Meine Revolution

Ein persönlicher Rückblick auf ein Jahr zwischen Revolution und Einheit

Revolutionäres Örtchen

Revolutionäres Örtchen © Jean & Nathalie / flickr

Jeder hat seine ganz persönlichen Erinnerungen an den Herbst 1989, an das Jahr zwischen Revolution und Wiedervereinigung. Ein Jahr, das Weltgeschichte schrieb und in dem Privates politisch wurde. Wie haben die Macher von Revolution und Einheit dieses Jahr erlebt? Ein ganz persönlicher Revolutionsrückblick von Andreas Stirn.

1989 lernte ich etwas, was mein Großvater, der mit seinen 80 Jahren vier politische Systeme und zwei Weltkriege erlebt hatte, schon lange wusste: dass nichts für die Ewigkeit gebaut ist, kein Staat und keine Mauern. Diese Erfahrung prägte mich. Es war die Erfahrung von grenzenlosem Aufbruch und Aufatmen. Und es war die Erfahrung von grenzenloser Verunsicherung. Selbst ich 14-Jähriger spürte, dass im Oktober 1989 eine drückende Last von diesem kleinen Land abfiel, in dem ich aufgewachsen war. Es war ein Druck, der mir erst bewusst wurde, als er nachzulassen begann.

Die Revolution selbst erlebte ich aus der Ferne, durchs Fernsehen, durch Zeitungen und durchs Radio. Revolution – das war etwas aus dem Geschichtsbuch, das waren Robespierre, Lenin, Luxemburg und Liebknecht. Alles andere war die Konterrevolution. So hatte ich es in der Schule gelernt. Im Geschichtsunterricht übten wir, die Geschichte als Zeitstrahl zu lesen. Hinter uns lag die Finsternis, vor uns der Kommunismus, und wo wir waren, im Sozialismus, da war es auch schon ziemlich gut. Besser als in Afrika und im Westen sowieso. So einfach waren die Dinge. Heute überlege ich manchmal, ob sie mir irgendwann zu einfach geworden wären. Wenn es anders gekommen wäre, als es gekommen ist.

Ich saß also in unserer Marzahner Plattenbauwohnung und las Zeitung. Wenige Monate zuvor war ich Mitglied der FDJ geworden, warum hätte ich nicht sagen können, obwohl ich in einem Gespräch mit der Verbandsleitung meinen Wunsch begründet habe. Vermutlich kannte ich die notwendigen Phrasen gut genug. Ich saß also in jenem Oktober 1989 auf dem Teppichboden des Wohnzimmers und las Zeitung. Die politischen Zusammenhänge erschlossen sich mir nur undeutlich. Aber ich spürte einen neuen Ton, eine Ungebundenheit der Sprache und Gedanken, die ich bislang nur aus der Belletristik, etwa aus Jewgeni Jewtuschenkos "Beerenreichen Gegenden" oder Tschingis Aitmatows "Der weiße Dampfer", nicht aber aus den DDR-Medien oder aus der Schule kannte. 1989 begann für mich als Sprachrevolution.

Am Morgen des 10. November weckte meine Mutter mich mit Worten, mit denen an diesem Morgen wohl tausende Kinder geweckt wurden: "Die Mauer ist offen." Ich glaubte ihr nicht, denn meine Mutter liebte es, ihre verschlafenen Kinder mit derlei Lügengeschichten aufs Glatteis zu führen. Einige meiner Klassenkameraden hatten bereits druckfrische Sonderausgaben West-Berliner Zeitungen in die Schule gebracht. Meine Klassenlehrerin, die uns in Staatsbürgerkunde unterwies, war nicht erfreut: "Jetzt wird es wie vor 1961" prophezeite sie und meinte damit die "Abwerbung" von ostdeutschen Fachkräften und weitere Übel des Kapitalismus. Staatsbürgerkunde wurde abgeschafft und ich prahlte mit meinem neu erworbenen Wissen über den Hitler-Stalin-Pakt. Meine Staatsbürgerkundelehrerin musste es mit säuerlicher Miene geschehen lassen. Ein Artikel in der "Wochenpost", in dem Christa Wolf dem DDR-Bildungswesen attestierte, die Schüler zur Unmündigkeit erzogen zu haben, rief bei den "Lehrkräften" meiner Schule wütende Abwehr hervor. Ihre Autorität war angekratzt, auch das hatte die Revolution vollbracht.

