Gesprächsreihe "Wir sind das Volk!"

Montagsgespräch im Museum mit Hans-Jürgen Sievers

"Ihr müsst so reden, dass Ihr es immer und überall vertreten könnt!" Dieser Ratschlag, den Hans-Jürgen Sievers, der sechzehnte Gast der Montagsgespräche, als Jugendlicher vom Jugendwart seiner Gemeinde erhielt, sollte der Pfarrer i.R. sein Leben lang beherzigen und letztlich sein Engagement in der Leipziger Opposition schon vor 1989 im Rückblick als reine Selbstverständlichkeit begreifen.

Gesprächsreihe "Wir sind das Volk!"


Fast zwei Stunden stand Hans-Jürgen Sievers den Moderatoren Tobias Hollitzer und Reinhard Bohse sowie dem Publikum für Fragen zur Verfügung und ließ es bei seinen Erzählungen an Humor nicht fehlen.

Hans-Jürgen Sievers wurde 1943 in der Stadt Brandenburg geboren, er sei aber kein "waschechter Brandenburger", sein Vater war Kaufmann in Hamburg gewesen, seine Mutter stamme jedoch von dort. Sievers gehörte zu der Kriegsgeneration, die vaterlos und in sehr bescheidenen Verhältnissen aufwuchs. Zu seinen frühesten Kindheitserinnerungen gehörten sowjetische Panzer im Ort. Er ging in Brandenburg zur Schule und wurde dort auch konfirmiert. Als Schüler erlebte er auch den 17. Juni 1953, von dem man vor allem über das "Flüstern der Erwachsenen" von Unterdrückung und Verhaftungen einiges mitbekommen habe. Zur angesetzten Schulstunde sei außerdem der Lehrer damals einfach nicht erschienen, woraufhin die Klasse beschloss, jetzt auch Revolution zu machen und das Stalin-Bild von der Wand zu nehmen. Der Mut währte jedoch nicht lange, so dass das Bild des sowjetischen Diktators am Ende der Stunde wieder an seinem Platz hing.

In die FDJ, die Freie Deutsche Jugend, sei Sievers nie eingetreten sondern habe sich in Brandenburg der Jungen Gemeinde angeschlossen, aus deren Reihen viele später Theologie studiert hätten. So auch Sievers, der nach einer Lehre als Mechaniker 1962 ein Studium mit Berufsausbildung zur Theologie in Ost-Berlin. Die Mauer dort habe er als etwas Schlimmes empfunden, die politische Lage sei deshalb für ihn immer ein wichtiges Thema gewesen. Als in den 1960er Jahren das Schlagwort der "Kirche im Sozialismus" aufkam, hat er dieses Anliegen sehr unterstützt, weil es wichtig gewesen sein auch in einem sozialistischen Land eine Kirche aufzubauen und zu erhalten.

1965/66 kam Sievers für den Beginn seiner Vikariatszeit zum ersten Mal länger nach Leipzig und hatte keinerlei Probleme sich einzufügen. Nach weiteren Jahren als Vikar, dann als Pfarrer auf dem Land hat er schließlich 1974 eine Stelle in der Reformierten Gemeinde angenommen. Diese erste Zeit sei für Ihn spannend und fordernd gewesen. Die Reformierten begriffen sich eher als liberale Gemeinde "im Gegensatz zu den Evangelischen", wie Sievers betonte. Außerdem war die Kirche besonders für Jugendliche attraktiv, so dass auch das Jugendpfarramt dort Jugendgottesdienste abhielt.

Sievers Engagement blieb auch in der Zeit ein politisches. Er beschäftigte sich intensiv mit Martin Luther King und der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Er versuchte aber vor allem, Freiräume für seine Gemeinde zu erkämpfen und etwa Jugendlichen den Rücken zu stärken, denen die Zulassung zur EOS und damit zum Abitur verwehrt wurde, weil sie sich in der Kirche statt bei den Jung-Pionieren oder der FDJ engagierten. Sievers öffnete seit dem Ende der 1980er immer öfter seine Kirche für Aktionen der politischen Opposition und handelte sich damit nicht selten Schwierigkeiten mit der Stadt und den Behörden ein. Öfter musste er der Abteilung Kirche bei der Stadt Leipzig Rede und Antwort stehen, er habe sich jedoch nie drohen lassen, so Sievers heute, "trotz manch weicher Knie". So sei etwa am 28.02.1988 eine Versteigerung von Bildern von 95 verschiedenen Künstlern in der Reformierten Kirche zustande gekommen, deren Erlös für die Anwaltskosten der Inhaftierten der Luxemburg-Liebknecht-Demo gedacht war. Obwohl die Inhaftierten zu diesem Zeitpunkt bereits nach Westdeutschland abgeschoben worden waren, gestaltete sich die Versteigerung sehr erfolgreich.

