Kerzen - Kirche - Kontroversen

Die Rolle der evangelischen Kirche 1989/90 in der Zeitgeschichtsschreibung

Noch eine Veranstaltung im Rahmen des Gedenkens an die friedliche Revolution 1989? Ist nicht schon alles gesagt, ausgefeiert und erforscht? Welche Veranstaltung – so ließe sich weiter fragen – kann denn ihren Anspruch halten, neue Einsichten hervorbringen? Das zweitägige Symposium, das in Zusammenarbeit von Katharina Kunter (Universität Karlsruhe), Klaus Fitschen (Universität Leipzig) und Michael Haspel (Evangelische Akademie Thüringen) durchgeführt wurde, unterschied sich von vielen Gedenkveranstaltungen zum „Geburtstag des Mauerfalls“: Anliegen war es, die Geschichtsschreibung zum Thema Kirche in der DDR und ihr Beitrag zum gesellschaftlichen Umbruch 1989/90 in den Mittelpunkt der Diskussion zu stellen. Wo steht die Zeitgeschichtsforschung 20 Jahre danach? Was wurde erreicht und wo sind Forschungsdefizite auszumachen? Wie auf den meisten Veranstaltungen zum Thema 1989, setzte sich auch diese Tagung aus Historikerinnen und Historikern und Zeitzeugen und Zeitzeuginnen zusammen. Die Besonderheit bestand jedoch darin, dass sie die Spannung nicht nur duldete, sondern eingehend thematisierte.

Kerzen - Kirche - Kontroversen


Der Einführungsvortrag von KLAUS FITSCHEN (Leipzig) lieferte einen Überblick über die aktuelle Situation der Zeitgeschichtsschreibung zur Rolle der evangelischen Kirche 1989/90. Fitschen betonte, dass es keine Gesamtwahrnehmung gegenüber der Rolle der Kirche in der friedlichen Revolution geben könne. Um diese angemessen zu beurteilen, komme es darauf an, die Perspektiven von Beteiligten und Historikern und Historikerinnen gleichermaßen zu berücksichtigen. Hinsichtlich der Beiträge von Zeitzeugen sei eine „Erinnerungskonkurrenz“ von Basisbewegung und Kirchenleitung zu beobachten. Für die Geschichtswissenschaft stellte Fitschen fest, dass – gerade im Hinblick auf Studienliteratur und Überblickswerke der allgemeinen Zeitgeschichte – die Frage nach der Rolle und Beteiligung der Kirchen 1989 nur unterbelichtet vorkomme oder sogar ganz weggelassen werde.[1] Somit drohe das Thema zu einem Reservat der kirchlichen Zeitgeschichte zu werden.

Diesem Überblick folgte eine lebendige Diskussion, in der auf verschiedenen Ebenen einzelne Aspekte vertieft und ergänzt wurden. Von mehreren Seiten angemahnt wurde eine zu starke Fokussierung der Geschichtsschreibung auf die Ereignisse in Leipzig. Dies führe dazu, dass regionale Unterschiede in der Art und Weise des Protests nicht ausreichend Beachtung fänden. Aus Perspektive eines Zeitzeugen wurde betont, dass den Kirchen in der Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs vor allem eine seelsorgerliche Aufgabe zukam. Ein anderer Einwurf bezog sich darauf, die Rolle der Medien stärker in das Blickfeld der Forschung zu rücken. Wichtig war auch der Hinweis, dass hinsichtlich der Aktenlage zwischen Ost und West eine Asymmetrie festzustellen sei.

