"Wir sind das Volk"

Die Ereignisse vom Herbst 1989 im lokalen und (über-)regionalen Kontext

In Erinnerung an das zweite Friedensgebet in Kamenz mit bereits 1.000 Teilnehmern am 30. Oktober 1989 plante die Stadt Kamenz, 20 Jahre danach mit einer Podiumsdiskussion an diesen Tag zu gedenken.

"Wir sind das Volk"

Zieris, Wonneberger, Dantz, Berghofer, Nicolaus und Bramke (vlnr)



Dieser 20. Jahrestag war auch in anderer Hinsicht bedeutend; zumindest für einen Teilnehmer der Diskussionsrunde. Schon bald nach seiner Ordination nutzte Christoph Wonneberger seine Pfarrstelle, um oppositionellen Gruppen eine Plattform zu bieten. So war er unter anderem von 1977 bis 1984 Pfarrer der Weinbergsgemeinde in Dresden, die als Zentrum der so genannten offenen Jugendarbeit galt. Er beriet Wehrdienstverweigerer und gründete 1979 die Initiative „Sozialer Friedensdienst“. Im Herbst 1989 trug er die Verantwortung der Friedensgebete in der Leipziger Nikolaikirche und war zugleich Mitinitiator der anschließenden Demonstrationen. Am 30. Oktober 1989 erlitt er einen Schlaganfall und war somit in die Rolle eines Beobachters gedrängt. 1991 wurde er in den Ruhestand versetzt. Im Übrigen wurde er in diesem Jahr mit einem „Bambi“ für seine Verdienste im Zusammenhang mit der friedlichen Revolution geehrt. Neben Wonneberger war sicherlich Dr. Wolfgang Berghofer, der Oberbürgermeister von Dresden im Jahr 1989, die bedeutendste Person auf dem Podium. Sein Wissen um die Verhältnisse an der Spitze des Staates erlaubte den Zuhörern einen Einblick in die Machtstrukturen des Herbstes vor 20 Jahren. Von besonderer lokaler Bedeutung waren sowohl der Diakon Michael Nicolaus, der die Friedensgebete 1989 und die anschließenden Demonstrationen in Kamenz organisierte, als auch Alois Zieris, der als letzter Kommandeur der Offiziershochschule über die Begebenheiten in den Kasernen der Luftstreitkräfte berichtete. Darüber hinaus ermöglichte der Leipziger Historiker Prof. Dr. Werner Bramke eine objektive Beurteilung des Jahres 1989 in der DDR. Als Moderator war der RBB-Journalist Hellmuth Henneberg vorgesehen. Aufgrund einer plötzlichen Erkrankung übernahm diese Rolle kurzfristig der Oberbürgermeister der Lessingstadt Kamenz, Roland Dantz.

Im Mittelpunkt der von allen Seiten als sachlich und frei von Polemik eingeschätzten Diskussion stand die Frage, warum die Revolution von 1989 in der DDR friedlich verlief. Denn gerade im Rückblick auf die Situation am Ende des Jahres 1989 erscheint es heute schließlich als großes Glück, dass keine nennenswerten Ausschreitungen, wie sie beispielsweise im Dezember 1989 in Rumänien erfolgten, stattfanden. So stellte Wolfgang Berghofer grundsätzlich fest, dass das System vor dem Bankrott stand und Veränderungen unausweichlich waren. Die notwendigen Schritte wollte die Parteiführung allerdings in falscher Einschätzung der Lage nicht eingehen und verfolgte weiterhin eine harte Linie gegen Reformer bzw. Oppositionelle. So waren es dann die dramatischen Vorgänge am Dresdner Hauptbahnhof bei der Durchreise der Prager Botschaftsflüchtlinge, die dazu führten, ergangene Einsatzbefehle zur Auflösung von Demonstrationen auf bestimmten Ebenen nicht mehr weiter zu geben. Das konnte auch Alois Zieris bestätigen. Nach der Durchfahrt der Züge wurde in der Offiziershochschule eine höhere Einsatzstufe ausgerufen und die Polizei in Dresden sollte mit Soldaten unterstützt werden – ohne Waffen. Dennoch kam die Frage auf, ob dies verfassungskonform war, und Generäle verweigerten die Einhaltung der Befehlskette. Ein ganz anderes Problem erwuchs spätestens nach den Ausschreitungen am Dresdner Hauptbahnhof für die Opposition in der DDR. Christoph Wonneberger stellte die grundlegende Schwierigkeit dar, Strategien für eine neue Demonstrationskultur zu entwickeln. Schließlich gab es bislang nur von der SED vorgeschriebene Demonstrationszüge. Entscheidend war letztendlich die Orientierung an den Idealen von Mahatma Gandhi, die im Kern darauf beruhen, durch die eigene Gewaltlosigkeit und die Bereitschaft, Schmerz und Leiden auf sich zu nehmen, die Vernunft und das Gewissen des Gegners anzusprechen. Die Andachten in den Kirchen vor den Demonstrationen sollten die Demonstranten dahingehend beeinflussen. Der Ausruf „Keine Gewalt!“ und das Mittragen von brennenden Kerzen während des Demonstrationszuges symbolisierten dieses Prinzip, die es der Staatsgewalt – nicht zuletzt auch wegen der immer größer werdenden Menschenmasse – noch schwerer machte, gegen das eigene Volk vorzugehen. Auch in Kamenz ging dieses Konzept der Gewaltlosigkeit auf. Nur einmal, so gab es Michael Nicolaus wider, musste er auf einem Demonstrationszug einschreiten, weil eine Gruppe Steine auf die SED-Kreisleitung warf. Fast wäre ihm dabei selbst Gewalt angetan worden, weil er von der Gruppe nicht als Organisator erkannt wurde.

Obwohl im Herbst 1989 auf unterschiedlichen Seiten stehend fanden die Teilnehmer der Podiumsdiskussion in den wesentlichen Fragen Einigkeit. Rückblickend bleibt allen die Gewissheit, an einem bedeutenden historischen Ereignis teilgenommen zu haben. Diesbezüglich wandte Professor Bramke ein, dass sich die Vergangenheit im Laufe der Zeit oft verklärt, was jeder am ehesten an eigenen Schriftzeugnissen erkennt, die er nach vielen Jahren wieder entdeckt, und sich über seine eigenen früheren Gedanken wundert bzw. sich darin nicht mehr erkennt. Aus diesem Grund ist auch das Quellenstudium von besonderer Wichtigkeit. Viele Unterlagen müssen noch gesichtet werden, sofern sie nicht in den Wirren von1989 auf unterschiedliche Weise verloren gegangen sind. Objektivität wird aus der Sicht von Werner Bramke auch deshalb erschwert, weil nach wie vor eine Absicherung der eigenen Position aus der Geschichte heraus erfolgt und noch immer starke politische Interessen eine Rolle spielen. Es werden wahrscheinlich nochmals zwanzig Jahre vergehen müssen, bevor die Geschehnisse vom Herbst 1989 abschließend erforscht und geklärt sein werden.

 

Es diskutierten Alois Zieris, Christoph Wonneberger, OBM Roland Dantz, Dr. Wolfgang Berghofer, Diakon Michael Nicolaus und Prof. Werner Bramke (vlnr).

 

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