1989 in Zentraleuropa.

Die Wende als transnationales Diskurs- und Medienereignis

Der politische Umbruch in Zentraleuropa 1989 stellte in vielerlei Hinsicht eine (nicht unabdingbare) Zäsur dar – politisch, gesellschaftlich, jedoch auch das Medien- und Diskursverhalten betreffend. Die Tagung an der Justus-Liebig-Universität in Gießen, die unter anderem in Kooperation mit dem Herder-Institut Marburg veranstaltet wurde, ging den diskursiven Verhältnissen innerhalb der zentraleuropäischen Gesellschaften und den Wirkungen der Medien in den einzelnen Staaten und deren wechselseitigen Effekten zwischen beiden nach.

1989 in Zentraleuropa.


Die transnationalen Effekte der Diskurse und die Bedeutung der Medien bei ihrer Verbreitung vor, während und nach dem Umbruch bildeten den weiteren Themenkomplex.

FRANK BÖSCH (Gießen) untersuchte in seinem Beitrag die Medienlandschaften und die jeweilige Medienpolitik in der DDR und Polen in den 1980er-Jahren. Er fragte nach der Langzeitwirkung der westlichen Medien für die Medien in beiden sozialistischen Staaten und stellte fest, dass in Polen westliche Methoden wie Skandalisierungen während und insbesondere nach dem Umbruch in der Presse verbreitet waren und verwies auf die zahlreichen Kontakte zwischen polnischen Dissidenten und der Solidarność und westlichen, insbesondere bundesdeutschen Schriftsteller/innen. Die DDR betreffend postulierte Frank Bösch, dass die strikte Pressepolitik und die in der Presse nur verhaltene Kritik am System dazu führten, dass die Proteste auf die Straße verlagert wurden; dies und die liberalere Medienpolitik der Regierung Krenz führten zur Herausbildung einer Protestgemeinschaft. Westmedien waren in diesem Prozess mehr als nur Katalysatoren, sie waren zudem Initiatoren. Er schloss ferner, dass es zwei Typen von Medienrevolutionen 1989 geben habe: jene, in denen die Medien Mitträger gewesen waren (Beispiel Polen und Ungarn) oder direkt oder indirekt den Prozess initiiert hatten (DDR, Rumänien).

PETER HASLINGER (Marburg/Gießen) untersuchte in seinem Beitrag die grenzüberschreitende Wirkung der Massenmedien im Umbruchsprozess anhand der Beispiele CSSR (stellvertretend für eine strukturkonservative Medienpolitik) und Ungarn (teilreguliertes liberaleres Mediensystem). Sein besonderes Augenmerk lag auf den medialen Beziehungen innerhalb des Ostblocks und der gegenseitigen Beobachtung der Mitgliedsstaaten. Seine Argumentation verwies darauf, dass der Systemkonservatismus 1989 eine höhere Brisanz hatte als in einem liberalen System. Als weiteren Punkt thematisierte er die Selbststilisierung der ungarischen Reformkommunisten als Tabubrecher (unter anderem in Bezug auf die Minderheitenpolitik des "Bruderstaates" Rumänien), die auch als innenpolitisches Kampfmittel benutzt wurde. Das tschechoslowakische Modell stand in seinem Beitrag als Bespiel für das strukturkonservative Modell, was in Krisenzeiten durch mediale Beharrung und Ratlosigkeit gekennzeichnet war. Peter Haslinger kritisierte ferner die heutige Rezeption des Umbruchsprozesses als eine zwangsläufige Ereigniskette.

CHRISTOPH BOYER (Salzburg) sah in seinem Beitrag die "Lernresistenz" und "Kommunikationsverweigerung" der kommunistischen Führungen in der DDR und der CSSR als das wichtigste Movens des raschen Niedergangs ihrer Macht an. Er verwies darauf, dass das Maß an Mindestloyalität, das durch die Kommunikationsfähigkeit und -willigkeit der Führung mit der Gesellschaft zur Aufrechterhaltung der kommunistischen Macht notwendig war, in der späten Phase des Realsozialismus in den beiden untersuchten Ländern nicht mehr aufrechterhalten wurde. Die sozialistischen Reformen der vorangegangenen Jahrzehnte sah er als Kommunikationsreformen und als Aufrechterhaltung und Erweiterung des kommunikativen Inventars im Realsozialismus. Die Aufrechterhaltung der "ultrastabilen" Regime in der DDR und der CSSR in den 1980er-Jahren führte zu den plötzlichen und lawinenartigen Umbrüchen, während die Erosion des Machtmonopols der Kommunisten in den liberaleren Systemen Polen und in Ungarn sichtbar war und deshalb keine solche Heftigkeit wie in den ultrastabilen Systemen annahm. Besondere Probleme in den letztgenannten Systemen seien die Tendenzen der Problemverdrängung und –verschiebung gewesen, die Umformung der Wirklichkeit und die Ideologisierung dieser im Denken der kommunistischen Führungen.