Kurz zuvor noch hatte meine Direktorin gedroht, meine Delegierung zur Erweiterten Oberschule – dem DDR-Gymnasium – zu verhindern, sollte ich mich als politisch unzuverlässig erweisen. Ganz ohne Absicht war ich von der ideologischen Ideallinie abgewichen. Sie hatte mich bei einem defätistischen Witz über den Namensgeber meiner Schule, einen kommunistischen Schriftsteller, ertappt. Dabei wusste ich längst, dass ich meinen Pullover von den Harlem-Globetrotters auf der Datsche meiner Eltern, nicht aber in der Schule tragen sollte. Er sah angeblich zu "amerikanisch" aus. Und dass ein Lied mit dem Refrain "Berlin, Berlin – dein Herz kennt keine Mauer" – ein Hit von 1987 – auf der Schuldisco nichts zu suchen hatte. Aber ich glaubte ebenso zu wissen, dass im Westen Arbeitslosigkeit herrschte und amerikanische Atomraketen auf Befehl Ronald Reagens jederzeit Plattenbauwohnung und Datsche zerstören könnten. Die grobschlächtige Angstpropaganda, die seit frühester Kindheit über mir und meinen Altersgenossen ausgeschüttet worden war, war nicht spurlos an mir vorbeigegangen.

Zwei Tage nach dem Mauerfall betrat ich erstmals die westliche Seite meiner Heimatstadt. Zuvor hatten wir uns ordnungsgemäß – eines der Schlüsselworte zum Verständnis des DDR-Deutschland – ein Visum auf dem völlig überlasteten VP-Revier abgeholt. 100 D-Mark Begrüßungsgeld gab es bei der Commerzbank gleich hinter dem Grenzübergang Chausseestraße. Und für 100 D-Mark gab es bei Karstadt eine Packung Choco Crossies – die kannte ich aus dem Werbefernsehen, einen Billigwalkman, der mehr schlecht als recht funktionierte, und "Bochum" von Herbert Grönemeyer. Die Platte war auch in der DDR erschienen, dort aber Mangelware. Meine Eltern hatten sie mit viel Glück Monate zuvor im volkseigenen Plattenhandel erstanden, um sie mir zum 15. Geburtstag zu schenken. Der Mauerfall machte ihr Geschenk überflüssig. So kam es, dass ich die deutsche Einheit in Gestalt einer ost- und einer westdeutschen Version des Schmusesongs "Flugzeuge im Bauch" kennenlernte. Klanglich war kein Unterschied zwischen Ost und West auszumachen.

Die Herbst-Euphorie verblasste. Die Öffnung des Brandenburger Tors kurz vor Weihnachten erlebte ich im Regen. Menschen standen auf mobilen Toilettenhäuschen, die mir bis dahin unbekannt gewesen waren, und versuchten einen Blick auf Kohl und Modrow zu erhaschen. Die Bilder, die ich mit meiner Plaste-Kleinbildkamera Marke "Beirette" aufnahm, waren unscharf, wie sich später herausstellte. Unscharf und unübersichtlicher wurde auch die politische Lage. Flugblätter, die die rechtsradikalen "Republikaner" in Leipzig verteilten, empörten mich. Angst vor Arbeitslosigkeit kursierte im frisch privatisierten Kombinat Elektroprojekt und Anlagenbau, in dem meine Mutter arbeitete. Unser erster West-Urlaub führte uns an die Nordsee. Auf dem Büsumer Wochenmarkt bestaunte ich sprachgewandte Verkäufer für Gemüseschnitzwerkzeuge und in einem Supermarkt RAF-Terroristen auf einem Fahndungsplakat. Ich wurde zum Abitur zugelassen, meine politische Ideallinie interessierte niemanden mehr. In der Kaufhalle vor unserem Plattenbau gab es plötzlich all die leckeren Dinge, die ich aus dem Werbefernsehen und dem Intershop kannte. Auch Schoko-Crossies. Und doch blieb der Osten noch lange Zeit wie Westfernsehen in schwarz-weiß. Ich mochte die Melancholie des Abschieds, die bis Mitte der 1990er Jahre in den bröckelnden Straßen des Prenzlauer Bergs hing.

Nichts bleibt wie es ist, hatte ich in diesem einen Jahr gelernt. Mich heimisch zu fühlen im neuen Deutschland ist mir nicht leicht gefallen. Ich habe die DDR nicht geliebt, aber ich kannte bis 1989 kein anderes Land, in dem man meine Sprache sprach. Die Revolution, die ich damals noch nicht als solche zu begreifen vermochte, zerstörte jene Gerade, als die ich mir bis dahin mein Leben vorgestellt hatte. Die Zukunft, auf die Eltern, Lehrer und ich selbst mich vorbereitet hatten, war nicht eingetreten. Der wohlgeordnete Zeitstrahl war verglüht wie eine Sternschnuppe im August. Alles schien möglich und nichts war mehr sicher in diesem Jahr zwischen Revolution und Einheit. Aber das geht wohl den meisten Menschen so, wenn sie gerade erwachsen werden.

Andreas Stirn   

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