Blick zurück: Die Presse im Oktober 1990

Die Wiedervereinigung im Spiegel der Presse rund um den 3.10.1990

Die Presse im Oktober 1990

Die Presse im Oktober 1990

Die Wiedervereinigung jährte sich am 3. Oktober 2010 zum 20. Mal. In der Presse sind viele Berichte über die Entwicklung der vereinten Bundesrepublik, die Beziehung zwischen Ost und West die gesamtdeutschen Zukunftsaussichten erschienen. Die Frage ist aber auch, was die Vorstellungen der Menschen damals, vor 20 Jahren waren, und welche Wünsche und Befürchtungen es in Hinblick auf die Wiedervereinigung gab und wie die Presse die damaligen Geschehnisse beurteilte.

Ein starkes Deutschland, den Nachbarn verpflichtet

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung beschrieb der Franzose Henri Froment-Meurice den Weg der europäischen Integration Deutschlands seit Kriegsende und stellte Überlegungen zukünftiger Entwicklungen an. 

Nach dem Zweiten Weltkrieg entschied sich Deutschland für eine engagierte westlich gerichtete Politik und dafür, freundschaftliche Beziehungen vor allem zu Frankreich und den USA aufzubauen. Diese Integrationspolitik sei ein wesentlicher Faktor der Wiedervereinigung: "Hätte das deutsche Volk eine andere Politik gewählt, die Politik der Neutralität zwischen Ost und West, hätte es abgelehnt, eine Integrationspolitik mit seinen westeuropäischen Nachbarn, besonders mit Frankreich, einzugehen, wäre Deutschland noch heute entweder eine geteilte Nation oder eine unter sowjetischer Kontrolle vereinte Nation." 

Das Vertrauensverhältnis, das in den Jahren der Teilung zwischen Deutschland und Frankreich aufgebaut wurde, sei empfindlich und durch das forsche Vorgehen der Bundesregierung bei der Einleitung der Wiedervereinigung angespannt. Noch sei die Rolle Deutschlands in der neuen Weltordnung und der europäischen Gemeinschaft nicht einschätzbar.

(FAZ, 2./3. Oktober 1990 "Ein starkes Deutschland, den Nachbarn verpflichtet" von Henri Froment-Meurice)


Deutschlands große Chance

Helmut Schmidt erinnert in der Zeit daran, dass ein überhebliches Auftreten des allzu mächtig wirkenden wiedervereinten Deutschlands in dieser Situation Probleme bereiten könnte: "Wer sich sorgfältig im Ausland umhört, stößt auf Besorgnisse oder sogar auf Angst vor einem fast achtzig Millionen Menschen umfassenden Deutschland, vor unserer demnächst überragenden Wirtschaftskraft, vor der sodann alle anderen europäischen Währungen überragenden Stärke der D-Mark, vor der dirigierenden Macht der Bundesbank und der deutschen Geschäftsbanken. Und er stößt auf Angst vor der Möglichkeit, die enorme ökonomische Potenz Deutschlands könnte uns zu neuer außenpolitischer Arroganz verleiten, zum Versuch, die Europäische Gemeinschaft und deren Politiker nach unserem Willen entscheidend zu beeinflussen." 

Außenpolitisch gesehen sei es auch ein Unterschied, ob man als halb oder voll souveräner Staat mit Partnern verhandelte. Es bräuchte sehr viel mehr Einfühlungsvermögen. Deutschland habe sich im Zuge der Wiedervereinigung schon weit vorgewagt: Kohl hat sein Zehn-Punkte-Programm ohne Absprache mit Mitterand vorgelegt und auch in der deutsch-polnischen Frage hätte es einige anmaßende Momente gegeben. "Wir müssen Deutschland außenpolitisch auf Kurs halten, der keinen unserer Nachbarn befremdet, sondern ihr Vertrauen in unsere Stetigkeit befestigen und rechtfertigen."

(Die Zeit, 5. Oktober 1990, "Deutschlands große Chance" von Helmut Schmidt)


Alle Fäden in der Hand

Auch der Spiegel stellte sich kurz vor der Wiedervereinigung die Frage nach der Rolle, die Deutschland ab diesem Zeitpunkt vertreten werde. Die These lautet: "Es wird, so sehen es auch die Nachbarn, jedenfalls zur Vormacht einer Europäischen Gemeinschaft, die weiter wächst, und ein Mittler zwischen dem Westen und der Sowjetunion." Deutschland als neue Großmacht zwischen USA und Sowjetunion sei zu hoch gegriffen, viele Gründe sprechen dagegen: "Ohne atomare Waffen, ohne nennenswerte Rohstoffe, in schlechter strategischer Lage, abhängig von Exporten, auf Jahrzehnte durch die milliardenteure Renovierung der ehemaligen DDR belastet" würde es eher eine Mittelmacht bleiben, wie bisher auch schon. Dennoch stehe Deutschland klar auf der "Siegerseite des Kalten Krieges". Der Fall des Eisernen Vorhangs bewirkte eine Verlagerung des Schwerpunktes Europas nach Osten und Deutschland befinde sich jetzt in einer zentralen Lage. Auch würde aufgrund der "wirtschaftlichen Tüchtigkeit" Deutschlands das, was "die Deutschen in zwei Weltkriegen nicht bekommen haben [...]: die Führung in Europa" bald Wirklichkeit. 
Auch hier wird die Angst vor einem militärisch aktiven Deutschland als unbegründet erklärt. "Die Deutschen sind ein ziviles Volk geworden." Eine Bedrohung könnte aber aus der wirtschaftlichen Macht Deutschlands resultieren. Der Spiegel meint, Deutschland habe den "kapitalistischen Blitzkrieg" schon gewonnen.

