Feiern ja – aber wie?

Der dritte Oktober als Tag der Einheit zwischen historischen Analysen und aktuellen Debatten

Zeitungen

Presseschau zum Tag der Deutschen Einheit

Zu seinem diesjährigen, runden Jubiläum, 20 Jahre nach der Wiedervereinigung, wurde der Tag der Deutschen Einheit in der hiesigen Presselandschaft, wie nicht anders zu erwarten, rege und vielschichtig rezipiert. Dabei zeigte sich, dass dieser Feiertag längst nicht mehr bloß in Erinnerung an ein zweifellos bedeutendes Ereignis der deutsch-deutschen Geschichte begangen wird. Als Vehikel zur Austragung aktueller gesellschaftlicher Auseinandersetzungen, wie z.B. der Integrationsdebatte, wurde er für die neuen, gesamtdeutschen Problemfelder wieder flott gemacht.

Noch relativ "klassisch"-historisch und in ihrer ganzen Breite nahm sich der Tagesspiegel der Wiedervereinigung an, indem er sich mit ihr, über die deutschen Grenzen hinaus, ihn einem europäischen Rahmen, auseinander setzte.

Schon die Frankfurter Allgemeine Zeitung rückte das Thema dann aber in einen nationaleren Kontext und untersuchte die Beziehungen zwischen Ost und West im "Ringen" zwischen Freiheit und Gleichheit. Dieser Prozess habe durch die Wiedervereinigung und das damit verbundene Ende der Systemkonkurrenz kein Ende erfahren. Vielmehr sei er in die Mitte der heutigen, gesamtdeutschen Gesellschaft verlagert worden. In einem weiteren Artikel der Zeitung wurde vertiefend auf die Charakteristika dieses Prozesses eingegangen. Der früher viel diskutierte "Ost-West-Gegensatz" habe, so die FAZ, hier an Bedeutung verloren und sei inzwischen, durch die zahlreichen Konflikte zwischen Alt und Jung, Arm und Reich, an den Rand gedrängt worden.

Auch Neues Deutschland versuchte in seinem Beitrag zu den Einheitsfeierlichkeiten, es nicht an Aktualität missen zu lassen. Das Blatt ging der Frage nach, wie die DDR, zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung, in der deutschen Öffentlichkeit immer noch über eine derartige Präsenz verfügen könne. Habe 1989/90 noch "schonungslose Kritik" geherrscht, sei das heutige Bild auf den anderen deutschen Staat doch deutlich "differenzierter" und "positiver". Eine "Lösch-Taste" für den gesellschaftlichen Umgang mit der DDR werde man in jedem Fall vergeblich suchen.

Eine Trennlinie zwischen aktuellen Problemfeldern und der Wiedervereinigung von 1990 zog dagegen Die Zeit und hob so dessen historischen Charakter hervor. Sie kam auf die große Leere zu sprechen, die viele Deutsche beim dritten Oktober empfänden. Die große historische Leistung der frei gewählten Volkskammer scheine, so die Zeitung, heute bedauerlicherweise fast in Vergessenheit geraten zu sein.

Einige Presseorgane konzentrierten sich mehr auf einzelne Teilaspekte der Wiedervereinigung. So ging Die Welt den Wiedervereinigungsprozess mehr von der privatwirtschaftlichen Seite an und versuchte sich an einer Erfolgsgeschichte einzelner DDR-Markenartikel. Dabei kam sie auch auf die "Vereinigungskriminalität" zu sprechen, der zahlreiche ostdeutsche Unternehmen in den neunziger Jahren zum Opfer gefallen waren. In einem weiteren, ebenfalls eher wirtschaftlich orientierten Beitrag kam die Zeitung auf die Kosten der Wiedervereinigung zu sprechen. Nach neuesten Erkenntnissen der deutschen Wirtschaftsforscher hätten die Ostdeutschen, entgegen der öffentlichen Meinung, einen großen Teil der Einheit selbst bezahlt. Die Märkische Allgemeine untersuchte indessen die Wiedervereinigung unter eher regionalen Aspekten. Sie berichtete von der brandenburgischen Gemeinde Kleinmachnow, und den zahlreichen Eigentumskonflikten, welche sich hier zwischen den "Alteigentümern" aus den alten Bundesländern und der "eingeborenen" DDR-Bevölkerung nach der Wiedervereinigung zugetragen hatten.

 

Die Feiertagsrede, welche Bundespräsident Wulff am Sonntag hielt, ließ viele Zeitungen am Montag dann noch einmal auf die Wiedervereinigung zurückblicken. Die FAZ druckte seine Rede sogar im Wortlaut ab. Wie sehr sich Wulff in ihr auf die aktuelle Integrationsdebatte konzentriert hatte, hob nicht nur Die Welt hervor. Sie berichtete, dass sogar dem Grünen-Fraktionsvorsitzende Jürgen Trittin diese Haltung Worte des Lobes abgenötigt hätte. Auch der taz war diese Berücksichtigung aktueller gesellschaftlicher Problemfelder einen Artikel wert. Sie konstatierte: "Deutschland habe sich mühsam von "drei Lebenslügen" verabschiedet. Der Illusion, dass die Gastarbeiter wieder gehen, der Illusion kein Einwanderungsland zu sein und der multikulturelle Illusion, das problemfreies Miteinander möglich sei".

So zeigte nicht zuletzt auch die Rede des Bundespräsidenten, dass der Tag der deutschen Einheit noch lange nicht auf den Kehrrichthaufen der deutsch-deutschen Geschichte sondern vielmehr mitten in die Gesellschaft gehört, um dort noch viele Jahre an der Stabilisierung der deutschen Einheit mitzuwirken.

Torben Gülstorff

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