Die Podiumsdiskussion am Abend machte ein eher selten fundiert diskutiertes Thema zum Gegenstand seiner Auseinandersetzung: Zeitzeugen und Wissenschaft im Diskurs. ANKE SILOMON (Karlsruhe/Berlin) berichtete, dass sie in ihrer eigenen wissenschaftlichen Tätigkeit großen Wert auf Zeitzeugenbefragung lege, betonte aber, dass dies nur in unmittelbarer Verknüpfung mit Einsicht von Akten geschehen könne. Die zu Beginn der Diskussion festzustellende Einmütigkeit der Diskutanten, dass die Perspektive der Zeitzeugen die der Wissenschaft ergänze und umgekehrt, wich in einem zweiten Schritt der Benennung von konkreten Problemen. Als eine der Hauptschwierigkeiten stellte DETLEF POLLACK (Münster) heraus, dass die Begegnung zwischen Zeitzeugen und Wissenschaftlern immer von einem bestimmten Interesse geleitet sei. Problematisch sei dabei besonders, wenn eine Seite von der anderen für eigene Zwecke instrumentalisiert werde. Wichtig sei nach Pollack das Bemühen, sich im Gespräch auszutauschen und die Bereitschaft zu zeigen, den eigenen Standpunkt gegebenenfalls auch zu korrigieren. Ein Kommentar aus dem Plenum verwies auf das Problem von Nähe und Distanz, das Zeitzeugengespräche begleite. Pollack bestätigte, dass in diesen Gesprächen Verletzungen leicht möglich seien und unterstrich die Notwendigkeit einer gemeinsamen Geschichtsrekonstruktion durch Zeitzeugen und Wissenschaftler. Beliebigkeit in der Interpretation der Ereignisse sei jedoch aus wissenschaftlicher Perspektive ausgeschlossen und verrate das Ethos des Wissenschaftlers. MICHAEL BELEITES (Dresden) wies auf die Gefahr der Legendenbildung hin. Aus seiner Erfahrung als Sächsischer Landesbeauftragter für Stasi-Unterlagen berichtete er, dass viele Personen in den Stasiakten politischer dargestellt wurden, als sie ihr eigenes Handeln gesehen hätten. Andererseits hätten jedoch auch einige Menschen das politische Potential ihres Handelns unterschätzt.

Die Lesung des Publizisten CHRISTOPH DIECKMANN (Berlin) am späten Abend schloss inhaltlich am Thema der vorangegangenen Podiumsdiskussion an. „Alles wirklich Wichtige war mündlich.“, formulierte Dieckmann pointiert. Damit unterstrich er den zuvor in der Diskussion herausgestellten Konsens, dass Zeitzeugen dazu beitragen müssten, die Leerstellen der Akten zu schließen. Im Mittelpunkt der von ihm selbst vorgetragenen Passagen seines Buches „Mich wundert, dass ich fröhlich bin“[2] standen persönliche Erfahrungen mit der Evangelischen Kirche und Beobachtungen aus dem Alltag in der DDR.

Die Vorträge und Diskussionen am zweiten Tag des Symposiums gingen gezielt der Frage zukünftiger Forschungsfelder nach. CLEMENS VOLLNHALS (Dresden) konzentrierte sich in seinem Beitrag auf die Aufarbeitung der Stasi-Verstrickung der evangelischen Landeskirchen. Damit eröffnete er ein Thema, dass bislang kaum – weder im innerkirchlichen Raum noch in der wissenschaftlichen Forschung – bearbeitet worden ist. Als wichtige Anstöße für eine zeitnahe öffentliche Diskussion des Verhältnisses der Kirchen in der DDR und des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) nannte Vollnhals die erste Veröffentlichung von Gerhard Besier 1991 („Das falsche Buch zur richtigen Zeit.“)[3] sowie den „Fall Stolpe“ im Februar 1992. Für die Offenlegung der IM-Tätigkeit Manfred Stolpes habe vor allem auch der Spiegel Entscheidendes beigetragen. Vollnhals zog die ernüchternde Bilanz, dass in Bezug auf die tatsächliche Belastung und Motivstruktur der kirchlichen IM seit Mitte der 1990er Jahre keine Forschungsarbeiten erschienen sind. Auch für die Aufarbeitung in den Landeskirchen stellte er fest, dass sich diese bis heute nicht zu einer einheitlichen Position und Aufarbeitungsart entschieden hätten.

KATHARINA KUNTER (Karlsruhe/Frankfurt) stellte ihren Vortrag unter die Frage, ob das Thema „Die Kirchen in der DDR“ bereits „ausgeforscht“ sei. Am Beispiel der Enquete-Kommission zur Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur (1990-1994), die sich thematisch auch mit der Rolle der Kirchen beschäftigte, bestätigte Kunter ihre Ausgangsfrage. Zu allen vier Themenbereichen – Haltung der evangelischen Kirche zum SED-Staat, Kirchen und Gruppen, deutsch-deutsche Kirchenbeziehung sowie Christen im Alltag – seien zahlreiche Einzelstudien erschienen. Damit sei eine erste Phase der Zeitgeschichtsforschung zum Abschluss gekommen. Kunter forderte, dass 20 Jahre nach dem Mauerfall eine neue Phase der Geschichtsschreibung einsetzen müsse, die die Rolle der Kirchen in größere analytische Zusammenhänge (Säkularisierung, Sozialgeschichte, Ideengeschichte) einbette und die gegebenenfalls auch die Perspektiven von Zeitzeugen übersteige. Als zukünftige Forschungsfelder benannte sie den internationalen Vergleich der Rolle der Kirchen in sozialistischen Staaten (insbesondere des Ostblocks) sowie eine eingehende Beschäftigung mit dem Verhältnis von engagierten kirchlichen Minderheiten und einem angepassten Mehrheitsprotestantismus.