MAGDALENA LATKOWSKA (Warschau) gab in ihrem Beitrag einen Abriss über die Rolle der west- und der ostdeutschen linken (systembejahenden) Intellektuellen in der jeweiligen Gesellschaft vor und nach 1989. Ein gemeinsames Merkmal beider Gruppierungen stellte ihre Ablehnung des Kapitalismus und die Idee einer deutsch-deutschen Konföderation statt einer Wiedervereinigung dar. Der Umbruchsprozess führte zur Marginalisierung der beiden Gruppen von Intellektuellen, da sie dessen Heftigkeit und weit reichende Konsequenzen nicht vorhersahen und nicht angemessen reagieren konnten. Diese Entwicklung, so die These, führte zudem zur Marginalisierung der Idee eines "Dritten Weges" zwischen Kommunismus und Kapitalismus.

HEDWIG WAGNER (Jena) zeigte in ihrem Beitrag die audio-visuellen Diskurse, die um die Berliner Mauer als (indirektes) Symbol der deutschen Teilung in beiden deutschen Gesellschaften existierten. Dabei untersuchte sie die Grenze, in diesem besonderen Fall die Berliner Mauer, als einen Ort des Imaginären. Die Bildwahl der Berliner Mauer rief im bundesdeutschen Diskurs die Assoziationen mit den nationalsozialistischen Konzentrationslagern und Totalitarismus hervor, während sie in der DDR als Symbol des Schutzes (als "antifaschistischer Schutzwall") fungierten. Dabei konzentrierte sich die Referentin in ihrem Vortrag auf die Darstellung der Mauer in Helke Sanders "Redupers" und auf die indirekte Darstellung in Konrad Wolfs "Der geteilte Himmel". Im letztgenannten Film ging sie auf die Bilderästhetik ein, die die westdeutsche Gesellschaft als willkürliche Konsumgesellschaft darstellte, während in den die DDR betreffenden Szenen diese als ein Land im Modernisierungsprozess anhand der Bilderästhetik der 1930er- und 1940er-Jahre gezeigt wurde. Sie verwies ferner darauf, dass heutige Interpretationen des Filmes den Zusammenbruch des DDR-Regimes aufgrund einer heute wahrgenommenen Form-Inhalt-Kongruenz antizipierten, während vor 1989 hinsichtlich des Films eine Form-Inhalt-Inkongruenz wahrgenommen wurde.

PETRU WEBER (Szeged) stellte in seinem Beitrag die medialen Beziehungen zwischen Ungarn und Rumänien in den letzten zwei Jahren des Ceausescu-Regimes dar. Grundüberlegung war die jeweilige Medienpolitik in beiden Ländern (Ungarn: liberal, Rumänien: systemkonservativ). Die Suche des rumänischen Regimes nach einem Feindbild zur Kommunikation mit der eigenen Gesellschaft, die zu einer Medienkampagne gegen Ungarn führte, resultierte in einer Verschlechterung der ungarisch-rumänischen Beziehungen. Durch liberalere Gesetze setzten sich die ungarischen Medien in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre zudem mehr mit (den kritischen Punkten) der ungarisch-rumänischen Geschichte auseinander. Insbesondere die Frage der eigenen Minderheit im jeweiligen anderen Staat wurde thematisiert, wobei die ungarische Führung darauf bedacht war, keinen Revisionismusverdacht aufkommen zu lassen. Ferner verwies Petru Weber auf den Einfluss der ungarischen Berichterstattung auf den Erosionsprozess des Ceausescu-Regimes und den Wechselwirkungen zwischen Medien und dem Niedergang, so unter anderem die Übernahme der Fernsehbilder des rumänischen Fernsehens, die während der Revolution in Bukarest im Dezember 1989 entstanden.

