Rede von Christoph Kähler

Landesbischof in der Ev. Kirche in Mitteldeutschland zum Start der Kampagne

Am 29. April 2009 startete die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland die Kampagne "1989-2009 Gesegnete Unruhe" mit einer Lichtinstallation am Thüringer Landtag in Erfurt. Historischer Anlass war die 3. Ökumenische Versammlung 1989, bei der die Delegierten aus der ganzen DDR Grundsatztexte verabschiedeten, die eine gemeinsame kirchliche Position in erstaunlich klaren Worten formulierten. Der Künstler Ingo Bracke aus Saarbrücken setzte diese Texte in einer Licht- und Klanginstallation um, die am 29. April 2009 am Thüringer Landtag und einen Tag später am Magdeburger Dom zu sehen war.

Rede von Christoph Kähler

Landesbischof Christoph Kähler



Meine Damen und Herren, liebe Freunde!

Es ist eine uralte Geschichte. Aber sie ereignet sich immer wieder: Da saß einst ein mächtiger Herrscher mit seinen Großen am Tisch. Sie taten, was Gewaltherrscher oft tun, wenn sie sich ablenken wollen: Sie tranken, sie tranken viel.

"Er soff sich voll" steht in der Bibel. Und dann suchten sie noch einen größeren Reiz: Sie ließen heilige Gefäße holen, die sie aus dem Tempel in Jerusalem geraubt hatten, und sie tranken daraus. Sie fühlten sich sehr, sehr sicher. Doch da, mitten in dem Gelage, erschien eine Schrift an der Wand: Mene mene tekel stand daran: "Gewogen und zu leicht befunden", deutet ein Prophet die Worte. Es wird ein Ende mit euch und eurer Herrschaft haben. Der sagenhafte König Belšazar soll noch in derselben Nacht von seinen eigenen Leuten umgebracht worden sein. Sein Reich zerfiel.

Eine Schrift an der Wand erschien vor mehr als 40 Jahren in Leipzig und forderte den Wiederaufbau der – auf Ulbrichts Befehl – kurz zuvor gesprengten Universitätskirche. Daran war jahrzehntelang nicht zu denken. Sie wird in diesem Jahr wieder aufgebaut.

Eine Schrift an der Wand erschien vor 20 Jahren in Dresden und Magdeburg. Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Die Mächtigen der DDR haben sie nicht verstanden und konnten sie nicht deuten. Das bedeutete das Ende ihrer Herrschaft.

Christen aller Konfessionen, aus evangelischen Landeskirchen, aus katholischen Bistümern und aus Freikirchen schrieben die Wahrheit auf und verbreiteten sie weit über die DDR hinaus. Sie beklagten die Schäden durch den Uranbergbau. Sie kritisierten die vormilitärische Erziehung schon im Kindergartenalter. Sie zeichneten ein Bild der Umweltzerstörung im Erzgebirge. Sie forderten Menschenrechte für alle Bürgerinnen und Bürger unabhängig von Weltanschauung und Partei. Und sie suchten auf ihre Fragen Lösungen.

Ihre Antwort hieß: Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Nur im Zusammenhang lassen sich diese kostbaren und damals oft missbrauchten Worte verstehen. Die Reihenfolge ist wichtig: Nur Gerechtigkeit kann das Fundament für einen wirklichen Frieden darstellen. Ihr Maß findet sie am schwächsten Glied unserer Gesellschaft. Frieden soll den Vorrang der Gewaltlosigkeit erbringen. Er darf nicht auf Kosten der Armen im Lande und in der Welt gehen. Ohne Gerechtigkeit und ohne einen gewaltfreien Frieden ist auch die Bewahrung der natürlichen Umwelt nicht zu erreichen. Ungerechtigkeit und Krieg lassen Mensch und Natur leiden. „Die bedrohte Menschheit als ganze braucht Formen menschlichen Zusammenlebens, die dem gemeinsamen Überleben dienen.“

Wir machen heute die Schrift von damals an der Wand wieder sichtbar – am Gebäude des früheren Rates des Bezirkes. Die Regierenden von damals wollten sie nicht sehen und ihre Worte nicht hören. Das bedeutete das Ende ihrer Herrschaft – durch eine friedliche Revolution. Menschen gingen mit brennenden Kerzen auf die Straße und formulierten den Protest und ihre Forderungen nach Reisefreiheit und geheimen Wahlen.

Heute dagegen können damalige Anliegen gefahrlos ausgesprochen, gefordert und – nach Möglichkeit – umgesetzt werden. Die öffentliche Transparenz dieser Schrift wäre damals unmöglich gewesen. Heute gelten solche Verfassungsziele für alle Abgeordneten des Thüringer Landtages.

Darum danke ich der Landtagspräsidentin, Frau Professor Dagmar Schipanski, dass wir heute hier die gemeinsame Verantwortung aller Bürger in ein Lichtbild, in eine Lichtschrift an diesem Gebäude umsetzen können. Eine Erinnerung an das, was sich – Gott sei Dank – völlig verändert hat; und eine Zielangabe für das, was sich – Gott sei’s geklagt – weiterhin verändern muss.

Wir starten mit dem heutigen Abend viele einzelne Aktionen in Städten und Ortschaften, Kirchen und Gemeinden. Sie erinnern an die Aufbruch im Herbst 1989.Sie stehen gemeinsam unter dem Titel „Gesegnete Unruhe“. Kerzen zeigen an, dass wir nach wie vor zündende Ideen und eine schöpferische Unruhe brauchen.

Alle diese Mühen mögen von Gott gesegnet sein. Denn wir Christen wollten 1989 Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung nicht für uns allein. Darum bot unsere Kirche allen ein Dach, die sich mit dem Zustand in der DDR nicht abfinden wollten. Im Streit – auch untereinander – lernten wir Konflikte aushalten und austragen. Darum zogen Menschen aus der Kirche in die Rathäuser und Parlamente und übernahmen die Verantwortung. Wir erstrebten und erstreben bis heute das Wohl aller Menschen in Thüringen, in Deutschland und in der Welt.

Wir tun das auch im Sinne des Wortes von Ricarda Huch, das diesem demokratischen Landtag ein Ziel setzen soll:

Es sei dem Lande Thüringen beschieden, dass ihm niemals mehr im wechselnden Geschehen diese Sterne untergehen. Das Recht, die Freiheit und der Frieden. (Ricarda Huch, 1946)

Die großen Ziele brauchen viele kleinen Schritte zu ihrer Verwirklichung. Sie brauchen Wähler, die die Wahlmöglichkeiten für eine Wahl von Demokraten nutzen – auch und gerade in diesem Jahr. Sie brauchen Menschen, die die Hilfe aus Holland und Westdeutschland, aus Ungarn und Polen, aus Tschechien und – auch – aus der Sowjetunion nicht vergessen. Darum wird es eine ganze Reihe von Treffen mit den Partnern und Helfern von damals geben.

Die großen Ziele brauchen dankbare Gebete, die an die gnädige Bewahrung vor Blutvergießen und Bürgerkrieg erinnern und die Sehnsucht nach einem erfüllten Leben erhalten und kräftigen.

Die großen Ziele brauchen "mündige Bürger, die ihre Rechte und Pflichten, ihre Aufgaben und Möglichkeiten selbstverantwortlich wahrnehmen, die mitdenken und sagen, was sie denken, ohne zu nörgeln und die nicht warten, bis alle Schwierigkeiten aus dem Weg geräumt sind."

 

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