Der Tod des Treuhand-Herkules

Treuhand-Präsident Rohwedder wagt sich an die Aufgabe seines Lebens

Der Tod des Treuhand-Herkules

Rohwedder am 21.08.1990 © BArch Bild 183-1990-0821-025, Thomas Lehmann

Detlev Rohwedder ist eine schillernde Figur der jüngsten deutschen Geschichte. Und eine durchaus tragische. Den einen gilt er als postnationaler Held, als das einzige Todesopfer der Einheit. Für die anderen ist er der Sensenmann der Ostwirtschaft, ein kaltherziger Westmanager im feinen Zwirn. Bei seinen öffentlichen Auftritten nimmt Rohwedder kein Blatt vor den Mund. Er wählt starke Worte, wirbt aber auch stets um Ausgleich zwischen Ost und West. Rohwedder teilt aus, muss aber zunehmend auch einstecken: Im Sommer 1990 ist er der Hoffnungsträger der Deutschen, wenige Monate später ist er vor allem den Neubundesbürgern regelrecht verhasst, fühlt sich als großer "Buhmann". Heute ist der zweite Treuhandpräsident fast in Vergessenheit geraten – zu Unrecht, denn in seinem Leben laufen verschiedenste Stränge der jüngsten deutsch-deutschen Zeitgeschichte zusammen.

Am 13. September 1990 tritt ein Mann im eleganten Zweireiher mit den seinerzeit modischen Schulterpolstern an das Rednerpult der Volkskammer. Der Redner fällt inmitten der stets etwas bieder gewandeten ostdeutschen Abgeordneten aus dem Rahmen – aber die Äußerlichkeiten mögen da noch das Geringste sein. Er ist ein weltläufiger bundesrepublikanischer Wirtschaftskapitän, ein bestens vernetzter Manager der "Deutschland AG" – und seit dem 22. August 1990 zweiter Präsident der Treuhandanstalt. Als Rohwedder seine Rede beendet, spenden ihm fast alle Abgeordneten mit Ausnahme der PDS energisch Beifall. Dabei hat er ihnen gerade unverblümt mitgeteilt, sich aus praktischen Gründen nicht an ihre Vorgaben aus dem Treuhandgesetz gehalten zu haben.

Rohwedder hat die vier Treuhand-Aktiengesellschaften, die die Privatisierungen dezentral vorantreiben sollten, schlicht nicht gegründet. Er will die Macht nicht dezentralisieren – denn genau das ist das Ziel dieser Vorgabe gewesen, die die Ostabgeordneten ihren bundesrepublikanischen Verhandlungspartnern noch abringen konnten. Nie wieder zentral gelenkte Kommandowirtschaft. Der Präsident will aber die Fäden in der Hand behalten. Und wenn es dem schnellen Wirtschaftsumbau dienlich ist, dann praktiziert er eben noch ein bisschen Planwirtschaft. Rohwedder ist dabei kein Leisetreter. Er spricht von der "furchterregenden Dimension" der anstehenden Aufgaben. Die Volksvertreter wickelt er mit einem dieser typischen Rohwedder-Sätze um den Finger: "Erst kommt das Leben und dann die Paragraphen."

Detlev Karsten Rohwedder ist ein rastloser Mensch, der es sich nirgendwo dauerhaft bequem macht. Der frühe Treuhand-Chronist Marc Kemmler nennt ihn einen "Grenzgänger zwischen Wirtschaft und Politik" – und trifft damit ins Schwarze. Rohwedders Biographie hat etwas Rastloses, Getriebenes; ständig wechselt er das Berufsfeld, sucht und findet neue Herausforderungen. Rohwedder wird 1932 im thüringischen Gotha geboren, sein Vater Julius ist Buchhändler. Seine Jugendzeit liegt weitgehend im Dunkeln, doch führt der Weg westwärts: 1953 macht er sein Abitur in Rüsselsheim, studiert dann bis 1957 Rechts- und Wirtschaftswissenschaften an der Universität Mainz. Rohwedder schlägt zunächst den akademischen Karrierepfad ein und geht als Ford-Stipendiat nach Berkeley. 1961 wird er promoviert, doch er verlässt den Elfenbeinturm und engagiert sich in einer Düsseldorfer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft.

Die sozialliberale Wende von 1969 begeistert auch den jungen Wirtschaftsjuristen, der sich nach neuen Aufgaben sehnt, dieses Mal in der Politik: Er tritt bald der SPD bei, rückt in höchste Staatsämter auf, wird Staatssekretär im Bundesfinanzministerium. Sein neuer Chef ist der legendäre Karl Schiller. Als Staatssekretär ist Rohwedder zuständig für Energie- und Industriepolitik sowie den Außenhandel. All das sind gerade in den 70er Jahren keine leichten Aufgaben, im Gegenteil: Rohwedder verhandelt die Wirtschaftsabkommen mit der DDR und ist an der Bewältigung der Ölkrisen beteiligt, die die verunsicherte Bundesrepublik hart treffen. Hier findet er das Grundthema seines Lebens – er wird zum pragmatischen "Krisenmanager".

