Freya Klier-Eine Jugend in der DDR

Schülerveranstaltung

Freya Klier war in der Kieler Gelehrtenschule zu Besuch, um den SchülerInnen ihre persönlichen Erlebnisse und Erfahrungen aus der DDR zu schildern.

Freya Klier-Eine Jugend in der DDR


Freya Klier begann ihren Vortrag mit einer kurzen Schilderung der allgemeinen Situation um 1950 und sagte, dass Sie innerhalb Ihres folgenden Vortrags einen Bogen über die Jahre von 1950-1989 spannen wird. 

In den Anfangsjahren der Teilung von Ost- und Westdeutschland, besonders in den 50er Jahren, gab es eine enorme Fluchtbewegung in den Westen Deutschlands. Dies begründete Freya Klier unter anderem damit, dass die demokratischen Verhältnisse zu wünschen übrig ließen: Es gab beispielsweise keine freien Wahlen, sondern es wurden Funktionäre eingesetzt, die das gewollte Ergebnis für die SED veranlassten. Außerdem durfte man, wenn man in irgendeiner Weise seine Meinung offen gegen die Partei äußerte nicht mehr auf einem Gymnasium sein Abitur machen. 

Die Referentin machte mit drei Jahren (1953) zum ersten Mal die Bekanntschaft mit der Staatsmacht. Sie schilderte einen Vorfall, bei dem ihr Vater unverschuldet festgenommen und angeklagt worden war. Ebenso ihre Mutter, die jedoch nicht verurteilt, aber als mitschuldig benannt wurde und in ein „Arbeitslager“ kam. Kliers Vater wurde verurteilt, weil er sich laut Anklage (für die es keine Zeugen gab und für die Verhandlung auch keinen neutralen Anwalt) an der Staatsmacht (einem Polizisten) verging. Hier zeigte sich ganz deutlich, dass auch die Polizei nicht frei gewählt worden war, sondern unantastbar, gleichgeschaltet.

Als Folge der Verhaftungen ihrer Eltern kam Freya Klier zusammen mit ihrem Bruder in ein Kinderheim. Dort erfuhr sie eine „staatsmäßige Erziehung“ und wurde schon als Vorschülerin dazu angehalten sich über die Taten Ihrer Eltern Gedanken zu machen und zu versprechen es erstens besser zu machen und im Sinne der Partei zu handeln und zweitens es über besondere Leistungen (Schuhe putzen, abends im Schlafsaal nicht reden etc.) das „Vergehen“ der Eltern wieder gut zu machen. Dabei wurden Zettel mit „Wiedergutmachungsversprechen“ an einen Stalinkopf im Kinderheim geheftet. Stalin wurde nämlich mit Frieden und Fortschritt verbunden. Sahen das die Eltern der Kinder nicht so, mussten diese mit dem Gesicht zur Wand stehen und darüber nachdenken, warum die Eltern es nicht wahrhaben wollten, dass Stalin für alles Gute im Lande steht jetzt und in Zukunft. 

Bis 1961 sind ca. 2,6 Millionen Menschen aus der DDR geflohen so Freya Klier. Im Laufe der 60er Jahre wurde auch zunehmend in die Erziehung der Kinder eingegriffen, um aus ihnen rechtschaffende und korrekte Staatsangehörige zu machen. So gab es beispielsweise Taschenkontrollen in den Schulen, bei denen geprüft wurde, ob die Kinder in irgendeiner Weise Materialien aus dem Westen bei sich hatten. Westliche Musik, Kleidung und Schriften waren nämlich verboten. Ende der 60er Jahre erwischte man ihren Bruder, als er Musiktexte der Stones mit Freunden tauschte. Er wurde ohne das heutzutage bekannte und gängige Gerichtsverfahren zu vier Jahren Haft verurteilt. Das Urteil wurde weder schriftlich festgehalten noch konnte man es in irgendeiner Weise anfechten. Von diesem Zeitpunkt, so Freya Klier, wollte sie nur noch raus aus der DDR. Die Frage war nur wie. 

Zu dieser Zeit fand ein Treffen ihres Theaterzirkels mit einer Gruppe von Theaterschauspielern aus Schweden statt. Klier gelang es, trotz das die Gruppe ständig unter Stasi-Beobachtung stand auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Sie besorgte ein Passfoto und einer der Schweden versprach ihr sie da raus zu holen, um wenigstens einen zu retten. Nach langer Zeit, Klier dachte schon der Schwede hätte sein Versprechen vergessen, erhielt sie einen anonymen Brief mit einem gefälschten Pass und genauen Anweisungen, wie sie wann wo sein sollte, um aus der DDR fliehen zu können. Es war alles organisiert: Sie sollte mit einem schwedischen Frachter, getarnt als Küchengehilfin, fliehen. Die Referentin begann schwedisch zu lernen, besorgte sich DDR untypische Kleidung und übte vor dem Spiegel „westlich“ rüberzukommen. Am Tag der Flucht klappte die Kontrolle am Hafen reibungslos und sie versteckte sich zunächst in einem Raum innerhalb des Schiffs (ohne Fenster nach draußen). Während sie wartete, bekam sie nicht mit, dass zwei Matrosen unwissendlich über ihre Anwesendheit auf dem Schiff mit zwei Beamten der Stasi sprachen (das gesamte Hafenpersonal gehörten der Stasi an und wurden strikt dazu aufgefordert Fluchtversuche über ausländische Schiffe aufzudecken). Kurz darauf kamen Polizisten und verhafteten sie. Klier wurde verurteilt (Republikflucht) und kam ins Gefängnis. Nur der damaligen Leiterin der Schauspielschule die Freya Klier besuchte hatte sie es zu verdanken, dass sie erstens frühzeitig aus der Haft entlassen wurde und zweitens ihr Studium wieder auf nehmen durfte. 

Anfang der 80er war Freya Klier Mitbegründerin der DDR-Friedensbewegung. Mitte der 80er bekam Klier Berufsverbot, da sie und ihr Mann Stephan Krawczyk mit ihren Stücken und ihrer Musik nicht den Willen der Partei vertraten. Sie konnten von da nur noch in Kirchen auftreten und unter ständiger Beobachtung von Stasi-Beamten. Die Verfolgung und Missbilligung führte soweit, dass man einen Mordanschlag auf beide verübte. Als dieser Misslang und ihr Mann erneut verhaftet wurde, als die Stasi herausfand, dass er mit einem Banner im Westfernsehen auf die Situation der Bürger im Osten aufmerksam machen wollte, folgten Hausdurchsuchungen und schließlich die unfreiwillige Ausbürgerung 1988. 

Einer der Schüler fragte, warum so viele Menschen im Osten die Linkspartei wählen würden, wenn Sie doch wissen, was die alles getan haben. Freya Klier antwortet darauf, dass von der ganzen Bevölkerung die wählen dürften ca. 15% die Linken wählen würden und das ca. der Zahl derjenigen entspreche, die von dem alten Führungseliten und Sympathisanten der DDR übrig sind. Ein anderer wollte wissen, ob noch Kontakt zu dem Schweden bestehen würde, der ihr damals den Pass besorgt hat. Die Referentin antwortete, dass er heute in London Journalist sei und sie sich auch schon öfters besucht hätten. Eine solche Situation, wie die es damals war und der Versuch ihr zu helfen, würde sie verbinden und sie seien heute befreundet. Abschließend wies Freya Klier noch klar darauf hin, dass es auf die Generation der Schüler heute ankommt, Diktaturen und das damit verbundene Leid in Zukunft abzuschaffen und gar nicht mehr entstehen zu lassen.

 

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