Das Normale im Unnormalen

Endstation Grenze. Der Bahnhof Friedrichstraße 1986

Endstation Grenze © Sutton Verlag

Endstation Grenze © Sutton Verlag

Während der Jahre der Teilung war der Bahnhof Friedrichstraße zweierlei: als Grenzübergang ein besonderer Ort, dessen Sonderrolle auch damals jedem, der sich hier aufhielt, bewusst wurde, gleichzeitig aber auch als Bahnhof ein Ort des Alltäglichen, Banalen, des Normalen im Unnormalen.

 

Hier fanden Ost-West-Begegnungen der verschiedensten Art statt, Wiedersehensfreude und Trennungsschmerz hatten hier ihren Ort. Gleichzeitig wurde umgestiegen, eingekauft, geraucht und getrunken. Fotografieren des Grenzübergangs war nicht gestattet, trotzdem gab es einige Mutige, die diesen ungewöhnlichen Ort auf Fotos festgehalten haben. Einer von ihnen war Michael Magercord, der 1986 hier gleich eine ganze Serie verbotener Aufnahmen machte, den Fotoapparat in einer Zigarettenschachtel versteckt. In einem Buch, das 2009 im Sutton Verlag erschienen ist, sind nun an die 70 dieser Aufnahmen zu sehen. Sie zeigen einen Ort, den es heute nicht mehr gibt, und eine Situation, die damals Berliner Alltag war, heute aber schon kaum noch vorstellbar erscheint.

Die Bilder des Buches werden umfangreich kommentiert durch einen Text, der zwischen literarischer Annäherung und komplexer Erklärung changiert und sich dabei mitunter etwas umständlich im Dickicht der komplizierten Berliner Verhältnisse der Teilungszeit zu verlieren droht. Es ist ja auch nicht einfach: Da gibt es einen Bahnhof, der auf Ost-Berliner Gebiet liegt, aber eine zentrale Funktion im West-Berliner Verkehrsnetz einnimmt, eine Grenze, die von der einen Seite als Staatsgrenze, von der anderen als Sektorengrenze innerhalb einer Stadt betrachtet wird und ein Verkehrstarifgebiet West, dessen Zuschnitt vom Verlauf dieser Grenze abweicht. Es gibt eine halbe Stadt, die sich als Teil der Bundesrepublik betrachtet, es aber eigentlich nicht ist, und eine andere halbe, die sich – gerade auch auf dem Bahnhof Friedrichstraße – bei jeder Gelegenheit als "Hauptstadt der DDR" präsentiert, obwohl sie nach westlicher Auffassung eigentlich gar nicht zur DDR gehört. All dies war schon damals für den Normalbürger schwer zu verstehen, aber es beschrieb eine Situation, die eben den Alltag in vielerlei Hinsicht prägte. Den Bahnhof Friedrichstraße heute aber jemandem zu erklären, der vor 1990 nie dort gewesen ist, ist offenbar eine echte Herausforderung. Schnell geraten die Erklärungen ebenso labyrinthartig wie einst die verschlungenen und verwirrenden Wege der Grenzabfertigung. 

Die Funktion als Umsteigepunkt innerhalb des West-Berliner Verkehrsnetzes war eine der wichtigsten des Bahnhofs. Dies ergab sich aus der Streckenführung der Berliner S- und U-Bahn, die größtenteils bereits vor der Teilung entstanden war. Ost-Berlin, das vielen West-Berlinern trotz der Dauerpräsenz der Mauer in weiter Ferne zu liegen schien, schob sich damit ein Stück weit in den West-Berliner Alltag. Wer etwa im Wedding wohnte und regelmäßig mit der S-Bahn vom Gesundbrunnen zum Bahnhof Zoo fuhr, für den war das Umsteigen im Bahnhof Friedrichstraße eine absolute Routine. So konnte und musste auch derjenige hier ein Stück Osten erleben, der sich ansonsten nie zu einem Besuch im anderen Teil der Stadt vorwagen oder aufraffen konnte. Ein Großteil der West-Berliner, die den Bahnhof regelmäßig passierten, dürfte hier vielfach um-, aber niemals ausgestiegen sein. Nur der kleinere Teil der Fahrgäste kam hierher, um nach Ost-Berlin einzureisen. 25 Jahre nach dem Mauerbau führten beide Stadthälften weitestgehend ihr eigenes Leben, existierten eher parallel zueinander als miteinander. Der Bahnhof Friedrichstraße gehörte zu den ganz wenigen Orten, die dieses strikte Schema der Abgrenzung ein Stück weit durchbrachen. Allerdings waren auch hier Ost- und West-S-Bahn streng voneinander getrennt. Um von einer Bahnhofshalle in die andere zu gelangen, musste der Reisende eine ausgiebige Prozedur von Pass- und Zollkontrollen durchlaufen.

