Friedliche Antwort

Der 3. Oktober 1990 und die Deutschen Frage

Mauerfall 858_1_71512

Nach dem Mauerfall (© Bundesarchiv 8581_1_71512)

Die Deutsche Frage hat die europäische Politik fast zwei Jahrhunderte lang beschäftigt. 1990 ist sie beantwortet worden. Friedlich.

In den Kriegen und Konflikten, in den historischen Verknotungen und politischen Verwicklungen ist zuweilen eine unheimliche Wiederkehr, aber auch ihre heimliche Auflösung verborgen. Während über Generationen hinweg ein Konflikt wie ein Fluch in immer neuen Formationen, als Grauen und als Farce, durch die europäische Politik spukt, tobt oder wütet, legt sich ein anderer und es herrscht plötzlich Frieden.

Das hat möglicherweise damit zu tun, dass ein Konflikt, der historisch wird, aufhört, Affekte und Dissens zu schüren. Die Deutsche Frage ist so ein Komplex, der zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung nicht mehr der Eindruck macht, als könnte er Kriege verursachen. Das war nicht immer so.

Die Deutsche Frage war stets ein emotionales Geflecht, ein hochentzündliches, brennbares Gemisch – und damit ein Sicherheitsrisiko im Herzen Europas. Im Grunde schwelte die Deutsche Frage seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts. Sie war, wie der Historiker Heinrich August Winkler sagt, "ein Jahrhundertproblem". Ihre Wurzeln liegen in der Zersplitterung in Kleinstaaten, in den Befreiungskriegen gegen Napoleon und in der nationalliberalen Bewegung des 19. Jahrhunderts, die versuchte, einen freiheitlichen Nationalstaat zu gründen. Schon 1848 stellte sich die Deutsche Frage als eine Frage nach Einigkeit und Recht und Freiheit, wie es in der 3. Strophe des Deutschlandliedes von Hoffmann von Fallersleben heißt. Damit war sie eine Frage nach der Staatsform, sie war aber auch eine territoriale Frage nach den Grenzen Deutschlands, damit war sie zugleich auch eine Machtfrage und somit eine europäische Frage der Sicherheit.

Die Revolutionäre von 1848 waren uneins ob der Deutschen Frage. Kleindeutsch oder großdeutsch, Republik oder Monarchie – die 1848er stellten die Deutsche Frage und sie fanden, zumal ihnen die Machtmittel fehlten, keine Antwort. Bismarck fand eine. 23 Jahre später. Er löste sie zunächst mit Gewalt: der Deutschen Krieg von 1866 entschied die territoriale Frage zugunsten einer kleindeutschen Lösung. Der Deutsch-Französische Krieg von 1870/71 entschied die Machtfrage und schuf die Voraussetzungen zur Reichsgründung. Bismarck bewies dann in den Jahren nach der Reichsgründung mit erfolgreicher Diplomatie und Bündnispolitik, dass er zumindest zu seinen Lebzeiten eine hinreichende Balance gefunden hatte. Im Inneren löste er die Frage der Staatsform mit der Verfassung des Deutschen Reichs, monarchisch, rechtsstaatlich und begrenzt demokratisch. Bis zum Ersten Weltkrieg hatte Bismarcks Konstruktion Bestand. Dann brach die Deutsche Frage wieder hervor, unheilvoll. 

Großdeutsche Ansprüche gewannen überhand. Sie führten 1914 in den Ersten Weltkrieg. Der Vertrag von Versailles und die Weimarer Verfassung schufen keine dauerhafte Friedensordnung. Seit Beginn der Weimarer Republik nutzten die Deutschnationalen Versailles als emotionalen Zündstoff für antidemokratische Hetze, ehe die Nationalsozialisten die Deutsche Frage in einer bisher nie da gewesenen Aggression beantworteten und dafür breite Zustimmung ernteten. Durch die rassistische, nationalsozialistische Vernichtungspolitik haben Deutsche den Zweiten Weltkrieg entfesselt, den industriellen Mord am europäischen Judentum begangen, die Zerstörung ihrer eigenen Städte heraufbeschworen und die Vertreibung von Deutschen aus Osteuropa provoziert.

Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs war Deutschland moralisch, politisch und wirtschaftlich ruiniert. Doch die Deutsche Frage blieb offen. Die Teilung Deutschlands löste zwar die Frage der Sicherheit, doch die Frage der Freiheit, der Staatsform und der Einheit erforderte stets zwei komplizierte Antworten. Wer zwischen 1945 und 1990 nach Deutschland fragte, der sah ein Problem, das sich seit 1961 sehr konkret veranschaulichen ließ: anhand der Berliner Mauer. 

Die Mauer machte deutlich, dass die Frage der Freiheit, der Einheit, der Staatsform und der Sicherheit stets ambivalent, ja doppelzüngig ausfiel. Man hatte jedoch die Frage ruhen lassen: um des Frieden willens. Man wollte nicht an sie rühren. Die Blockkonfrontation und die atomare Aufrüstung ließen es ratsam erscheinen, die Deutsche Frage nicht zu stellen, obwohl die Mauer als Symbol des Unrechts der Weltöffentlichkeit mitten in Berlin die ganze Absurdität und Unverträglichkeit im Bewusstsein hielt: da wurden mitten in einer europäischen Großstadt Menschen erschossen, weil sie versuchten, von einem Stadtteil in den anderen zu gelangen. 

Aber die Sicherheit ist ein hohes Gut. Die Frage der Freiheit und Einheit ließ sich ihr lange unterordnen. 1989 hingegen ließ sich die Freiheit nicht mehr unterdrücken. Von Polen aus, von Ungarn aus, vom Schlupfloch im Eisernen Vorhang aus, selbst von Moskau, von Gorbatschows Perestroika aus blitzte die europäische Idee der Freiheit 1989 in den Köpfen der Menschen auf. Und sie ließ sie ein Jahr lang nicht los. Die Freiheitsbewegung Europas brachte 1989 zunächst die kommunistische Macht in Polen zu Fall, dann durchlöcherte sie den Eisernen Vorhang zwischen Ungarn und Österreich, ehe unter dem Ansturm der Massenflucht und Massendemonstrationen auch das Bauwerk fiel, an dem die deutsche Frage sich mit allen ihren Schichten aufgetürmt hatte. Mit der Mauer fiel dank europäischer Verständigungspolitik auch eine Antwort auf die Deutsche Frage.

Es besteht nun seit dem 3. Oktober 1990 die  berechtigte Hoffnung, dass die Deutsche Frage tatsächlich beantwortet und somit Geschichte ist. Ein demokratisches Deutschland in Freiheit und Einheit ist ohne Frage ein Grund zur Freude.

Jochen Thermann

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