Wie Sievers die Zeit bis zum Sommer 1989 erlebt habe, lautete eine Frage der Moderatoren. Es seien zunächst immer mehr Jugendgruppen aus St. Nikolai in die Reformierte Kirche gekommen, weil sie hier mehr Freiheiten gehabt hätten, so Sievers. Allgemein war die Zeit vom Gefühl geprägt, dass alles zusammen bricht. Ihre eigene Stagnation habe wohl auch die SED bemerkt. Die Losungen der Partei seien in dem Jahr vom Motto "vorwärts" zu "Wir wollen bewahren, was wir geschaffen haben" geworden, was Sievers schon sehr verblüfft habe. Generell kam er sich mit seiner Gemeindearbeit so vor wie "bei der Eroberung einer Burg, wenn man mit dem Rammbock gegen das Tor stößt."

Seit dem 4. September 1989 hat Hans-Jürgen Sievers an den Montagsdemonstrationen teilgenommen. Auf die Frage hin, wann er den Ruf "Wir sind das Volk!" zum ersten Mal gehört habe, war sich Sievers nicht mehr ganz sicher, ob dieser nicht schon am 2. Oktober gerufen wurde, am 9. Oktober dann ganz sicher. Diese Losung habe er eigentlich auch immer als Antwort auf die Artikel in der LVZ gesehen, die ankündigte, dass das Volk die demonstrierenden "Rowdys" demnächst von der Straße vertreiben werde. "Da musste man ihnen klar machen: Nicht sie sind das Volk, sondern wir sind das Volk."

Am 2. Oktober 1989 bat ihn Superintendent Friedrich Magirius, seine Kirche ebenfalls für ein Friedensgebet zu öffnen. Obwohl er davon zunächst ein wenig überrascht war, da er noch nie vorher ein Friedensgebet hatte, entschloss er sich dazu. Sowohl am 2. als auch am 9.Oktober sei die Kirche rappelvoll gewesen, erinnert sich Sievers, der am 9. auch die Predigt übernahm und im Anschluss die Menschen nach dem Vorbild von Martin Luther King dazu aufrief, auf die Straße zu gehen. Dabei habe er natürlich auch Angst gehabt, was da passieren würde. Erst eine Woche später bei der Demonstration am 16. Oktober habe er das Gefühl gehabt: "Jetzt sind wir über den Berg."

Dass an dem Abend des 9. Oktober vom Turm seiner Kirche zwei Kameramänner gefilmt haben und man diese Aufnahmen einen Abend später in der Sendung "report" in der ARD sehen konnte, habe erstaunlicherweise 9 Jahre lang niemanden interessiert, so Sievers. Erst 1999 tauchte das Material wieder in den Medien auf, und er erfuhr, wer die beiden Männer waren. Heute steht die Kamera von Siegbert Scheffke als Objekt in der Sonderausstellung "Leipzig auf dem zur Friedlichen Revolution", die Aufnahmen, die sie machte sind allgemein bekannt. Dies hätte Sievers so gar nicht für möglich gehalten.

Hatte man im Oktober 1989 noch das Gefühl, die DDR verändern zu wollen, so war man "im November davon überzeugt, dass die DDR nicht mehr lange lebt". Sievers engagierte sich jedoch auch weiterhin, ab Januar dann als Moderator des Runden Tisches der Stadt Leipzig, der für Sievers wie ein Brückenschlag hin zu den ersten demokratischen Wahlen gewesen sei, obwohl er sich zugegebenermaßen überwinden musste, ins Rathaus zu gehen. Doch man habe trotz aller Kritik sehr konstruktiv zusammengearbeitet, so Sievers heute. "Auch wenn ich viel Schlechtes über die Runden Tische heute lese, ich glaube wir haben’ s hingekriegt."

Zurück Zurück

Partner:
 

Bundesstiftung AufarbeitungDie Bundesbeauftragte für die Unterlagen deStaatssicherheitsdienstes der ehemaligen DeutschenDemokratischen RepublikFreistaat Sachsen

 

Weitere Kooperationen:
 

Zentrum für zeithistorische Forschung PotsdamHumanities, Sozial- und Kulturgeschichte