"Und plötzlich waren wir Verbrecher"

Buchvorstellung und Lesung in der Gedenkstätte Berliner Mauer

Hinter Gittern © Allie Caulfield/flickr

Hinter Gittern © Allie Caulfield/flickr

Die Geschichte einer gescheiterten Flucht aus der DDR ist ein Ereignis, das tiefe Spuren im Leben der Flüchtenden und Angehörigen hinterlässt. Die Geschwister Michael Proksch und Dorothea Ebert haben ein Buch über diesen Teil ihrer Familiengeschichte geschrieben. Am 28. Juli haben sie es in der Gedenkstätte Berliner Mauer vorgestellt. Ein außergewöhnlicher Abend.

"Das bin ich? Hier in dieser Zelle?"

Es verspricht ein emotionaler Abend zu werden. Der graue, zurückhaltend gestaltete Raum, steht im krassen Gegensatz zu den Schicksalen, die das Publikum zu hören bekommen wird. Das Alter einiger Anwesenden lässt erahnen, dass mancher hier ähnliche Erfahrungen gemacht hat wie die Autoren. Der Seminarraum im ersten Stock des Besucherzentrums der Stiftung Berliner Mauer in der Bernauer Straße Ecke Gartenstraße mit Blick auf die neu erschlossenen Grünflächen der Gedenkstätte ist an diesem kühlen Donnerstagabend gut gefüllt. Neben den Autoren des Buches spricht Freya Klier, Schauspielerin und Autorin, die selbst in ihrem Leben immer wieder auf Konfrontationskurs mit der DDR-Regierung geriet, bis sie 1988 verhaftet und ausgebürgert wurde.

Nach einer kurzen Begrüßung und Erläuterung des Veranstaltungsablaufs fasst Freya Klier das Buch in eigenen, sensiblen Worten zusammen. Sie beginnt mit einer Beschreibung der schlechten Wohnverhältnisse in den Altbauten im Dresden der frühen achtziger Jahre. Doch in der Inneren Neustadt, finden Künstler und Intellektuelle, Studenten und Menschen am Rande der Gesellschaft auch eine gewisse Freiheit. In diesem Umfeld leben die Geschwister Proksch, beide Musiker mit außergewöhnlichem Talent. Sie erfahren Förderung und damit die Aussicht auf eine vielversprechende Zukunft. Doch in der DDR zählt auch in der Musik nicht nur Talent, auch als Musiker muss man an der Universität vor allem politische Seminare besuchen. Michael fehlt der Mut sich zu widersetzen. Dorothea erlebt die "freie Welt" auf einer Musikreise nach Paris, sieht die Welt danach mit anderen Augen und kann die Enge, das "Lügengebilde" zuhause nicht mehr ertragen.

Freya Klier beschreibt die "typische Gefühlswelt" in dieser Bruchzeit des "Gerade-noch-Bleiben zu Doch-Gehen", mit den Worten "Ohnmacht, Schamgefühl, Zorn, Angst".  Dies führt dazu, dass die Geschwister Proksch – sie sind zu viert: Mitbewohner Gerd und Dorotheas Ehemann Matthias – 1983 doch den Entschluss fassen zu fliehen. Die Unsicherheit und die Unmöglichkeit, sich ihren Eltern mitzuteilen, zermürben sie, doch am Ende ist der Druck so groß, dass man selbst die Todesangst in Kauf nimmt.

Die Flucht ist schlecht vorbereitet. Es soll über Ungarn nach Österreich gehen. Schon in Ungarn müssen die Pläne geändert werden und man entscheidet sich für einen Fluchtweg über Bulgarien nach Jugoslawien. Anhand von – wie sich im Nachhinein herausstellt – gefälschten Touristenkarten, gelangen die vier Flüchtigen im bulgarisch-jugoslawischen Grenzgebiet in ein Netz von Vorgrenzen und lösen unbemerkt Alarm aus. Über 16 Stunden unterwegs, sich selbst schon auf der sicheren Seite wähnend, laufen sie der bulgarischen Staatssicherheit in die Arme.

Mit dem Flugzeug werden sie nach Sofia ins Gefängnis gebracht. Dabei die Grenze im Blick, fällt es schwer zu realisieren, was eigentlich geschehen ist. Völlig erschöpft, nehmen sie die katastrophalen Verhältnisse im bulgarischen Gefängnis wie in Trance wahr. Nach einigen Tagen werden die Häftlinge, die nun als "Politische" ganz unten in der Hierarchie rangieren, nach Deutschland transferiert. Dorothea kommt nach Hoheneck, Michael zunächst nach Cottbus, später nach Brandenburg. Die hygienischen Bedingungen sind hier besser, doch auch hier wird schikaniert und misshandelt.

