VEB Zauberberg

Uwe Tellkamps großer Endzeitroman "Der Turm"

Tellkamps "Der Turm"

Durchbruch auf dem Gebiet der Wenderomanproduktion?

Wer den "Turm" besteigen will, braucht Kondition und Ausdauer. Doch die Mühe wird belohnt mit überwältigenden Ausblicken auf eine DDR, so kunstvoll und reich, wie sie in Wirklichkeit nie gewesen ist. In unserer Reihe "Die ewige Suche – die Sehnsucht nach dem großen Wenderoman" stellt Andreas Stirn Uwe Tellkamps "Der Turm" vor.

Es ist alles eine Frage der Zeit in diesem Buch, und Zeit heißt hier zunächst vor allem Stillstand. Von den letzten sieben Jahren der DDR wird erzählt, doch nach 500 von knapp 1000 Seiten sind kaum die ersten beiden Jahre vergangen. Mit  chirurgischer Präzision und fast zwanghafter Fabulierlust entwirft Uwe Tellkamp die durchaus faszinierende Topographie eines Archipels, das grau, eng und brüchig, zugleich aber auch überraschend reich und vielgestaltig ist.

Ein scheinbar endloser Erzählfluss umspielt die Inseln dieses Archipels. In einem schillernden Panoptikum ziehen seine zuweilen etwas schablonenhaft gezeichneten Bewohner, vom altersschwachen Antifaschisten bis zum karrierebewussten Zyniker, vorüber.
Uwe Tellkamps
Und mittendrin steht der von altem Glanz kündende "Turm", in den sich das bürgerliche Dresden mit einem guten Buch und Erinnerungen an bessere Zeiten zurückgezogen hat. Hier wächst Christian, das Alter Ego Tellkamps, mit Cellospiel und Stefan Zweigs "Welt von gestern" auf.

Zuweilen ermüdet das ornamentale Erzählen, das Cinemascope-Format, die gleich bleibende Ausdauer, mit der dieser vom Willen zur Kunst besessene Autor seinen Stoff stemmt. Aber auch das scheint noch ein wohl kalkulierter Kunstgriff zu sein, denn wie sonst ließe sich der Überfluss an Zeit, die Perspektivlosigkeit dieses Archipels in Sprache übersetzen? Thomas Manns im "zeitlosen Jetzt" verharrender Zauberberg blitzt am Horizont auf. Einzig ein im Stil des sozialistischen Realismus gehaltenes Bild in der Toilette der Parteiführung erinnert noch an die Utopie des Kommunismus.

Tellkamp nimmt sich die Zeit, ein Land im Stillstand zu zeigen. 1983 ist wie 1984 ist wie 1985... Doch dann, endlich, gewinnt die Erzählung an Tempo. Auf zehn Seiten fliegt 1987 vorbei. Vom "Turm" geht es hinab in die Ebene der Braunkohlensteppe, in der Christian seinen von Brutalität und Stumpfsinn geprägten Armeedienst abreißt. Es geht tiefer hinab in die labyrinthischen Keller der Militärgefängnisse, hinab in die apokalyptisch verseuchte Industrieprovinz, wo Arbeiter wie "Verdammte" im Inferno der Karbidöfen schuften. Dort erweist sich das sozialistische Archipel endgültig als Klassengesellschaft und der Autor lässt für einen Moment die etwas steife intellektuelle Distanz fallen, die er sonst seinen Figuren gegenüber pflegt.  

Dem Stillstand folgt die Beschleunigung und schließlich der rasende Absturz. Der gemächliche Erzählfluss gerät in einen Strudel, stürzt in einem furiosen Schlussteil dem November 1989 entgegen, verschlingt das zukunftslose Land. Ein Doppelpunkt beendet diesen schweren, großen Roman. Die Geschichte geht weiter. Eine Fortsetzung hat Tellkamp bereits angekündigt.

Andreas Stirn

Uwe Tellkamp: Der Turm. Geschichte aus einem versunkenen Land, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2008, 24,80 €.

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Highlights

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