Die Mauer in der Presselandschaft

Der Jahrestag des Mauerbaus wurde in der Presse sehr unterschiedlich behandelt

Presse

Presseschau August 2010

Umgang wie Aufarbeitung der Geschichte von DDR und deutscher Einheit lieferten auch in den vergangenen Wochen wieder ausreichend Material für zahlreiche Presseartikel. Der 13. August, als Jahrestag des Mauerbaus, nahm hierbei, wie nicht anders zu erwarten, einen besonders breiten Raum ein. Dabei kam wieder einmal zum Vorschein, dass die Frage, wie viel Bedeutung dieser praktischen Zementierung der deutsch-deutschen Teilung beizumessen sei, in der deutschen Presse noch lange nicht geklärt ist.

Die Junge Welt nutzte den Jahrestag lediglich, um auf den "Anti-Adler-Tag" hinzuweisen. Statt Mauerbau und kaltem Krieg versuchte sie so, das "Dritte Reich" und dessen Luftbombardements auf England ins Zentrum des Interesses zu rücken. Neues Deutschland beschäftigte sich unterdessen in dem Artikel "Eier legende Wollmilchsau?" mit der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Deren Veranstaltungen zum Jubiläum des Mauerbaus im besonderen, wie der DDR-Geschichte im allgemeinen, schienen der Zeitung an diesem Tag von besonderem Interesse. Dabei blieb auch die Zusammenarbeit der Stiftung mit den Zeitungen "Welt" und "Bild" im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit nicht unerwähnt. Letztlich gelang es so, auch diesen Artikel am eigentlichen Objekt des Jahrestages, dem Mauerbau, vorbeizuschreiben und sich einer längeren Stellungnahme zur deutsch-deutschen Grenze zu enthalten. Ganz anders hatte sich auf konservativer Seite Die Welt des Themas angenommen. Sie beschrieb die beiden Fluchtversuche des ersten und des letzten Todesopfers der Mauer. Beide hätten, so die Welt, "ohne Freiheit" nicht existieren können und deshalb ihr Leben aufs Spiel gesetzt, um der SED-Diktatur zu entkommen.

Doch auch abseits des Mauerjubiläums sorgte der Streit um den "richtigen" Umgang mit der Geschichte für anhaltendes publizistisches Interesse. So berichtete Die Welt von der Kritik ehemaliger DDR-Bürgerrechtler und Oppositioneller an der Dresdner Landeszentrale für Politische Bildung. Deren Direktor, Frank Richter, warfen sie vor, die Auseinandersetzung mit SED-Unrecht nicht angemessen zu bearbeiten. Er würde zu sehr auf eine "Versöhnung" mit den Tätern setzen. Richter hatte sich gegen eine Namensnennung von inoffiziellen Mitarbeitern der Stasi auf Veranstaltungen seiner Institution ausgesprochen. Die Welt ging an dieser Stelle noch einen Schritt weiter als die Kritiker und stellte die Frage, ob die Erinnerung an begangenes SED-Unrecht von ihm möglicherweise "vorsätzlich weich" gespült werde. Von linker Seite nahm Neues Deutschland sich der Frage des "richtigen" Erinnerns an. Im Artikel "Schon wieder Systemdenken?" versuchte die Zeitung aufzuzeigen, wie ein "Kult des gezielten Erinnerns", über die "offiziell verordnete Geschichtsschreibung", Erinnerungen an den Staat DDR in die Ewigkeit überführe. Glücklicherweise, so bemerkte sie, seien diesem Prozess, der am Erlebten der ehemaligen DDR-Bürger vorbeigehe, durch die zahlreichen Erörterungen in der Öffentlichkeit Grenzen gesetzt. Neues Deutschland zeigte sich deshalb verwundert, dennoch die Geschichtsdebatten weitgehend von "Hobbykriminologen" bestimmt zu sehen. Die "Heerscharen von Hilfsaufklärern im Staatsauftrag" seien durch sie kaltgestellt. Auch Die Welt versuchte noch einmal, sich der Thematik des Erinnerns auf breiterer Ebene anzunähern. Unter der Überschrift "Die Einheit sollten wir als Wunderwerk feiern" ging sie der Frage nach, warum die Wiedervereinigung in dieser späten Phase ihres 20-jährigen Jubiläums kaum noch gefeiert werde. "Merkwürdig still und verhalten" gehe es zu. Während dem Ganzen zum Jubiläum der Maueröffnung noch größte Aufmerksamkeit geschenkt worden sei, hätten die Jubiläen von Währungsunion und Einigungsvertrag eher das Aufkommen einer gewissen Jubiläumsverdrossenheit zum Ausdruck gebracht.

Dass auch die Auseinandersetzung um die Aufarbeitung der DDR-Geschichte, die Zerschlagung zahlreicher Legenden, noch lange nicht abgeschlossen ist demonstrierte Der Tagesspiegel. Im Artikel "Erbe Ost und Erbe West", führte die Zeitung aus, dass es sich bei der bisherigen Annahme, die DDR-Opposition habe sich für eine Öffnung der Stasiakten eingesetzt, um eine "Legende" handele. Nur ein radikaler Flügel der Bürgerkomitees und der Bürgerrechtler hätten 1989 wirklich gefordert, jedem Interessierten seine Stasiakte auszuhändigen. Beim Entschluss zur Freigabe der Akteneinsicht habe es sich vielmehr um einen gesamtdeutschen Kompromiss gehandelt, an dem "im Hintergrund" sogar Stasimitarbeiter beteiligt gewesen seien. Gegen die Legende vom besseren Schulsystem der DDR ging die Frankfurter Allgemeine Zeitung an. "Empirische Zweifel" an dessen qualitativer Überlegenheit seien durchaus angebracht. Ebenso seien die, von der SED immer wieder behaupteten, besseren Aufstiegschancen für Kinder von Arbeitern und Bauern in Zweifel zu ziehen. Lediglich einen Vorteil konnte die FAZ im Bildungssystem der DDR ausmachen: Durch die Zentralisierung des Schulsystems wurde die interdisziplinäre Erarbeitung effizienter Lehrpläne ermöglicht.

 Torben Gülstorff

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