Magercord war auf beiden Seiten unterwegs. Er zeigt Bilder von hüben und drüben, aus beiden Sphären des in sich geteilten Bahnhofs. Und nicht nur das: auch das geheimnisvolle Vorfeld mit seinen Wachtürmen und Sichtblenden und seine Ost-Berliner Umgebung sind zu sehen. Hier werden Orte in unmittelbarer Grenznähe gezeigt, etwa in der damaligen Hermann-Matern- und heutigen Luisenstraße, die heute beim besten Willen nicht mehr wiederzuerkennen sind. Auch ein paar Aufnahmen aus dem Lehrter Stadtbahnhof, dem ersten Halt in West-Berlin hinter der Friedrichstraße, sind hier zu finden, wo stets ein Wechsel zwischen S-Bahn-Fahrern der BVG und der Deutschen Reichsbahn stattfand, und der mittlerweile abgerissen ist.

 Lohnt es sich, über einen einzigen Bahnhof ein Buch zu machen – auch wenn er eine so außergewöhnliche Funktion hatte wie der Bahnhof Friedrichstraße? Auf jeden Fall. Magercords Aufnahmen machen deutlich, dass man es dort nicht nur mit einem Grenzübergang und einem Umsteigepunkt, sondern mit einem ganzen Mikrokosmos des geteilten Berlin zu tun hatte. Da sind die Rentner aus dem Osten, die zu Besuch nach West-Berlin fahren oder mit ihren Einkäufen von dort zurückkommen. Da sind die West-Berliner Säufer, die ihren billigen Fusel im Intershop kaufen und die Flaschen noch an Ort und Stelle leeren, um gleich wieder Nachschub zu besorgen. Da sind andere Intershop-Kunden, die ihre Zigaretten vor dem West-Berliner Zoll in Sicherheit bringen und ein paar Ausländer, die sich vermutlich ebenfalls auf dem Weg nach West-Berlin befinden. Da sind uniformierte DDR-Grenzer, die den Eingang zum Kontrollbereich für die Einreise in die DDR überwachen und Bahnhofsmitarbeiter, die die Intershops mit Nachschub versorgen. Und da sind immer wieder Wartende diesseits und jenseits des Kontrollbereichs, die auf das Erscheinen ihrer einreisenden oder ausreisenden Bekannten und Verwandten lauern.

Ein ganzes Panorama von Reisenden und Arbeitenden also tut sich hier auf, das durch Magercords Fotos vor dem Vergessenwerden bewahrt wird. Nicht zu sehen sind indes die bewaffneten Patroullien, die den Bahnsteig der Nord-Süd-S-Bahn regelmäßig auf- und abschritten, und vor denen die Reisenden stets respektvoll auswichen. Vermutlich hat auch Magercord nicht gewagt, sie zu fotografieren. Seine Aufnahmen sind – der Natur ihrer illegalen Entstehungsweise entsprechend – oft verwackelt und unscharf, dies unterstreicht aber eher noch ihre Authentizität.

Ein Fotobuch über den Bahnhof Friedrichstraße während der Teilungszeit war auch deshalb notwendig, weil der Bahnhof zu den verschwundenen Orten der Teilung gehört, von denen nach der Wiedervereinigung Deutschlands nichts übrig geblieben ist. Anfang der 1990er Jahre fegte ein radikaler Umbau durch das Gebäude, in dessen Ergebnis ein völlig neuer Bahnhof entstand, der fast nichts mehr mit dem früheren Ost-West-Begegnungsort gemein hat. Auch seine Funktion als Fernbahnhof hat er mittlerweile verloren und ist heute eher ein Knotenpunkt des Stadtverkehrs mit angeschlossener Fressmeile. Der benachbarte neue Hauptbahnhof hat ihm längst den Rang abgelaufen.

Wer heute einen authentischen Eindruck von der Atmosphäre des Grenzbahnhofs Friedrichstraße gewinnen möchte, hat dazu nur noch wenige Möglichkeiten. Interessante Impressionen bietet der Dokumentarfilm "Berlin, Bahnhof Friedrichstraße, 1991", dessen Aufnahmen entstanden, als die bedrückende Stimmung im Bahnhofslabyrinth allerdings schon einer vergleichsweise entspannten Atmosphäre gewichen war. In dem von Julia Franck 2009 herausgegebenen Band "Grenzübergänge" schildern verschiedene Autoren ihre Erinnerungen an die deutsch-deutsche Grenze, darunter mehrere auch an den Bahnhof Friedrichstraße. Einige ironische aber gleichwohl treffende Bemerkungen über die Stimmung im Grenzbahnhof finden sich etwa auch in Stefan Wolles "heiler Welt der Diktatur" unter der Überschrift "Der geteilte Himmel über Berlin". Diese verschiedenen Schilderungen und Erinnerungen lassen sich nun durch die heimlich aufgenommenen Fotos von Michael Magercord ergänzen.

Florian Giese

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