Nach 16 Monaten Gefängnis werden Dorothea und Michael, sowie Gerd und Matthias vom Westen frei gekauft. Die Geschwister ziehen nach München und verfolgen ihre Musikerkarrieren weiter. Es hat über 20 Jahre gedauert, bis sie ihre Erlebnisse niederschreiben, bis sie überhaupt miteinander darüber sprechen konnten.

Die Erlebnisse, von Dorothea völlig verdrängt, kamen erst wieder durch den Film "Das Leben der anderen" zurück ins Gedächtnis und das Bedürfnis wuchs, sich mit dem Erlebten auseinander zu setzen. Auch die Mutter sollte involviert werden, auch für sie war die Haftzeit ihrer Kinder die schwerste Zeit in ihrem Leben. All das sollte in einem Buch als Familiengeschichte zusammengefasst werden.

Die beiden Autoren wirken zurückhaltend und schüchtern, als sie das Podium während der Musik (Stück "D-Mut") von Michael Proksch betreten. Sie beginnen die Lesung mit Textbeispielen aus der Zeit Anfang der achtziger Jahre. Sie beschreiben die zermürbenden Selbstzweifel vor der Flucht, die Schwierigkeiten eine Entscheidung zu treffen bei all dem, was man zurück lassen muss. Und doch fühlen sie sich dazu gezwungen, weil man eine "Verantwortung dem eigenen Leben gegenüber hat", so Dorothea Ebert. Die Flucht selbst: Der schwere Abschied von den Eltern, die nichts wissen, die paralysierende Angst und gleichzeitig das Adrenalin, das die jungen Leute immer weiter treibt.

Die Beschreibung der Haftzeit fällt den Autoren sichtlich schwer. Als Dorothea Ebert in Hoheneck inhaftiert ist, besinnt sie sich ihrer Leidenschaft und nimmt "spielerisch die Haltung eines Geigers ein". Sie spielt im Geiste in der Zelle ein Stück von Bach und in ihr wird es "warm" und "hell". Sie erzählt, wie die Musik ihr und ihren Mithäftlingen im Gefängnis Kraft gegeben hat. Die Autorin spielt dem Publikum mit ihrer Geige das Stück vor.

Ihrem Bruder erging es anders. Als er in die Haftanstalt Brandenburg verlegt wurde, wurde er zu schwerer körperlicher Zwangsarbeit verurteilt. Die körperlichen Folgen dieser Zwangsarbeit verhinderten später ein professionelles Musikstudium. Trotz allem zieht auch er etwas Positives aus all dem: Das enge Zusammenleben mit den unterschiedlichen Mithäftlingen hat ihn viel über die menschliche Seele und über sich selbst gelehrt.

Als die vier jungen Leute von der Bundesrepublik frei gekauft werden und Dorothea ihren Mann Matthias im Bus, der sie in den Westen bringen sollte, wieder trifft, stellt sie fest, dass in ihr "alles taub" ist und nichts zu ihr "durchdringen" kann. Sie ist nicht in der Lage zu weinen und auch ihr Mann ist ihr fremd. Sie schließt: "Ein Lebensgefühl, das mich noch lange begleiten wird."

Ein weiteres Musikstück von Markus Proksch ertönt durch die Lautsprecher und beendet die Lesung. Die Stimmung im Raum ist ruhig, das Publikum nachdenklich. Die Autoren bleiben auf dem Podium, denn nun ist die Diskussion geplant. Herr Dr. Ulrich Mählert von der Stiftung Aufarbeitung, der gut vorbereitet die Moderation bei der Diskussion führen wollte, überrascht sich selbst und das Publikum, indem er den Abend hier abbricht. Seine Begründung: "Jede weitere Diskussion wird die Nachdenklichkeit verhindern! Dieses Buch ist Medizin in einer Debatte, in der alles totdifferenziert wird!" Er scheint damit das Bedürfnis des Publikums zu erfüllen, denn der Vorschlag und der Vortrag werden mit kräftigem Applaus honoriert. Kaum ist die Veranstaltung vorbei, bildet sich am Büchertisch schon eine lange Schlange.

Sophia Freund

Dorothea Ebert und Michael Proksch: Und plötzlich waren wir Verbrecher. Geschichte einer Republikflucht. Herausgegeben von Ina-Maria Martens
Mit s/w-Bildteil, dtv, 320 Seiten, 14,90€,  ISBN 978-3-423-24799-3.

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