Bewährung im wilden Osten

Jungmanager und altgediente Ökonomen folgen dem Ruf in den Osten

© Handelsblatt vom 27.4.1991

© Handelsblatt vom 27.4.1991

Der Umbau der sozialistischen Planwirtschaft kann, so die im Jahr 1990 in Ost wie West weitgehend geteilte Überzeugung, kaum vom altgedienten Personal der Planungsbürokratie oder den Betriebsleitungen der Kombinate ausgehen. Über eine Million Altbundesbürger finden so nach und nach den Weg in den "Wilden Osten" – ein spannendes, obgleich nicht immer einfaches Kapitel der Wiedervereinigung: Die Sozialwissenschaftler nennen sie "Transfereliten", vielen Ostdeutschen hingegen erschienen sie schon bald als die Inkarnation des "Besserwessis".

Verschmitzt, fast linkisch blinzelt der mächtigste Mann der DDR durch seine machtvolle Hornbrille am Kameraobjektiv vorbei. Er sitzt auf einer hoffnungslos langweiligen Couch, hinter ihm eine mindestens ebenso hoffnungslos altbackene Tapete. Darunter, in schwarzen Lettern: "Ihn mußten wir leider entlassen. Wann fangen Sie an?" Ein durchaus freches Motiv für eine Personalwerbekampagne der Treuhandanstalt im Frühjahr 1991, an die sich zahlreiche Zeitzeugen noch Jahrzehnte später mit einem Schmunzeln erinnern werden. Der noch vor kurzem gefürchtete SED-Potentat wirbt unfreiwillig für die hochumstrittene Privatisierungsagentur in Ostberlin. Was nur zwei Jahre zuvor bestenfalls als Motiv eines ambitionierten Science-Fiction-Romans gedient hätte, findet sich nun Schwarz auf Weiß in allen großen bundesrepublikanischen Tageszeitungen. Doch die ironische Kampagne hat einen ernsten Hintergrund: Die Treuhandführung versucht händeringend studierte Ökonomen und Experten aus der Altrepublik für Führungspositionen zu gewinnen, die sie zu tausenden neu besetzen muss: In den Abteilungen und Niederlassungen der Treuhandanstalt selbst, aber auch in den tausenden Betrieben vor Ort.

Bereits im Sommer 1990 beginnt Treuhandpräsident Detlev Rohwedder systematisch mit der Suche nach geeigneten Kräften für den Wirtschaftsumbau. Hierfür lässt der bestens vernetzte Hoesch-Chef seine weitläufigen Kontakte innerhalb der "Deutschland AG" spielen. Ein gemeinsames Frühstück hier, ein eindringliches Gespräch in einer Bahnhofslobby dort. Der zweite Treuhand-Präsident ist überzeugt: Ohne eine grundsätzliche personelle "Blutauffrischung" aus der Bundesrepublik wird der im Juli 1990 mit der Währungsunion begonnenen ökonomischen "Schocktherapie" kaum Erfolg beschieden sein. Die alten Wirtschaftseliten der untergehenden DDR haben in seinen Augen im ureigensten Wortsinne abgewirtschaftet und kennen die Marktwirtschaft nur als verdrehte Karikatur aus marxistischen Lehrbüchern: Schwerfällige Bürokraten der Planungskommissionen oder zwielichtige Generaldirektoren der maroden Großkombinate, unfähig zu innovativem Unternehmertum und energischem Aufbruch zu neuen Ufern. Mit ihnen an der Spitze will Rohwedder keinen Neuanfang wagen.

Doch in den bundesrepublikanischen Vorstandsetagen hält sich der Wagemut zunächst in Grenzen. Während seit der Maueröffnung Heerscharen an mehr oder weniger windigen Geschäftemachern und risikobereiten Unternehmern sich auf den Weg nach Osten machen, zeigt sich die Elite der bundesrepublikanischen Wirtschaft eher reserviert. Bis zum 3. Oktober 1990 hat Rohwedder nicht einmal ein Dutzend Wirtschaftsexperten in Ostberlin um sich geschart. Schließlich bittet der  Treuhandpräsident Bundeskanzler Helmut Kohl um Schützenhilfe bei der Personalrekrutierung. Am 8. Oktober treffen beide mit den Spitzen der deutschen Wirtschaft im Bonner Kanzlerbungalow zum Kamingespräch zusammen. Rohwedder schildert eindringlich den Ernst der Lage, der Kanzler beschwört den Wirtschaftsumbau Ost als "nationale Aufgabe". Schließlich versprechen die Konzernchefs schnelle Abhilfe. Über einhundert abgeordnete Experten aus allen Branchen der Bundesrepublik finden so in den nächsten Monaten den Osten – nicht ganz uneigennützig, wie sich später zeigen wird.