HELLA DIETZ (Göttingen) zeigte in ihrem Vortrag den Umschwung in den diskursiven Strategien der Solidarność-Intellektuellen auf. Sie unterteilte die Strategien in drei Phasen: die revisionistische bzw. neopositivistische Phase, die 1968 bzw. 1976 scheiterte, die frühen sowie die späten 1980er-Jahre. Waren die frühen 1980er-Jahre von einer direkten Adressierung an die Gesellschaft und der Betonung der gesellschaftlichen Selbstverteidigung gegen das Jaruzelski-Regime gekennzeichnet – diese Entwicklung hatte 1982/83 ihren Höhepunkt –, so wandten sich die Dissidenten im Zuge einer Selbstbeschränkung in den späten 1980er-Jahren einem Elitenkompromiss mit der kommunistischen Elite zu. Dieses Umdenken führte zudem zu einer Reihe von neuen Semantiken, die die Oppositionellen in ihren Diskurs aufnahmen.

MARCELA POŽÁREK (Prag) zeigte anhand des Beispiels Eduard Goldstücker den Umgang der tschechoslowakischen bzw. tschechischen Gesellschaft mit den linken Intellektuellen vor und nach 1989. Zentral waren für Goldstückers Entwicklung seine Exilerfahrungen, die er während des Zweiten Weltkriegs und nach den stalinistischen Säuberungen machte. Diese Erfahrungen waren schwerwiegend für einen mitteleuropäischen Intellektuellen wie Goldstücker, zudem umfassten sie ausschließlich problematische Perioden der politischen Unsicherheit und Labilität. Die mehrfache Exilerfahrung Goldstückers fand ihren Höhepunkt während des Umbruchs, als er in die CSSR zurückkehrte, sich aber in ein inneres Exil begeben musste und in der Zeit nach 1989 trotz seiner akademischen Verdienste für die tschechische Germanistik und seiner intellektuellen Verbindungen nach Westeuropa marginalisiert wurde. Marcel Požárek kritisierte die "Adenauerisierung" der tschechischen Geschichte nach dem Umbruch und setzte sich mit der Deutungshoheit der Journalisten bezüglich der Geschichte auseinander.

RUTH LEISEROWITZ (Berlin/Klaipeda) sprach in ihrem Beitrag über die "Rückkehr der Minderheiten" in Ostmitteleuropa, die sich in den Jahren des Umbruches auch an einer Vielzahl von Gründungen ethnisch definierter Kulturvereine ablesen ließ. Nach einer kurzen Übersicht über die (Neu-)Konstituierung der Minderheitenvereine in Ostmitteleuropa nahm sie die baltischen Staaten in den Fokus. Die dortige Entwicklung ging mit der Dekonstruktion der russischsprachigen Gruppen einher. Ethnische Vielfalt war während des Kalten Krieges wegen des strengen bipolaren Prinzips und der dadurch entstandenen Unmöglichkeit einer Multiidentität von staatlicher Seite nicht erwünscht. Die Wiederbegründung zahlreicher Zeitungen der Zwischenkriegszeit während und nach dem Umbruch führte jedoch zu keiner Abkehr von sowjetischen Kommunikationsmustern (Selbstinszenierungen, Folklore), und die Kommunikation war zunächst auf die Ebenen innerhalb der jeweiligen Gruppe gerichtet. Die Diskurse innerhalb der Minderheiten bildeten 1989 einen Nebenschauplatz der gesellschaftlichen Diskurse.

ROBERT BRIER (Warschau) ging in seinem Beitrag von Jürgen Habermas’ These der "Nachholenden Revolution" für die Ereignisse der späten 1980er-Jahre aus. Das Anliegen des Referenten war das kritische Hinterfragen der Konstruktion einer "Rückkehr nach Europa" und die Forderung nach einer Genealogie (nach Michel Foucault) des Rückkehr-Narrativs. Ferner thematisierte er in seinen theoretischen und methodologischen Überlegungen zu diesem Themenkomplex die Weltgesellschaftstheorie von John W. Meyer, wobei er insbesondere die möglichen transnationalen Verknüpfungen und deren Effekte als Erkenntnisgewinn einschätzte. Jedoch merkte er kritisch an, dass die Dichotomie zwischen Weltgesellschaft und Nationalstaat ein Problem darstelle. In seinem Beitrag verwies er ferner – ähnlich wie Magdalena Latkowska – auf die Einstellungen der Intellektuellen, insbesondere in Polen, zum Sozialismus und zum Kapitalismus, die bis 1989 von der Idee eines "Dritten Weges" gekennzeichnet waren. Diese Idee habe sich zu einem blockübergreifenden Narrativ der Linken entwickelt. Erst nach 1989 setzte innerhalb der polnischen Dissidenten eine Idealisierung Westeuropas und insbesondere der USA als einzig gangbarem Weg ein. Besondere Bedeutung maß Robert Brier den Kontakten, die polnische Intellektuelle nach Westen pflegten und den gegenseitigen Beeinflussungen, zu.