(Der Spiegel, 1.Oktober 2010 "Alle Fäden in der Hand" von Fritz Stern)

 

Wer tief fällt, kann wieder hoch steigen

Die Süddeutsche Zeitung beschäftigte sich mit der innerdeutschen Problematik der Wiedervereinigung. Die wirtschaftliche Ausgangslage war in der ehemaligen DDR im Vergleich zur BRD verheerend. "Praktisch sitzen wir heute auf Trümmerhaufen sozialistischer Planwirtschaft." Die Liste geht von "verseuchten Böden über verschmutzte Luft bis zur verfallenen Bausubstanz und dem schier museumsreifen Maschinenpark" zur Arbeitsleistung der Bürger, die "jahrzehntelang vergeudet worden ist". Der wirtschaftliche Aufbau der neuen Bundesländer sei eine Mammutaufgabe des wiedervereinten Deutschlands. 

Der Autor diagnostizierte in der fehlerhaften Wirtschaftspolitik der DDR zwei Irrtümer: Die Überzeugung der SED-Politik, alle Menschen seien gleich, sei falsch. Menschen seien unterschiedliche Individuen mit unterschiedlichen Veranlagungen. Der zweite Irrtum sei die Ansicht, das Versagen der Planwirtschaft sei einzelnen Sündenböcken zuzuschreiben. Verantwortlich für die Planwirtschaft sei aber das sozialistische System und damit der Staat: "Wenn nämlich allein der Staat für alles Wirtschaften verantwortlich ist und auf dem freien Markt kontrollierend über dem privaten Produzenten steht, dann darf es natürlich auch keinen Fehler geben. Die Kontrolle, das Gegengewicht fehlt". 

Trotz aller Probleme trete die DDR aber glücklicherweise einem – im Gegensatz zu den anderen Ostländern – "hilfreichen, leistungsfähigen" Staat bei. Der wirtschaftliche Aufbau würde nicht einfach, aber dennoch zu schaffen sein. "Je rascher die Wirtschaft in Gang kommt, desto schneller gesundet der östliche Teil Deutschlands von innen heraus." Bis zum Aufbau der Industrie würden wohl vier bis fünf Jahre vergehen, und "bis zum Jahre 2000 dürfte das innerdeutsche Wohlstandsgefälle eingeebnet sein".

(Süddeutsche Zeitung, 2./3. Oktober 1990 "Wer tief fällt, kann wieder hoch steigen“ von Franz Thoma)

 

Vom demokratischen Aufbruch zur deutschen Einheit

Die Tageszeitung widmete sich der Frage, warum der Anschluss der DDR an die BRD so stattfand und ob er nicht auch anders hätte verlaufen können: "War einfach nicht weniger möglich als das ganze Deutschland?" 

Im Nachhinein ließe sich feststellen, dass der Sturz des SED-Regimes schon viel früher besiegelt war, als in der DDR ersichtlich war. Die Menschen befürchteten vom Herbst 1989 bis in den Januar 1990 noch, dass der Umsturz nicht sicher sei. Die Ereignisse des Herbst 1989 seien aber eindeutige Indizien für den endgültigen Umbruch: "Zwischen den brutalen Polizeiaktionen rund um den 40. Republikgeburtstag und der Resignation der bewaffneten Organe am 9. Oktober in Leipzig liegen 48 Stunden." Auch weiterhin geschah der Verfall sehr schnell: Honecker tritt ab, und kurz nach Krenz Antritt verkündet Schabowski den Fall der Mauer. Hier sei der eigentliche Kapitulationsakt des SED-Regimes verlaufen. 
Was eventuell noch eine Änderung oder auch Entschleunigung des Vereinigungsprozesses hätte bewirken können, das sei eine Übergangsbewegung der Bürgerbewegung gewesen. Ein starkes Selbstbewusstsein der Opposition, das nach dem Mauerfall so schnell verpuffte, hätte die Startbedingungen für eine demokratische Übergangs-DDR verbessern können. 

(Die Tageszeitung, 2. Oktober 1990 "Vom demokratischen Aufbruch zur deutschen Einheit" von Matthias Geis)

Constanze Behr

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