1979 zieht es Rohwedder zurück in die Wirtschaft. Wieder keine leichte Aufgabe, der nächste Krisenfall: Er wird Vorstandsvorsitzender des angeschlagenen Dortmunder Stahlkonzerns Hoesch. Über der Ruhr stehen Anfang der 1980er Jahre dunkle Wolken, der krisenhafte Strukturwandel in der westdeutschen Montan-Industrie ist in vollem Gange. Der Hoesch-Posten ist ein regelrechter Schleudersitz, Rohwedder also in seinem Element: Er baut das Traditionsunternehmen radikal um, spaltet Unternehmensteile ab, erschließt neue Geschäftsbereiche und vor allem: Er entlässt massenhaft Personal. Der umtriebige Hoesch-Chef wird dafür von den selbstbewussten Ruhr-Stahlarbeitern massiv angefeindet, die immer wieder in den Ausstand treten. Doch der Erfolg gibt Rohwedder Recht: Ab 1982 ist Hoesch wieder profitabel. 1983 wird Rohwedder von den Kollegen zum "Manager des Jahres" gewählt. In Dortmund lernt man Rohwedder schätzen. 1989 ist das runderneuerte Unternehmen kaum wiederzuerkennen: International orientiert, neue Spezialprodukte, Rekordgewinn. Als Manager kann Rohwedder kaum mehr erreichen: Er ist in der Wirtschaft des Ruhrgebiets bestens vernetzt, sitzt in zahlreichen Aufsichtsräten. Noch hat er sein ganz großes Ziel, die Fusion von Hoesch und Krupp, nicht erreicht, da beginnt plötzlich der stürmische Herbst 1989. Und die Welt verändert sich.

Rohwedder gehört zu den Menschen, die die turbulenten Entwicklungen dieser Zeit besonders elektrisieren – hat er doch als gebürtiger Thüringer immer auch ostwärts geblickt. Als im Frühjahr und Sommer 1990 die wirtschaftspolitischen Weichen gestellt werden, zeichnet sich am Horizont ein Projekt von gigantischen Ausmaßen ab: Der Privatisierung der DDR-Planwirtschaft. Das wird ihn nicht mehr loslassen, auch wenn er nach wie vor an Hoesch hängt. Als sturmerprobter "Sanierungsexperte" gilt der Sozialdemokrat Rohwedder vor allem Bundeskanzler Kohl als erste Wahl für den Chefposten bei der Treuhandanstalt, doch er zögert. Ist diese Aufgabe möglicherweise zu gewaltig, sind die Erwartungen zu groß? Er wird später vom Gefühl sprechen, das "Matterhorn mit einen Löffelchen abtragen" zu müssen; die konfliktreichte Hoesch-Sanierung erschien ihm dagegen als regelrechtes "Kinderspiel". Schließlich nimmt er die Herausforderung an, wird zunächst Chefaufseher. Dort liegt er mit dem zaudernden Präsidenten Gohlke über Kreuz, der schließlich entnervt das Handtuch wirft. Rohwedder wird am 20. August 1990 sein Nachfolger.

Rohwedder stürzt sich geradezu hemdsärmelig in die Arbeit in Ostberlin, mobilisiert seine Kontakte, rekrutiert westdeutsches Personal, wirbt allerorten um Unterstützung. Er spürt die immensen Hoffnungen und Erwartungen in Ost und West. Rohwedder gerät zwischen die Fronten, warnt beide Seiten: Das wird lange dauern und schmerzhaft sein. Er reist durch die Lande, gibt Interviews. Rohwedder spricht von der Einheit, von Patriotismus, von großen Aufgaben: "Ich komme aus der Wirtschaft und möchte, daß die Menschen in der früheren DDR möglichst rasch aus ihrer materiellen Inferiorität herausgeführt werden." Und er will sie führen. Im Osten blicken die Menschen zu diesem Mann der klaren Worte sehnsüchtig auf; in den westdeutschen Führungsetagen sind die Erwartungen ebenso groß. Vom "Herkules" aus dem Westen ist im Spätsommer 1990 die Rede. Wenige Monate mutiert er dann zum "Sisyphos", denn die Stimmung kippt. Die Unternehmer wenden sich von ihm ab, weil er ihnen kaum lukrative Geschäfte offerieren kann. Die Ostdeutschen strömen im Frühjahr 1991 wieder auf die Straßen und Plätze, protestieren gegen ihren einstigen Hoffnungsträger, als er ihre Betriebe schließt und die Arbeiter massenhaft entlässt. Es wird einsam um Rohwedder, nur das Treuhandpersonal schart sich bedingungslos um seinen angefeindeten Chef.

Am 1. April 1991, kurz vor Mitternacht, wird Rohwedder in seinem Düsseldorfer Wohnhaus durch einen gezielten Schuss aus einer gegenüberliegenden Wohnung ermordet, seine Frau Hergard schwer verletzt. Die genauen Hintergründe der Tat, zur der sich die RAF bekennt, werden nie endgültig aufgeklärt werden, Zweifel bleiben bestehen. Das seit dem Herbst 1989 rastlose Deutschland hält für einen Moment den Atem an, die Spitzen von Staat und Wirtschaft versammeln sich am 10. April 1991 in Berlin zum Staatsakt für Rohwedder. Bundespräsident von Weizsäcker würdigt die unbeirrte Entschlossenheit des Treuhandchefs, sein bedingungsloses Bemühen um einen Ausgleich zwischen Ost und West. Ein Jahr später wird das monumentale ehemalige Reichsluftfahrtministerium, seinerzeit Sitz der Treuhand-Zentrale, heute Quartier des Bundesfinanzministeriums, in "Detlev-Rohwedder-Haus" umbenannt. Doch Rohwedder, der so tragisch unvollendete Hoffnungsträger, der sich zwischen alle Fronten begeben hat, fällt weitgehend der Vergessenheit anheim. Bis heute.

Marcus Böick

 

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