Abseits dieser berühmten "Hundertschaft des Kanzlers", wie die Fachleute in den Medien mitunter spöttisch tituliert werden, zieht es vor allem zwei Gruppen ostwärts: Zum einen sind es junge Absolventen von den westdeutschen Hochschulen, denen sich quasi über Nacht völlig neue Betätigungsfelder abseits der heftig umkämpften Einstiegsjobs in der Altrepublik eröffnen. Andererseits folgen insbesondere altgediente Wirtschaftskapitäne um die 60 den Rufen aus Ostdeutschland und suchen hier im Spätherbst ihrer Karriere neue berufliche Herausforderungen. Demgegenüber hält sich das Engagement der mittleren Alterskohorten in engen Grenzen. Sie stehen fest im Berufsleben und scheuen die möglichen Unsicherheiten einer Karriereunterbrechung. Während die Jungen noch nichts und die Alten nicht mehr viel zu verlieren haben, erscheint den mittleren Führungskräften das Wagnis eines beruflichen Engagements fernab der Heimat zu groß.

Diejenigen, die schließlich den Schritt hinter den soeben gelüfteten "Eisernen Vorhang" wagen, werden noch Jahrzehnte später mit einer eigentümlichen Mischung aus Wehmut und Nostalgie von der abenteuerlichen Nachwendezeit berichten. Bei vielen dieser Geschichten und Anekdoten aus den frühen 1990er Jahren könnte der Abenteuerschriftsteller Karl May persönlich die Feder geführt haben. Der "Wilde Osten" erscheint als fremdes, raues, unfertiges Land der unbegrenzten Möglichkeiten, eine Art neudeutsche Frontier: Die Arbeits- und Lebensbedingungen sind katastrophal. Düstere Arbeitsräume in tristen Plattenbauten und maroden Industrieanlagen, veraltete Büroausstattungen oder überlange Kommunikationswege versetzen den Neuankömmlingen aus der hochmodernen westlichen Arbeitswelt einen Schock. Demgegenüber zeigen sich die unerfahrenen und unsicheren Einheimischen (zunächst) überaus lernwillig, hochmotiviert und für Neues aufgeschlossen. Nur wenige Jahre später wird sich diese euphorische Aufbruchsstimmung unter den Westdeutschen eingedenk der hartnäckigen Krisensymptome beim "Aufbau Ost" und der zähen Debatten um die unvollendete "Innere Einheit" indes kaum noch nachvollziehen lassen.

Im Ostdeutschland der frühen 1990er Jahre eröffnen sich dem Managernachwuchs ungeahnte Möglichkeiten zur professionellen "Bewährung". Ohne längeren Vorlauf können unerfahrene Mittzwanziger in Leitungspositionen einsteigen, in denen ihnen hunderte, oft zutiefst verunsicherte ostdeutsche Mitarbeiter unterstehen – was nicht selten zu Missverständnissen und Konflikten führt, da den Jungakademikern das notwendige Gespür für Personalführung fehlt. Ihre altgedienten Kollegen bekleiden demgegenüber die höchsten Positionen in Treuhandanstalt und Ostbetrieben. Sie genießen ihre neuen Freiheiten, fernab der vielfältigen Zwänge, Hierarchien und Routinen der westdeutschen Arbeitswelt. Hier können sie noch etwas Substanzielles bewegen, hier wird ihre langjährige Erfahrung geschätzt. Für viele sind zudem patriotische Motive bedeutsam – sie glauben fest an die nationale Rhetorik des "Aufbau Ost", die die Bundesregierung nun anschlägt.

Mit dem Wirtschaftsumbau betreten folglich nicht nur die Ostdeutschen Neuland, sondern gerade auch für das Westpersonal erweist sich das Unterfangen als beispielloser Sprung ins eiskalte Wasser. Die Hoffnungen, die von Beginn an auf den herbeigeeilten Managern und Experten ruhen, sind schier immens. Die Ostdeutschen blicken zu ihnen auf, erwarten wahre Wunderdinge, wollen die Marktwirtschaft im Schnelldurchlauf erlernen. Doch auch die Westmanager zeigen sich letztlich mit der Situation überfordert: Sie sind nicht mit den Zusammenhängen der sozialistischen Planwirtschaft vertraut, verstehen die hier gewachsenen Strukturen kaum und fremdeln mit den Belegschaften der Großkombinate sowie mit der ostdeutschen Bevölkerung. Oft verbringen sie ihre knapp bemessenen Feierabendstunden völlig unter sich und finden nur schwer Anschluss, während das Misstrauen der Ostdeutschen um sie herum beständig wächst, als Betriebsschließungen, Massenentlassungen und Arbeitslosigkeit zum grauen Alltag werden. Viele von ihnen werden nach einigen Jahren in die alten Länder zurückkehren, aber einige werden bleiben. Und das für immer.

Marcus Böick

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Kommentare

Siegfried Wittenburg    (16.08.2010 15:52h)
Neulich las ich zu diesem Thema in einem chinesischen Blog eine Weisheit: "Die Körper verändern sich nicht. Es wird nur die Kleidung gewechselt."

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