Ruhiger Revolutionär

Der Physiker Hans-Jürgen Fischbeck bleibt ein Bürgerbewegter – immer wieder neu

Hans-Jürgen Fischbeck

Hans-Jürgen Fischbeck

Die Friedliche Revolution ist undenkbar ohne die Bürgerrechtler. Trotz ihrer Bedeutung für den Umbruch von 1989/90 zogen sich viele der damaligen Protagonisten wieder aus der großen Politik zurück. Hans-Jürgen Fischbeck war einer von ihnen. Seinen Mut zur Einmischung, mit dem er einst dem DDR-Regime widerstand, hat er bis heute behalten - Portrait eines Demokraten.

"Wie kann ein gottgerechtes, solidarisches Zusammenleben in unserer Welt gelingen?" – dies bleibt ein Lebensthema für Hans-Jürgen Fischbeck. Vor zwanzig Jahren rang er in der DDR für die Bürgerbewegung "Demokratie Jetzt" mit am "Runden Tisch" um ein neues Land. Seit 2001 lebt der heute 71-Jährige mit seiner Frau Jutta, zwei weiteren Paaren und Gästen in der christlichen Kommunität Grimnitz am Rande von Joachimsthal in der Schorfheide. Sein Haar ist ergraut. Er strahlt Ruhe aus, spricht mit klaren Worten und ausdrucksstarken Gesten.

Geboren wurde Hans-Jürgen Fischbeck 1938 im heutigen Tansania. Dort wirkten seine aus der Altmark stammenden Eltern als Lehrer für die Bethel-Mission. Im Sog des Zweiten Weltkriegs gelangte die Familie nach fast einjähriger Odyssee 1944 nach Stendal zurück. Geprägt vom Elternhaus und dem Widerspruch zum antikirchlich ausgerichteten sozialistischen Bildungswesen, konnte der bekennende Christ 1956 dennoch sein Abitur ablegen und ein Physikstudium an der Humboldt-Universität beginnen. Die politische Verunsicherung in der DDR nach Chruschtschows antistalinistischer Geheimrede half dabei.

Bis zur Abwicklung der Akademie der Wissenschaften der DDR 1991 arbeitete Fischbeck als Physiker am Zentralinstitut für Elektronenphysik. Weltanschaulich und politisch empfand er seine Abteilung als ein Refugium: "Ich glaube, wir theoretischen Physiker waren den Genossen etwas suspekt", deutet er es heute lächelnd. In der durch die Quantentheorie nachgewiesenen "Doppelstruktur der Wirklichkeit" fand er zudem eine befriedigende Antwort auf ein anderes Lebensthema: "Wie kann man die Wirklichkeit Gottes im Licht der modernen Wissenschaft verstehen?"

Mit seiner Frau, mit der er drei erwachsene Kinder hat, gelangte Fischbeck Anfang der 1960er Jahre in die Berliner Bartholomäusgemeinde. "Ich erlebte Gemeinden und Kirche in der DDR als Enklaven der Freiheit und Demokratie. Dort konnten sich Argumente entfalten, dort wurde gewählt", so Fischbeck, der von 1977 bis 1991 der Synode Berlin-Brandenburg angehörte. In verschiedenen Initiativgruppen tat er das seine dazu. So zählte er 1987 neben Almuth Berger – sie war damals Pfarrerin in Bartholomäus – und anderen zu den Initiatoren eines synodalen Antrages auf "Absage an Praxis und Prinzip der Abgrenzung", der weite Kreise zog. Über Seminare und eine Aktionsgruppe entstand ein oppositionelles Sammelbecken, das 1989 zur Keimzelle für "Demokratie Jetzt" wurde – mit Akteuren wie Ulrike Poppe, Konrad Weiß und Wolfgang Ullmann. "Wir wollten keinen ungeprüften Anschluss an die BRD, sondern eine Neuvereinigung, da weder der Staatssozialismus im Osten noch der Kapitalismus im Westen die großen Fragen der Menschheit würden lösen können", sagt Fischbeck. Schon im Sommer 1989 hatte er nach den massiven Kommunalwahl-Fälschungen vom 7. Mai mit seiner Gruppierung den späteren "Runden Tisch" in einem Brief an die Trägerkirchen der Ökumenischen Versammlung angeregt.

Von 1990 bis 1992 saß er für Bündnis 90/Grüne im ersten Gesamt-Berliner Abgeordnetenhaus. Anschließend wurde Fischbeck zum Studienleiter für Naturwissenschaften an der Evangelischen Akademie Mülheim/Ruhr berufen – als Ostdeutscher tief in den Westen. Dort setzte er bis 2003 den Dialog zwischen Theologie und Naturwissenschaften fort, vertiefte seine Arbeiten zur "solidarischen Ökonomie" und gewann Abstand von den politischen Enttäuschungen der Nachwendezeit. Zu denen zählt er neben den gescheiterten Hoffnungen auf großer politischer Ebene auch die "realitätsfremde Übertragung des volkskirchlichen Systems der EKD" (Evangelische Kirche in Deutschland) auf die ostdeutschen Kirchen.

Hans-Jürgen Fischbeck, der 1997 das Bundesverdienstkreuz erhielt, wird nicht müde gegen den Strom zu schwimmen. Half er früher mit, den Staatssozialismus und die "Abgrenzung" im DDR-Regime zu überwinden, so wirkt er heute unentwegt gegen Formen der sozialen Ausgrenzung und Vereinzelung von Menschen im "totalitär werdenden Marktkapitalismus". Zusammen mit Mitstreitern aus dem "Ökumenischen Netz in Deutschland" rief er den bundesweiten Zusammenschluss "Akademie Solidarische Ökonomie" ins Leben, die sich auf die Suche nach einer gerechten Alternative zum Kapitalismus gemacht hat. Gerade aus der Kirche erwartet er "wieder alternative Modelle, Enklaven des Andersseins". Nicht alle Visionen und Vorhaben fruchten: Der genossenschaftliche Wirtschaftsring Barnim-Uckermark wurde jüngst mangels Beteiligung aufgelöst; auch die Regionalwährung "Oderblüte" hat damit einstweilen ausgedient. Doch schon bereitet der unermüdliche Basisökonom einen Neubeginn mit einem Trägerverein "Energie-Allmende e.V." sowie einer Bürgeraktiengesellschaft für ökologische Landwirtschaft in der Region vor. Mit dem "Freien Gymnasium Joachimsthal" und der Stadt baut Fischbeck zudem einen Tauschring für gegenseitige und generationenverbindende Nachbarschaftshilfe auf. Heute aber stapelt er erst einmal Holz für die Winterversorgung der Kommunität. Ein wenig gebeugt ist dabei nur seine Körperhaltung.

Karl Hildebrandt

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