Sportverräter (Audio 1/6)

Podiumsgespräch

Immer wieder flohen als sozialistische Vorzeigepersönlichkeiten gefeierte Leistungssportler unter gefährlichen Umständen aus der DDR. Zum Teil wurden sie hierbei von bundesdeutschen Sportlern tatkräftig unterstützt – ein vergessenes Kapitel der deutsch-deutschen Geschichte. Nach einem Vortrag von Dr. Jutta Braun erinnern sich die beiden ehemaligen Turner Eberhard Gienger und Wolfgang Thüne an ihre gemeinsame Fluchtgeschichte. Moderiert von Robert Ide schildert der Skisprung-Olympiasieger Hans Georg Aschenbach mit welchen Repressionen der SED-Staat auf derartige Fälle von »Verrat« reagierte.

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Begrüßung Dr. Anna Kaminsky (10:43 min)

Am 13. August 2010 jährt sich der Tag des Mauerbaus zum 49. Mal. Aus diesem Anlass erinnerte die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur gemeinsam mit dem Zentrum deutsche Sportgeschichte Berlin-Brandenburg e.V. an ein fast vergessenes Kapitel der deutsch-deutschen Teilungsgeschichte: Die Flucht ostdeutscher Athleten in den „Westen“ unter Mithilfe ihrer westdeutschen Sportkollegen. In ihrer Begrüßung rief die Geschäftsführerin der Bundesstiftung, Dr. Anna Kaminsky, die Folgen der innerdeutschen Fluchtbewegung ins Gedächtnis. Über drei Millionen Menschen verließen die DDR zwischen 1949 und 1989, oftmals illegal und unter gefährlichen Umständen. Zehntausende gescheiterte Fluchten endeten im Gefängnis, ca. 1.000 Menschen bezahlten für ihren Drang nach Freiheit an der innerdeutschen Grenze mit ihrem Leben.

Die Flucht von Leistungssportlern aber habe das SED-Regime ganz besonders geschmerzt, so Kaminsky, da man mit den „Diplomaten in Trainingsanzügen“ das „Ansehen der DDR in der Welt aufbessern“ wollte. In der Folge wurden die „Abtrünnigen“ von der SED-Propaganda denn auch als Verräter und Lügner gebrandmarkt.

Einen Überblick über die oftmals spektakulären Fluchten ostdeutscher Athleten und ihre Folgen gab die Historikerin Dr. Jutta Braun vom Potsdamer Zentrum deutsche Sportgeschichte in ihrem Vortrag „Vom Helden zum Verräter“. 600 geflüchtete Sportler zählte das MfS, die Dunkelziffer dürfte nach Einschätzung Brauns höher liegen. Während in den fünfziger Jahren ganze Mannschaften die DDR verließen (so der Fußballklub SC Union Oberschöneweide, der sich in West-Berlin als SC Union 06 neu gründete), waren Fluchten nach dem Mauerbau Einzelaktionen. Der Schwimmer Axel Mitbauer beispielsweise durchschwamm 1969 die Ostsee bis zur Lübecker Bucht, um sich der Enge des SED-Staates zu entziehen. Die DDR-Organe reagierten mit Verleumdungskampagnen gegen die „Sportverräter“, aber auch mit einer Verfeinerung ihres Repressions- und Überwachungsapparates gegenüber den im Lande gebliebenen Kollegen. Nicht selten versuchte das MfS, die abtrünnigen Sportler „rückzuführen“, indem sie Druck auf die Familien ausübten. Im Falle der Leichtathletin Karin Balzer, die 1958 nach Ludwigshafen geflüchtet war, zeitigten die Sicherheitsorgane damit Erfolg. Wer im Westen blieb, „wurde konsequent aus der Erinnerung getilgt“, erklärte Braun. So wurden die ehemaligen Leistungsträger aus Rekordlisten gestrichen, ihre Porträts aus Mannschaftsfotos retuschiert.

Die sich anschließende Podiumsdiskussion ergänzte den wissenschaftlichen Vortrag um die menschliche Dimension der Fluchtgeschichte. Der ehemalige DDR-Leistungssportler und Geräteturner Wolfgang Thüne schilderte, wie er sich 1975 mit Hilfe seines westdeutschen Kollegen Eberhard Gienger in die Bundesrepublik abgesetzt hatte. Gemeinsam mit dem Skisprung-Olympiasieger und Sportarzt Hans-Georg Aschenbach, der 1988 die DDR verließ, saßen die beiden ehemaligen Athleten auf dem Podium, um über Motivationen und die Konsequenzen der Flucht zu sprechen. Der Sportexperte Robert Ide, Ressortleiter beim Berliner Tagesspiegel, moderierte das sehr persönliche Zeitzeugengespräch.