Sowohl in den Beiträgen wie auch in der Diskussion wurde deutlich, dass die Umbruchphase Ende der 1980er-Jahre begrifflich schwer zu fassen ist: die verwendeten Begriffe reichten von "Revolution" über "Umbruch" bis "Wende". Nationale Narrative spielten und spielen eine wesentliche Rolle, ebenso die Medien, die die Erstgenannten sowie die Umbruchsereignisse übertrugen. Dies hatte Rückwirkungen auf die nationalen und transnationalen Diskurse, die bis heute andauern. Besonderes Augenmerk wurde darauf gelegt, die Entwicklungen des Umbruchsprozesses nicht als teleologisch zu betrachten und die Zwangsläufigkeit der Entwicklung sowie das Narrativ der "Rückkehr nach Europa" kritisch zu hinterfragen. Die Diskussionen behandelten Fragen der Wirksamkeit der Diskurse und Medien während der Umbruchsphase, wobei eine abschließende Antwort wegen der Komplexität der Entwicklungen, die zum Umbruch führten bzw. während des Umbruches stattfanden, nicht gefunden werden konnte.

Vier Themenkomplexe wurden während der Tagung zentral diskutiert: Akteure, Medien, diskursive Strategien und Transnationalität, wobei die Untersuchung der transnationalen Verknüpfungen zwischen den Staaten des Ostblocks noch ein Desiderat darstellen. Ferner wurde die Frage nach den Handlungs- und Einschätzungsmustern von Dissidenten und deren kommunistischen Gegenspielern und den daraus resultierenden Möglichkeits- und Gelegenheitsmomenten diskutiert. Durch die Betonung dieser Fragestellung sollte eine (heute vielfach wahrgenommene) Zwangsläufigkeit der Entwicklung aufgebrochen und kritisch hinterfragt werden.

Michael Zok

Konferenzübersicht:

Peter Haslinger (Marburg/Gießen) und Frank Bösch (Gießen): Begrüßung und Eröffnung der Tagung

Panel I, Moderation: Thomas Daiber (Gießen)

Frank Bösch (Gießen): Medien als Katalysatoren der Wende? Die DDR, Polen und der Westen

Peter Haslinger (Marburg/Gießen): Transnationale und mediale Aspekte der Systemwechsel in Ostmitteleuropa 1989

Panel II, Moderation: Frank Bösch (Gießen)

Christoph Boyer (Salzburg): Lernresistenz und Kommunikationsverweigerung: Das Politbüro der SED bzw. der KPTsch als retardierende Elemente im "1989-er Prozess"

Magdalena Latkowska (Warschau): Die Rolle der Intellektuellen in der BRD und der DDR während und nach der Wende 1989

Panel III, Moderation: Peter Haslinger (Marburg/Gießen)

Hedwig Wagner (Jena): Das medial-visuelle Narrativ der Mauer vor der Wende aus der Sicht der BRD und der DDR

Petru Weber (Szeged): Die Kritik der ungarischen Medien an der Politik des "Bruderstaates" Rumänien in den letzten zwei Jahren des Ceausescu-Regimes (1987-1989)

Panel IV, Moderation: Christoph Boyer (Salzburg)

Hella Dietz (Göttingen): Diskursive Strategien der polnischen Eliten während des Umbruchs 1988/89

Marcela Požárek (Prag): "Samtene Revolution" und das Erbe kommunistischer Diskurse

Panel V, Moderation: Thomas Bohn (München)

Ruth Leiserowitz (Berlin/Klaipeda): 1989 – Die Rückkehr der Minderheiten

Robert Brier (Warschau): Medien als Transfermechanismen in den Revolutionen von 1989? Überlegungen zur Bedeutung einer transnationalen Öffentlichkeit für die Transformation Ostmitteleuropas nach 1989

Zitierweise: Tagungsbericht 1989 in Zentraleuropa. Die Wende als transnationales Diskurs- und Medienereignis. 18.06.2009-19.06.2009, Gießen, in: H-Soz-u-Kult, 07.08.2009, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=2673>.

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