zudem wiederum dazu geführt, dass die Ostdeutschen ihre Heimat verlassen hätten und in den ökonomisch attraktive- ren Westen gezogen wären, so Sarrazin weiter. „Alles, was laufen konnte, wäre in den Westen gegangen“, erklärte der ehemalige Berliner Finanzsenator. Auch die instabile po- litische Lage in der Sowjetunion zu einem Zeitpunkt, an dem die 2+4-Gespräche noch nicht zum Abschluss gebracht worden waren, ließ die Eile geboten scheinen.

Dem entgegen hielt Ursula Weidenfeld, dass die West-Wanderung der Ostdeutschen bis heute nicht gestoppt werden konnte. Zwei Millionen Menschen seien nach 1990 in den Westen gegangen; Subventionen in Höhe von 1,6 Billonen Euro hätten nur an wenigen Wachstumsstandorten einen überschaubaren Belebungseffekt erzeugen können. Kein einziges Großunternehmen habe seine Firmenzentrale nach Ostdeutschland verlegt. „Insgesamt kann man das nicht als Erfolg bezeichnen“, so Weidenfeld weiter. Sie er- kenne zwar im Rückblick die Handlungszwänge, die 1990 das wirtschafts- und finanz- politische Handeln bestimmten, dennoch hätten die Verantwortlichen mehr Sorgfalt bei der Überleitung der maroden Plan- in die Marktwirtschaft walten lassen sollen. Die Bundesregierung habe keine realistischen Konzepte gehabt, 1990 seien zu viele Men- schen „besoffen vor Glück gewesen“ und hätten die Kosten des Einigungsprozesses nicht sehen wollen. Dieser Einschätzung stimmten Sarrazin und Paqué durchaus mit ei- nigen Abstrichen zu. Die absehbaren harten Einschnitte im ostdeutschen Wirtschafts- system seien 1990 auch aus psychologischen Gründen verschwiegen worden, so Paqué. Und auch Thilo Sarrazin sah die steigende Arbeitslosigkeit und den riesigen Investitionsbedarf voraus. Aber all diese negativen Begleiterscheinungen seien unvermeidbar gewesen. Lediglich zwei Dinge würde er heute anders machen, so Sarrazin selbstkritisch: Zum einen hätte er nach der Währungsunion einen einjährigen Lohnstopp im Osten durchgesetzt, um die Produktionskosten gering zu halten, zum anderen hätte er die Res- titutionsregelungen, die sich bald als „Investitionsbremse“ erwiesen hätten, anders ges- taltet. „Es passierten im Detail extrem viele Fehler“, räumte Sarrazin ein, insgesamt aber sei die Entwicklung „alternativlos“ gewesen.

Bernd-Richard Meyer, Geschäftsführer und Mitinhaber des mittelständischen Konser- venherstellers Jütro GmbH aus dem brandenburgischen Jüterbog, mochte der These von der alternativlosen Rosskur für die ostdeutsche Wirtschaft ebenso wie Ursula Wei- denfeld nicht zustimmen. Meyer, der im April 1990 seinen 1972 Jahre verstaatlichten Betrieb reprivatisierte, erklärte, dass nicht zuletzt das fehlende Interesse der bundesdeut- schen Wirtschaft an der Stärkung der ostdeutschen Wirtschaft zu deren Zusammen- bruch beigetragen habe. Der Westen habe den Osten auch in ökonomischer Hinsicht bevormundet. Die Währungsunion – Meyer zufolge eine „Notgeburt“ – sei so schnell gekommen, dass kaum Vorbereitungszeit blieb. Dennoch habe er es im Gegensatz zu vielen anderen Betrieben geschafft, die Währungsumstellung ohne gravierende Umsatz- einbrüche zu überstehen. Bald belieferte Jütro die westdeutschen Handelsketten Spar und Tengelmann. Wohl auch seinem Idealismus verdankte der tatkräftige Meyer seinen Erfolg in der Marktwirtschaft. „Für mich war das Wichtigste, dass an meinem Unter- nehmen nicht mehr VEB, sondern Meyer dransteht.“

Thilo Sarrazin stimmte Meyers Urteil über die aggressive Expansion bundesdeutscher Unternehmen auf den ostdeutschen Markt zu. „Marktwirtschaft ist nicht nett. Das ist ein Rattenrennen.“ Und auch für die Machtverhältnisse zwischen Ost und West im Jahr 1990 fand Sarrazin klare Worte: „Sie haben Recht, es war ein Anschluss.“ Allerdings müsse, wer heute die negativen Begleitumstände der Währungs- und Wirtschaftsunion als Beleg für deren teilweises Scheitern ins Feld führe, einmal den Blick nach Osten len- ken. Verglichen mit Polen oder Tschechien stehe die ostdeutsche Wirtschaft heute durchaus solide da. Noch heute, pflichtete Karl-Heinz Paqué bei, sei die Arbeitsproduk- tivität in diesen ehemaligen RGW-Staaten deutlich geringer als in Ostdeutschland. Die ostdeutsche Wirtschaft sei zwar klein, so Sarrazin, wachse aber schneller als die west- deutsche. Am Standort Bitterfeld – einst Synonym für die ökonomische und ökologi- sche Katastrophe in der DDR – haben sich mittlerweile zukunftsweisende Branchen wie die Solarindustrie angesiedelt.

Während Sarrazin und Paqué die Alternativlosigkeit der Entwicklung betonten und zu einem insgesamt positiven Urteil über die langfristigen Folgen des Wirtschaftsumbaus in der (ehemaligen) DDR und des Wirkens der Treuhandanstalt kamen, bezweifelten Ursu- la Weidenfeld und Bernd-Richard Meyer die Zwangsläufigkeit des historischen Prozes- ses und beurteilten die Erfolge des ökonomischen Wandels weitaus zurückhaltender. Das Urteil blieb gespalten – am Ende stand es auch auf dem Podium 1:1.

Veranstaltungsbericht von Andreas Stirn

 

Zurück Zurück

Partner:
 

Bundesstiftung AufarbeitungDie Bundesbeauftragte für die Unterlagen deStaatssicherheitsdienstes der ehemaligen DeutschenDemokratischen RepublikFreistaat Sachsen

 

Weitere Kooperationen:
 

Zentrum für zeithistorische Forschung PotsdamHumanities, Sozial- und Kulturgeschichte