Der wachsende Leistungsdruck sei es gewesen, der ihn zu dem Entschluss geführt habe, bei der Europameisterschaft 1975 in Bern nicht wieder in die DDR zurück zu kehren, erinnerte sich Wolfgang Thüne. Obwohl als Leistungssportler privilegiert und gut versorgt, wollte sich der Reckturner nicht zu immer gewagteren Übungen überreden lassen, um dem „Klassenfeind“ bei Wettkämpfen die sportliche Überlegenheit vorzuführen. „Lieber ein Leben in Armut, als sich für die DDR das Genick zu brechen“, fasste Thüne seine Entscheidung zusammen. So habe er in Bern ein konspiratives Treffen mit seinem sportlichen Konkurrenten aus der Bundesrepublik, Eberhard Gienger, arrangiert, um mit ihm die Flucht nach Westdeutschland zu besprechen. Gienger, ehemaliger Reckweltmeister und heute Mitglied des Deutschen Bundestages, erinnerte sich, dem Wunsch Thünes sofort zugestimmt und den Kollegen im eigenen Wagen über die Schweizer Grenze nach Baden-Württemberg gefahren zu haben. Entgegen anderslautender Medienberichte nach 1990, die die Fahrt der Athleten zu einer abenteuerlichen Verfolgungsjagd stilisierten, sei alles recht unspektakulär verlaufen, so Gienger im Rückblick: „Es war nichts Besonderes, bis auf den Herzschlag, den wir vor der Grenze hatten.“ Die Grenzbeamten hätten jedoch keinen Verdacht geschöpft und den Wagen passieren lassen. Anschließend kehrte der westdeutsche Turner zum Abschlussbankett in Bern zurück, um keinen Verdacht zu erregen. Bis 1990 hielten die beiden Sportler und ihre wenigen „Mitwisser“ die Beteiligung Giengers an der Flucht geheim, um seine Karriere nicht zu beschädigen und ihn vor möglichen Racheaktionen der Staatssicherheit zu schützen. Thünes Bedenken, in der Bundesrepublik nicht mehr als Leistungssportler erfolgreich sein zu können, erwiesen sich als nichtig: Beim Verein Bayer 04 Leverkusen wurde er 1977 Deutscher Meister im Mehrkampf, nach seiner aktiven Karriere blieb er dem Verein als Trainer erhalten.

Das SED-Regime reagierte auf die Flucht des Turners mit massiven Einschränkungen für die Leistungssportler der DDR, indem sie ihnen z.B. bei Aufenthalten in der Bundesrepublik die Personaldokumente entzog. Dennoch gelang dem ehemaligen Ski-Springer Hans-Georg Aschenbach, der nach dem Ende seiner Karriere 1976 als Sportarzt bei der Nationalen Volksarmee arbeitete, die Flucht bei einem Wettkampfaufenthalt in Hinterzarten 1988. Eine maßgebliche Motivation für diese Entscheidung sei die Forderung der Sportfunktionäre gewesen, Dopingpläne sogar für minderjährige Sportschüler zu erstellen, so Aschenbach. Bald nach seiner Flucht machte er das brisante Thema in der Bundesrepublik öffentlich. Es ist wenig erstaunlich, dass die Propaganda-Maschinerie der DDR nach diesen Enthüllungen auf Hochtouren lief. In einem Artikel des SED-Organs „Neues Deutschland“ wurde Aschenbach als „Sportverräter“ bezeichnet; ehemalige Kollegen wie der Skispringer Jens Weißflog oder die Schwimmerin Kristin Otto nahmen öffentlich Stellung gegen den Mediziner. Doch das SED-Regime setzte auch an der emotionalen „Schwachstelle“ Familie an, um den Mediziner unter Druck zu setzen. Bei Telefonaten in die Heimat, so erinnerte sich Aschenbach, habe man erzählt, dass sich seine in der DDR gebliebene Ehefrau mit Selbstmordabsichten trage, die Kinder wohl ins Heim kommen würden. Westdeutsche Kollegen hätten ihm jedoch versichern können, dass diese Informationen vom MfS lanciert seien und nicht der Wahrheit entsprächen. Aschenbach holte seine Familie wenig später in den Schwarzwald nach, wo er bis heute als niedergelassener Arzt praktiziert. Seine Familie, vor allem seine Kinder, hätten ihm seine Flucht nie verziehen, bekannte Aschenbach. Dies sei ein Teil seiner Biographie, „mit dem ich auch leben muss.“

Über ähnliche persönliche Konsequenzen sprach auch Thüne erstaunlich offen. Wie in Aschenbachs Fall stand seine Ehe kurz vor dem Aus, was ihm die Flucht in den Westen zwar emotional erleichterte. Doch auch seine zweijährige Tochter blieb in der DDR zurück. Erst vierzehn Jahre später, 1989, sah er sie wieder. Sie habe seine Entscheidung verstehen können, sagte Thüne, und auch seine Eltern hätten Verständnis für die Flucht gehabt. Anders die ehemaligen Sportkollegen. Selbst nach der Wiedervereinigung habe es „keine Annäherung“ an die alten Mitstreiter gegeben, so Thüne und auch Aschenbach stellte fest: „Es ist noch ein unüberbrückbares System zwischen uns.“

Die Fragen aus dem Publikum, die sich der Diskussion anschlossen, drehten sich vor allem um Details zur Fluchtgeschichte der beiden Turner. Welche Motivation hatte Eberhard Gienger, dem ostdeutschen Kollegen bei der gewagten Aktion behilflich zu sein, zumal er sich der Gefahr aussetzte, ins Visier der Stasi zu geraten? Man habe sich gekannt und gegenseitigen Respekt voreinander gehabt, sagte Gienger und so sei für ihn klar gewesen: „Da war jemand, der brauchte Hilfe, und ich habe sie ihm gegeben.“ Die persönlichen Folgen der Flucht, der Verlust von Familie und Freunden, beschäftigten das Publikum ebenfalls. Ob es all das wert gewesen sei, der DDR den Rücken zu kehren, lautete daher eine weitere Wortmeldung. Vom egoistischen Standpunkt, so bekannte Hans-Georg Aschenbach, war es das für ihn wert, auch wenn die Familie bis heute darunter leide. Und Wolfgang Thüne fasste für sich persönlich zusammen, was wohl als Bilanz für hunderttausende Menschen gelten kann, die sich für ein Leben in Freiheit entschieden: „Ich habe es keine einzige Sekunde lang bereut, die DDR zu verlassen.“

Veranstaltungsbericht von Juliane Schütterle, Berlin

Videomitschnitte der Veranstaltung können Sie unter www.stiftung-aufarbeitung.de/termine/va040810.php ansehen

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