Die abschließende Podiumsdiskussion thematisierte die Perspektiven und Probleme, die sich in der wissenschaftlichen Praxis ergeben und eröffnete im Anschluss an Vollnhals und Kunter weitere Forschungsfelder. Aus Sicht des Landeskirchlichen Archivs der Evangelischen Kirche von Westfalen machte JENS MURKEN (Bielefeld) auf das Potential aufmerksam, das in der Untersuchung von Partnerschaften zwischen Landeskirchen der Bundesrepublik und der DDR bestehe. Als Beispiel führte er Berichte von Theologiestudierenden aus Westfalen an, die während ihres Studiums ein Gemeindepraktikum in der DDR absolvierten und somit Auskunft über die Wahrnehmung der DDR aus junger Perspektive geben würden. Die notwendige Aufarbeitung von Partnerschaftsbeziehungen war auch der Ausgangspunkt von BEATRICE DE GRAAF (Den Haag). Sie konzentrierte sich in ihren Ausführungen auf die Bedeutung der insgesamt über 380 Kontakte zwischen den Gemeinden in den Niederlanden und der DDR. Damit hätten die Niederländer nicht nur Solidarität mit unterdrückten Christen gezeigt, sondern auch ihre uneingeschränkte Sympathie mit dem Bild von „Kirche im Sozialismus“ zum Ausdruck gebracht. Mit der Wiedervereinigung der beiden Teile Deutschlands sei ein bedeutender Teil der ökumenischen Identität der niederländischen Kirchen verloren gegangen. Hinsichtlich zukünftiger Forschungsarbeiten zur Partnerschaft der Kirchen in der DDR und den Niederlanden machte de Graaf auf den Unterschied zwischen der episkopal organisierten Kirche in der DDR und der auf der Laienbewegung aufbauenden Kirche in den Niederlanden aufmerksam, deren ekklesiologische Gegenüberstellung de Graaf zufolge noch ausgebaut werden müsste.

Aus der Katholizismusforschung kam CHRISTOPH KÖSTERS (Bonn) zu Wort. Als Ziel der weiteren Zeitgeschichtsforschung formulierte er, der konfessionellen Verengung weiterhin entgegenzutreten. Seine These lautete, dass 1989 ein Laienkatholizismus demonstriert wurde, der die bis dahin vorherrschende katholische Minderheitsposition in der DDR überwand. Als wichtigen Scheitelpunkt benannte Kösters den Katholikentag 1987 in Dresden. Außerdem verwies er auf die Bedeutung von Papst Johannes Paul II. für die gesellschaftlichen Umbrüche in den Staaten des Ostblocks.

GISA BAUER (Leipzig) beschäftigte sich mit der Zeitzeugenarbeit als methodischem Schlüssel zur Vermittlung von Lerninhalten. Während eines Seminars an der Universität Leipzig beobachtete sie eine hohe Begeisterungsfähigkeit der Studierenden für die Aufarbeitung der Vergangenheit. Bauer zufolge steigerte sich der Lerneffekt durch die Verbindung von Fakten und Emotionen. Für junge Menschen, die selbst keinen Zugang mehr zu den Ereignissen hätten, sei die Begegnung mit Zeitzeugen und Erinnerungsorten von hoher Bedeutung. In der Plenumsdiskussion wurde jedoch auch darauf hingewiesen, dass die finanziellen Mittel an den Universitäten für solche aufwendigen Lernformen zu gering seien.

In der Zusammenschau der einzelnen Beiträge und Podien deckte das Symposium ein vielfältiges Themenspektrum der Zeitgeschichtsforschung über die Rolle der Kirchen in der DDR ab, insbesondere ihrer Rolle für den gesellschaftlichen Umbruch 1989/90. Dabei wurden zwei Themen fokussiert: zum einen ergab die Diskussion, dass trotz aufgezeigter Spannungen, die in der Begegnung zwischen Wissenschaftlern und Zeitzeugen auftreten können, die Oral History ein unentbehrlicher Bestandteil für die Forschung geworden sei, indem sie Geschichte lebendig macht und dazu beitragen könne, Lücken in den Akten zu füllen. Zum anderen waren sich die Diskutanten einig, dass es notwendig sei, neue Zugänge und Forschungsperspektiven zu erschließen und zuzulassen.

