Meine Revolution, Teil III

Ein persönlicher Rückblick auf ein Jahr zwischen Revolution und Einheit

East Side Gallery 2008

East Side Gallery 2008 © flickr/Mike McHolm

Jeder hat seine ganz persönlichen Erinnerungen an den Herbst 1989, an das Jahr zwischen Revolution und Wiedervereinigung. Ein Jahr, das Weltgeschichte schrieb und in dem Privates politisch wurde. Wie haben die Macher von Revolution und Einheit dieses Jahr erlebt? Ein ganz persönlicher Revolutionsrückblick von Kaja Wesner.

Als West-Berliner Kind war die Mauer für mich ganz normal. Für geschichtliche Hintergründe habe ich mich damals nicht interessiert, ich habe nicht gefragt, warum es diese Mauer gibt, die mitten durch Berlin geht, zu welchem Zweck sie gebaut wurde und was mit den Menschen hinter der Mauer ist. Oder zumindest kann ich mich nicht daran erinnern – auch nicht daran, dass zu Hause über die politischen Geschehnisse in der DDR oder die Ost-West-Problematik insgesamt gesprochen wurde. Die Mauer war einfach da.

Ab und zu sind wir mit der Familie zum Brandenburger Tor gefahren und haben von einer hölzernen Aussichtsplattform aus über die Mauer geguckt – nach Ost-Berlin. Da wohnten die "Ossis". Genau so wie in West-Deutschland die "Wessis" lebten. Auch von den "Wessis" habe ich damals nicht viel mitbekommen – außer, dass sie in Schulklassen scharenweise nach Berlin gefahren sind, um sich das attraktive Absurdum dieser geteilten Stadt anzugucken. Wir selbst waren die "Berliner" und als solche fand man sowohl die "Ossis" als auch die "Wessis" doof, da gab es eigentlich gar keinen Unterschied.

Natürlich habe ich mit meiner Familie normalerweise keine Ausflüge ins Berliner Umland gemacht, dafür fuhren wir jeden Sonntag zum Spazierengehen an die Krumme Lanke, das Tegeler Fließ oder auch einfach nur in den Grunewald. Als Kind fand ich das zwar öde, eingesperrt habe ich mich aber nicht gefühlt. West-Berlin war in meinem damaligen Universum groß genug. Wir hatten "Ost-Verwandte" in Dresden und in Leipzig, wo jeweils Kusinen meiner Mutter mit ihren Familien wohnten. Zu Familienanlässen haben wir uns im Spreewald oder Ost-Berlin getroffen, und manchmal sind wir auch nach Dresden gefahren. Richtig gut kann ich mich an das "ostige" Briefpapier erinnern, das wir Kinder immer von unseren Verwandten in Päckchen zu Weihnachten geschickt bekommen haben. Dickes, öko-artiges Papier mit hässlichen Mustern. Dazu gab es den berühmten Dresdner Stollen.

Etwas gruselig waren die Urlaube, in denen wir mit dem Auto durch die DDR gefahren sind. Immer, wenn wir nach der Transitstrecke durch die DDR wieder nach Berlin eingereist sind, haben wir an langen Auto-Schlangen stundenlang an der Grenze gewartet. Unsere Ausweise mussten wir auf ein automatisches Fließbändchen legen. Erst direkt an der Grenze haben wir unsere Ausweise wiederbekommen.

Als ich 10 Jahre alt war, war die Mauer dann einfach offen. Die geschichtlichen Ereignisse, die der Öffnung voran gingen, habe ich verpasst. Aber vielleicht kann ich mich auch nur wieder einfach nicht daran erinnern. Nachdem die sensationelle Nachricht über die Lockerung der Reisebestimmungen für die Bürger der DDR in den Abendnachrichten kam, sind meine Eltern direkt zum Brandenburger Tor gefahren und haben uns Kinder einfach schlafen lassen. Meine Eltern hat das Ereignis stark berührt. In der Nacht der Maueröffnung haben sie die Bekanntschaft mit einer weiteren "Ost-Familie" geschlossen, mit der wir uns dann eine Zeit lang abwechselnd in West- oder Ost-Berlin getroffen haben. Ich kann mich daran erinnern, dass wir vier Kinder der beiden Familien im Sommer zusammen Eis gegessen haben und ich auch das erste Mal in meinem Leben auf einer ostdeutschen Schwalbe mitgefahren bin. Nicht viel später verlief die Bekanntschaft aber wohl im Sande.

Die Zeit nach dem Mauerfall war für mich als West-Berlinerin unheimlich spannend. Als Jugendliche bin ich mit meinen Freunden den langen Weg aus dem Süden Berlins nach Ost-Berlin gefahren, um dort den Charme der unsanierten Häuser zu spüren und in die neu entstandenen provisorischen Clubs zu gehen. Dagegen war die Atmosphäre in den West-Berliner Clubs oder Kneipen eher langweilig und gewöhnlich.

Das Stadtbild hat sich zumindest im Zentrum von Berlin in den letzten 20 Jahren so rasant verändert, dass kaum noch etwas auf einen möglichen Alltag im Ost-Berliner Stadtteil hindeutet. Ich finde es oft schade, dass diese spannende Umbruchszeit im Herbst 1989 mit ihren politischen und historischen Hintergründen einfach so an mir vorüber gezogen ist. Die tatsächliche Friedliche Revolution fand für mich also damals gar nicht statt. Die habe ich einige Jahre später nachgeholt.

Kaja Wesner

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