Legenden und Abschiede

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Presseschau September 2010

Das Buch eines alten DDR-Sportlers und Doping-Verantwortlichen strickt an alten Legenden. Unwahrheiten, Vorurteile zwischen Ost- und Westdeutschen werden wieder ausgegraben. Und Bärbel Bohley, eine der widerspenstigen und bis zuletzt unangepassten Symbolfiguren der DDR-Opposition ist gestorben. Die Presseschau im September.

Die Auflagenhöhe durch Provokation zu steigern, scheint derzeit Konjunktur zu haben. Am letzten Donnerstag erschien das Buch des ehemaligen Vizepräsidenten des Deutschen Turn- und Sportbundes der DDR Thomas Köhler. In "Zwei Seiten einer Medaille" erzählt er von seinem Leben und über Doping in der DDR: Doping sei zwar eingesetzt worden, aber nur, um in der internationalen Konkurrenz wettbewerbsfähig bleiben zu können. Außerdem seien die entsprechenden Substanzen kontrolliert und unter Einhaltung der medizinischen Richtlinien "selbstverständlich 'im Einvernehmen' mit den Sportlern" verabreicht worden. Von diesen verharmlosenden Aussagen fühlen sich viele anerkannte Doping-Opfer verhöhnt. DDR-Sportler wehren sich gegen Köhlers Behauptungen in der Süddeutschen Zeitung: "Wenn Köhler sagt, dass Minderjährige nicht gegen ihren Willen gedopt wurden, dann lügt er wie gedruckt", betont der ehemalige Langlauf-Trainer Henner Misersky. Auch Ines Geipel, ehemalige DDR-Sprinterin, erklärt: "Hier versucht jemand eine Geschichte umzudrehen, die längst geklärt ist." Das als "Geständnis" angekündigte Buch sei vielmehr eine "lancierte PR-Kampagne auf dem Rücken der Doping-Geschädigten".


Die Aussage der Sprecherin des Eulenspiegel Verlags dürfte die Empörung nicht gerade dämpfen: "Wir freuen uns natürlich über die Aufregung. Thalia hat gerade 800 Exemplare bestellt." Bislang habe sich kaum jemand für das Buch interessiert. 


Die Leiden der Doping-Opfer werden für das Verkaufszahlendoping und die Reinwaschung des 70-jährigen Köhler missbraucht. "So schnell kann es gehen. Ein paar entschuldigende und geschichtsfälschende Thesen zum längst aktenkundigen DDR-Staatsdoping genügen auch heute noch, um aus einem angehenden Ladenhüter über Nacht einen Kassenschlager zu machen."

Unter dem Titel "Nur nackt sind alle Deutschen gleich" bekräftigt Die Welt Vorurteile zwischen Ost und West. So etwa in einem Absatz unter der Zwischenüberschrift "Fehlende Souveränität im Umgang mit öffentlicher Kritik", in der diese vor allem den Ostdeutschen vorgeworfen wird. "Unabhängig vom Wahrheitsgehalt kritischer Äußerungen" fühlten sie sich "missverstanden oder sogar diffamiert [...]". Fragwürdige Charaktereigenschaften versucht der Autor an folgendem Beispiel zu verdeutlichen: "Vor allem Erfahrungsberichte von in den Osten umgesiedelten Westdeutschen, die die vermeintliche Unkultiviertheit der Einheimischen, ihre Subventionsmentalität und Undankbarkeit kritisieren, lösen stets helle Empörung aus." 
Derartige Äußerungen unabhängig vom Wahrheitsgehalt sind jedoch eher beleidigend als konstruktiv. Begriffe wie Undankbarkeit und Unkultiviertheit werden grob verallgemeinert und undifferenziert eingesetzt. Durch derartig grobe rhetorische Keulenschläge werden Vorwürfe geschürt und das Zusammenwachsen der Bundesbürger erschwert. 

Die DDR-Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley starb am 11. September 2010. Die Zeit widmet ihr einen Nachruf. Bärbel Bohley wuchs in der DDR auf und suchte sich ihre eigene Freiheit in der Malerei. In den 80er Jahren schloss sie sich der Friedensbewegung an und wurde eine ihrer führenden Persönlichkeiten.  Am 4. November 1989 sprach sie zusammen mit anderen Oppositionellen auf dem Alexanderplatz vor hunderttausenden Menschen. Die Zeit berichtet, wie Bärbel Bohley Markus Wolf, einen Vertreter der alten Stasi-Macht, zittern sah. Da habe sie zu ihren Mitstreitern gesagt: "So, jetzt können wir gehen, jetzt ist alles gelaufen. Die Revolution ist unumkehrbar." Die Stärken Bärbel Bohleys waren ihre Heiterkeit, mit der sie die Menschen für sich einnahm und ihre Fähigkeit, sich selbst zu hinterfragen und kritisch sowohl dem Zeitgeschehen als auch sich selbst gegenüber zu stehen. Nach der Wende ging Bärbel Bohley dahin, wo sie weiter helfen konnte, nach Bosnien, das immer noch mit den Folgen des Jugoslawien-Krieges zu kämpfen hatte. Ihre Krankheit zwang sie 2008 zurück nach Berlin, wo sie vor zwei Wochen verstarb.

Constanze Behr

Bärbel Bohley bei RevolutionundEinheit.de: Kalenderblatt zum Neuen Forum.

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