Dem zweitägigen Symposium ging es nicht darum, der Beschreibung der Rolle der evangelischen Kirche für den gesellschaftlichen Umbruch 1989/90 eine neue Deutung hinzuzufügen. Vielmehr wurde ein Austausch initiiert, der unterschiedliche Ansätze im Blick auf die Frage, wie die Rolle der Kirche in der DDR in der Zeitgeschichtsforschung aufgegriffen wurde und wird, zur Sprache brachte. Der Tagung gelang es, einen weitreichenden Überblick über den derzeitigen Forschungsstand in der Kirchlichen Zeitgeschichte zu geben und Forschungsdesiderata aufzuzeigen. Damit eröffnete sie wichtige Perspektiven für die zukünftige Zeitgeschichtsforschung. Es bleibt zu hoffen, dass diese positiven Ansätze ausgebaut werden.

Konferenzübersicht

I: Zur Einführung
Kerzen – Kirche – Kontroversen - Die Rolle der evangelischen Kirche 1989/90 in der Zeitgeschichtsschreibung
Klaus Fitschen, Universität Leipzig

II: Die andere Sicht – Zeitzeugen und Wissenschaft im Diskurs
Podiumsgespräch
Moderation: Michael Haspel
Detlef Pollack, Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Anke Silomon, Universität Karlsruhe/Berlin
Michael Beleites, Landesbeauftragter für die Unterlagen der Staatssicherheit der ehemaligen DDR
Bischof a. D. Axel Noack, Magdeburg

III: „Mein Volk“
Lesung mit Christoph Dieckmann, Die Zeit

IV: 1989 und die Kirchen als Gegenstand der Geschichtspolitik
Moderation: Jörg Morré, Deutsch-Russisches Museum, Berlin-Karlshorst
1: Die Stasi-Debatte und die evangelische Kirche
Clemens Vollnhals, Hannah Arendt-Institut, Dresden
2: Die Enquete-Kommission zur Aufarbeitung der SED-Diktatur als wissenschaftlicher Impuls
Katharina Kunter, Universität Karlsruhe/Frankfurt am Main

V. Perspektiven und Probleme aus der wissenschaftlichen Praxis
Moderation: Michael Haspel, Evangelische Akademie Thüringen
1: “Die Kirche wird von Leuten genutzt, die unter anderen gesellschaftlichen Umständen nichts mit ihr zu tun hätten” – Der Blick einer westdeutschen Landeskirche auf die DDR zur Wendezeit und die Möglichkeiten der Erforschung der Rolle der Kirche in der DDR im Landeskirchlichen Archiv Bielefeld
Jens Murken, Landeskirchliches Archiv der Evangelischen Kirche von Westfalen, Bielefeld
2: Die evangelischen Kirchen in der DDR und die deutsche Geschichtsschreibung aus niederländischer Sicht
Beatrice de Graaf, Den Haag
3: Evangelische Kirche in der DDR aus Sicht der Katholizismusforschung
Christoph Kösters, Kommission für Zeitgeschichte, Bonn
4: Kirche, DDR und 1989 als universitärer Lehrgegenstand: Zeitzeugenarbeit mit Studierenden. Was stimmt nun: das Lehrbuch oder die Interviews?
Gisa Bauer, Universität Leipzig

Anmerkungen:
[1] Als Ausnahme benennt Fitschen: Klaus-Dietmar Henke (Hrsg.), Revolution und Vereinigung 1989/90. Als in Deutschland die Realität die Phantasie überholte, München 2009.
[2] Christoph Dieckmann, Mich wundert, dass ich fröhlich bin. Eine Deutschlandreise, Berlin 2009.
[3] Gerhard Besier, Pfarrer, Christen und Katholiken’. Das Ministerium für Staatssicherheit der ehemaligen DDR und die Kirchen, Neukirchen-Vluyn 1991. 

Zitierweise
: Tagungsbericht Kerzen - Kirche - Kontroversen. Die Rolle der evangelischen Kirche 1989/90 in der Zeitgeschichtsschreibung. 06.11.2009-07.11.2009, Neudietendorf bei Erfurt, in: H-Soz-u-Kult, 02.12.2009,
<http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=2878>.


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