"Kreuzweise Deutsch"

Podiumsdiskussion am 30. September 2010 in der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur

Deutsch-deutsche Unterschiede

Deutsch-deutsche Unterschiede © Flickr/Martha de Jong-Lantink

Die Deutschen in Ost und West blicken auf 20 Jahre Deutsche Einheit zurück. Doch was denken sie übereinander? Sprechen sie wirklich die gleiche Sprache? Diesen und anderen Fragen des alltäglichen Umgangs der Deutschen miteinander stellten sich Angela Elis und Michael Jürgs als Ost-West-Journalistenduo, das mehrere Bücher zum Thema geschrieben hat und nun Bilanz zog.

Was erhält man, wenn man einen Ossie mit einem Wessi kreuzt? Einen arroganten Arbeitslosen.

Meint der Ossi zum Wessi: "Wir sind ein Volk." Antwortet der Wessi dem Ossi: "Na und, wir auch!" 

Diese und viele andere Witze sind seit dem Mauerfall im Umlauf. Dass sich über deutsch-deutsche Befindlichkeiten auch auf höherem Niveau streiten lässt, haben Angela Elis und Michael Jürgs zunächst mit einer wechselseitigen Kolumne im "Tagesspiegel" vorgeführt, dann mit ihrem Buch "Typisch Ossi, typisch Wessi. Eine längst fällige Abrechnung unter Brüdern und Schwestern" von 2006, in dem sie erste Bilanz zogen. In dem Nachfolger "Kreuzweise Deutsch: Politisch Unkorrektes aus Ost und West" von 2009 prüfen sie humorvoll Klischees und Vorurteile über ein Land, das seine Identität noch immer nicht gefunden zu haben schien.

Nun, wie halten es die Ossis mit den Wessis und umgekehrt? Dazu wurden Angela Elis als Vertreterin des Ostens und Michael Jürgs, einst "Zonenhasser", nun "Sprachrohr der Ossis" (so eine ehemalige Kritikerin), eingehend von Peter Lange, dem Chefredakteur von Deutschlandradio Kultur befragt.

Beide Diskutanten stellten zunächst einmal Gemeinsamkeiten zwischen Ost und West fest, so haben die Verbitterung und die Animositäten auf beiden Seiten (Überheblichkeit vs. Undankbarkeit) nachgelassen.

Besonders Angela Elis, die Westdeutschland noch zu DDR-Zeiten erlebte, da sie 1988 in den Westen ging, hat Vor- und Nachteile beider Systeme erlebt, während für Michael Jürgs als Wahl-Hamburger die Mauer weit weg war. Offen und ehrlich sagte er, er und seine Kollegen beim "Stern" haben damals, bevor die Mauer fiel, viel an der DDR verteidigt, da die Horrorgeschichten, die nach und nach aufgedeckt wurden wie die Geruchsproben, die bei der Stasi lagerten, unvorstellbar für sie gewesen sind. Dazu gehört auch, dass Dissidenten wie Wolfgang Schnur und Ibrahim Böhme, denen sie auf unterschiedliche Weise geholfen hatten, zu gleicher Zeit als IM tätig waren. 

Heute, 20 Jahre danach, bewegen andere Schlagzeilen als damals in den 90er Jahren die Nation. Viele fragen sich: Wie geeint ist die wiedervereinigte Nation? Welche Unterschiede gibt es denn noch konkret? Und der Verlauf des Abends zeigt, dass dies eher an einzelnen Geschichten erzählbar, aber kaum verallgemeinerbar ist. Das Aussehen der Städte, die Menschen, ihre Wohnungseinrichtung und so weiter ist sich inzwischen sehr ähnlich, denn "das Hässliche gibt es auch im Westen" (Elis). Auch sei es schwer, bei Schauspielern, Musikern, Sportlern etc gleich zu sagen, wo sie herkommen. So können z. B. Günter Grass mit "Ein weites Feld" und Uwe Tellkamp mit "Der Turm" oder der Maler Neo Rauch als gesamtdeutsche Künstler angesehen werden.

Und wie steht es im Alltag? Wer kocht besser? Da stehen sich Bio und beispielsweise Sächsische Küche gegenüber, während Fastfood schnell mit Begeisterung aufgenommen wurde und sich die Ostprodukte erst langsam wieder den Markt erobern mussten und nun auch im Westen gerne angenommen werden, oder mögen Sie keine Spreewaldgurken?

Und auch politisches Engagement regt sich nach der Friedlichen Revolution trotz aller Politik(er)verdrossenheit wieder, dies zeigen, laut Jürgs, die Anstrengungen gegen die Hamburger Schulreform, die Proteste gegen Stuttgart 21 und längere Atom-Laufzeiten oder die Aufmärsche gegen NPD und Neonazis.

Doch laut Elis ist das geringere politische Engagement im Osten auch dem Umstand geschuldet, dass debattieren erst einmal gelernt sein will. Und sie versteht auch die Reaktion des Ostens, der nach der Friedlichen Revolution das Heft aus der Hand an den Westen übergab, denn wer aus der Existenz fällt durch Arbeitslosigkeit etc., kann keine Revolution mehr weiterführen, zudem wollten viele die errungene Freiheit genießen, statt Politik zu machen. 

Mit den dabei angesprochenen Themen wie Arbeitslosigkeit, Altersarmut, Nichtanerkennung der Ost-Biografien und der Berufs-Abschlüsse, die wirtschaftlichen Umbrüche und die Überforderung einiger durch System- und zweimaligen Währungswechsel innerhalb weniger Jahre bekam der ansonsten sehr unterhaltsame und kurzweilige Abend ernste Untertöne, die sich bei dem Thema Ost-West wohl nicht vermeiden lassen. Auch an den Zuschauerreaktionen war die starke persönliche Betroffenheit trotz der vergangenen Zeit deutlich zu spüren.

Dennoch stand der Abend unter einem sehr versöhnlichen und einvernehmlichen Konsens und man gelangte zum Schluss zu dem Fazit: Die Gegensätze zwischen Ost und West sind regionale Unterschiede, wie sie es auch zwischen Nord und Süd gibt, und werden noch eine Weile bestehen, denn noch gibt es Unterschiede in der Sozialisation, da die Familiengeschichten und -erlebnisse von damals weiter transportiert werden und so in die nächsten Generationen übergehen. Um so mehr, da die Zeit des Mauerfalls und die der Wiedervereinigung besser aufgearbeitet ist und ein weit größeres Interesse erzielt als die Erlebnisse im Dritten Reich.

Dessen Aufarbeitung sei neben der zweiten deutschen Teilung (in Arm und Reich statt Ost und West) eine der Herausforderungen der Zukunft neben dem weiteren inneren Zusammenwachsen, ohne dabei Konformität zu wollen. Denn man habe große Sympathie füreinander trotz der erwähnten Unterschiede, auf die man auch stolz ist und sie zum Teil nicht missen möchte.

Also könnte nach 20 Jahren Deutsche Einheit stehen: Wir sind unterschiedlich. Na und.

Ellen Koth

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Kommentare

Robert    (07.10.2010 08:09h)
Der Osten selbst, die Leute auf den Straßen wollten eine schnelle Lösung: die D-Mark für alle. Gorbi hatte innenpolitische Probleme. Der Artikel 23 GG war die bessere Lösung als Art. 146 .. wir würden heute noch diskutieren ... 1989 war die DDR-Wirtschaft völlig heruntergekommen. Die D-Mark war eine soziale Lösung.

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