Der Geschmack des Alltags

Ein breit gefächerter Sammelband untersucht, wie die DDR erlebt wurde

Wie schmeckte die DDR?

Wie schmeckte die DDR? © Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig

Unter dem Titel "Wie schmeckte die DDR" versteckt sich kein Kochbuch. Doch wenn man bei dem Bild bleiben will: jeder der hier versammelten Beiträge steuert eine spezielle Zutat bei, um als Ganzes einen authentischen Geschmack, sprich ein besseres Verständnis von der DDR zu ermöglichen.

Dieser Band ist das Ergebnis einer zweiteiligen Ringvorlesung der Konrad-Adenauer-Stiftung, die unter diesem Titel 2008/2009 in Sachsen ausgerichtet wurde. Er vereinigt Beiträge so unterschiedlicher Persönlichkeiten wie beispielsweise Siegmar Faust, Dr. Joachim Gauck, Florian Havemann, Freya Klier, Christian Kunert, Hans-Joachim Maaz, Günter Schabowski, Prof. Wolfgang Schuller und anderen, die sich um eine angemessene Wahrnehmung und Beurteilung des Lebens in der ehemaligen DDR bemühen. Es stehen dabei wissenschaftliche Darstellungen neben persönlichen Erfahrungsberichten, die sich inhaltlich als auch sprachlich von der sachlichen Wissenschaftsprosa abheben.

Ziel der Ausführungen ist es, sich daran zu erinnern, wie die DDR war und wie die Menschen sie erlebt haben. Dies bringt Beiträge hervor, die sich einzelnen Lebensbereichen widmen und nach Alltagserfahrungen fragen.

Scheinbare Randthemen wie Musikkultur, politischer Witz, Sport, Reisen und weitere Möglichkeiten, um aus dem Alltag zu fliehen, finden verstärkt Erwähnung.

So nimmt Ruth Leiserowitz das unbekannte Thema der "Reisefreiheit" in östliche Richtung unter die Lupe und berichtet von illegalen Reisen in und durch die Sowjetunion, von exotischen Früchten mittelasiatischer Händler neben sowjetischer Propaganda, vom Trampen, Gastfreundschaft und der Befriedigung von Neugier, Fernweh und Abenteuerlust.

Michael Richter untersucht das Konsumverhalten der Ostdeutschen und kommt zu der Erkenntnis, dass die entwickelten unterschiedlichen Markt- und Überlebensstrategien in Ost und West uns alle prägten und noch heute beeinflussen. Die DDR-Bürger halfen sich mit "Improvisation, Findigkeit und Beziehungen" über die Versorgungsprobleme hinweg, wie das Anna Kaminsky an lebensnahen Beispielen zeigt.

Die alltäglichen Missstände fanden natürlich in zahlreichen politischen Witzen ihren Niederschlag. Christoph Kleemann gibt in seinem Beitrag neben Bemerkungen zum Witz im Allgemeinen auch zahlreiche Beispiele von politischen Witzen, die sich in der DDR großer Beliebtheit erfreuten, aber auch hart bestraft wurden.

Andere Beiträge widmen sich der Rolle der Kirchen, der Fremdenfeindlichkeit in Ostdeutschland, dem Bildungs- und Erziehungswesen und nehmen sowohl Opposition als auch Systemträger und die heimliche Macht der inoffiziellen Mitarbeiter ins Visier. Durch die Vielfalt der versammelten Artikel wird thematisiert, was Bürger der DDR schätzten, aber auch, unter was sie litten, denn es soll keine Verklärung, sondern Aufklärung betrieben werden, besonders auch für jüngere Menschen, die die DDR nicht mehr kennen gelernt haben.

Ergänzt werden die Beiträge neben biografischen Informationen zu den 45 AutorInnen und einem Personen- und Sachregister durch einen statistischen Rückblick. Er enthält Daten aus Sachsen aus der Zeit der DDR, denen vergleichbare Zahlen aus dem heutigen Freistaat gegenübergestellt wurden, zum Beispiel über die Bevölkerungsstruktur und das Wohnungswesen.

Ziel des Buches ist es, den Weg zu einer "Kultur des Erinnerns" zu ebnen und zu einem neuen Dialog anzuregen, "der nicht nur zwischen West und Ost, sondern auch (wieder) zwischen Ost und Ost geführt werden sollte", so der Herausgeber Dr. Joachim Klose. Zugleich stellt das Buch den mutigen Versuch dar, die Lebenssituation und die Lebensleistungen der ehemaligen DDR-Bürger zu würdigen.

Ellen Koth

Joachim Klose (Hrsg.): Wie schmeckte die DDR? Wege zu einer Kultur des Erinnerns. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig, 2010.

512 Seiten, 29,80 €, ISBN 978-3-374-02754-5

 

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